Der Marktplatz von Hohenmölsen.
Marktplatz von Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

"Nationalatlas" des Leibniz-Instituts Ostdeutsche Kleinstädte bluten aus

Fast jede dritte deutsche Kleinstadt hat in den letzten Jahren Behörden, Schulen und Kliniken verloren. Vor allem im Osten schwindet das Angebot an öffentlichen Dienstleistungen. Das zeigen Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Länderkunde.

Der Marktplatz von Hohenmölsen.
Marktplatz von Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

Das Angebot an öffentlichen Dienstleistungen hat sich seit der Jahrtausendwende in vielen ostdeutschen Kleinstädten rapide verschlechtert. Aber auch Hessen gehört im Ländervergleich zu den Verlierern. Das hat das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in seinem "Nationalatlas aktuell" aufgelistet.

Von deutschlandweit 478 untersuchten Kleinstädten haben seit 2001 demnach 148 Städte an sogenannter zentralörtlicher Bedeutung verloren. Lediglich 46 Städte verzeichneten einen Bedeutungsgewinn.

Kriterien dabei waren Einrichtungen über die Grundversorgung hinaus. Dazu wurde die Ausstattung der Kommunen mit Amtsgerichten und Kreisverwaltungen, Gymnasien und Volkshochschulen sowie Krankenhäusern verglichen.

Osten leidet besonders stark

Im bundesweiten Vergleich verloren besonders stark Kleinstädte im Ostdeutschland an regionaler Bedeutung.

Das Rathaus von Oschersleben.
Rathaus der Kleinstadt Oschersleben. Bildrechte: dpa

Die Autoren der Studie führen das zu einem guten Teil auf Kreisgebietsreformen zurück. Stark betroffen sind demnach Sachsen, wo 14 Kleinstädte Einrichtungen verloren, sowie Sachsen-Anhalt (11). In Thüringen mussten vier Kommunen Federn lassen.

Der Wegfall wichtiger Versorgungsangebote in Kleinstädten beruht nach Auffassung der IfL-Wissenschaftler zu einem guten Teil auf politischen Entscheidungen. Sie stünden oft im Widerspruch zum erklärten Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen herzustellen.

Kleinstädte In Deutschland gibt es aktuell 522 Kleinstädte bzw. Stadtrechtsgemeinden mit zehn- und zwanzigtausend Einwohnern. Die Gesamtzahl  und das räumliche Verbreitungsmuster haben sich in den letzten 17 Jahren nur geringfügig verändert. In diesen Kleinstädten leben etwa 7,57 Millionen Menschen, etwas mehr als neun Prozent der Bevölkerung.

Die Kleinstädte prägen wesentlich die Siedlungs- und Raumstruktur Deutschlands. Sie sind Konzentrationspunkte von Wirtschaft, Handel und Dienstleistungen sowie sozialer und administrativer Infrastruktur. Davon profitieren nicht nur die Einwohner, sondern auch umliegende Gemeinden.

Verlierer auch im Nordosten und in Hessen

Von dem Negativtrend war Mecklenburg-Vorpommern am stärksten betroffen. Im Nordosten verloren zwei Drittel der kleinen Städte ihren Kreissitz, ihre Amtsgerichte und andere Einrichtungen. Auffällige Verluste fanden die Wissenschaftler zudem in Hessen, wo sich die Zahl der Amtsgerichte um die Hälfte und die Zahl der Gymnasien um ein Drittel verringert hat.

Gewinner vor allem im Westen

Ihre Funktion als regionale Zentren stärken konnten vor allem Kleinstädte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, hauptsächlich durch den Ausbau von Bildungseinrichtungen.

Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) Das IfL mit Sitz in Leipzig ist das einzige außeruniversitäre Forschungsinstitut für Geographie in Deutschland. Dort werden regionalräumliche Strukturen und raumwirksame Entwicklungen analysiert. Das Institut wird von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Sachsen finanziert. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören insgesamt mehr als 90 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. April 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 09:34 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

8 Kommentare

11.04.2018 18:20 OHNEWORTE 8

Jeden Tag aeussert sich ein GROKO Politiker ,was sie schon alles machen,gemacht,haben wollen ,werden - aber es geht weiter wie immer , und die Grokoisten ueben jeden Tag sich zu beklatschen .. Der Club der Willigen -Weiter so Macher.

11.04.2018 16:54 Fragender Rentner 7

Ostdeutschland blutet schon seid den 1990 Jahren aus !!! :-(((

10.04.2018 20:28 Werner 6

@10:55 kritiker 5: "Wenn man Angehörige hier zu pflegen hat kann man nicht weg !" Wohin? Damit ist die Frage indirekt beantwortet, warum die ostdeutschen Städte und der Osten insgesamt ausbluten. Ah, Ja - der Arbeit hinterher. Ohne Moos nix los. Die seit DDR-Zeiten bestehende verlängerte Werkbank ist noch viel viel länger geworden, und reicht bis ans Ende von Asien. Unsere ehemaligen vietnamesischen Freunde sind jetzt Konkurrenten. Hr. Genscher hatte beim Wegzug von Nokia aus Bochum nach Rumänien 2004 angemahnt, dass die betroffenen Arbeitnehmer in Bochum das "als Solidarität" mit den Rumänen sehen sollen. Hat mich fast vom Stuhl gehauen. Aha, "Solidarität" wie heute und damals haben es Manche schon "falsch gesehen". Auch noch im Westen, wo doch eigentlich der Osten... usw.. Kann man nach dieser Aussage Niemandem mehr übel nehmen, der z.Bsp. aus "Solidarität mit der Schweiz" und "Solidarität mit seinem eigenen Vermögen", seinen Wohnsitz "Woandershin" verlagert. Kleiner Scherz.

10.04.2018 10:55 kritiker 5

Wenn man Angehörige hier zu pflegen hat kann man nicht weg ! Außerdem ist die hohe Arbeitslosigkeit noch immer schlimm für geringqualifizierte bzw. Helfer ! Daher muss gerade im strukturschwachen Regionen Sachsen-Anhalts aber auch den Restlichen neuen Bundesländern sowie Teile Westdeutschlands ein sozialer Arbeitsmarkt vorrang haben ! Hier muss die Politik endlich Handlungsfähigkeit beweisen und nicht noch 4 Jahre ins Land verstreichen lassen ohne das wir endlich mal vorankommen !

10.04.2018 10:14 Axel 4

Macht weiter so Politiker,
macht den Osten PLATT!

10.04.2018 09:43 emil 3

das wundert einen auch gar nicht, denn die öffentlichen einrichtungen tun für uns schon lange nichts mehr. wir sind bloss noch staatliche verfügungsmasse.

10.04.2018 08:02 Ilsebein 2

Jahrzehntelang wurden die Weichen der Bundespolitik Falsch gestellt.
Die verlängerte Werkbank des Westens wo man durch niedrige Löhne viel verdienen kann, Steuern natürlich am Sitz des Unternehmens abgeführt werden. So etwas ist nicht Zeitgemäß.

10.04.2018 07:58 Spottdrossel 1

Das sind doch die geeigneten Ansiedlungsräume für die Migranten. Sie können da Kleinunternehmen und Kultureinrichtungen wie beispielsweise Musiker aufspielen lassen, schaffen. Diese werden weitere Leute anziehen und die Orte werden wieder attraktiv und lebenswert.