Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt
Bestand der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund wirklich nur aus Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt? - diese Frage will die Broschüre "Unter den Teppich gekehrt" klären. Bildrechte: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung/dpa

Weitere Gerichtsverfahren gefordert Studie zeigt NSU-Netzwerk in Sachsen auf

Beim Münchener NSU-Prozess sitzen immerhin vier mutmaßliche Unterstützer neben Zschäpe auf der Anklagebank. Doch das Umfeld des Terrornetzwerkes war vermutlich größer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Sachsens SPD-Fraktionsvize Homann fordert nun weitere Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche NSU-Helfer. Die Autoren der Analyse mahnen aber auch, dass ein Großteil der Straftaten schon verjährt ist oder bald verjähren wird.

von Sebastian Hesse

Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt
Bestand der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund wirklich nur aus Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt? - diese Frage will die Broschüre "Unter den Teppich gekehrt" klären. Bildrechte: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung/dpa

Die 60-seitige Broschüre des Dresdener Vereins Kulturbüro Sachsen, "Unter den Teppich gekehrt. Das Unterstützungsnetzwerk des NSU in Sachsen", liest sich fast schon wie die Blaupause einer Anklageschrift. Nicht nur die Straftaten, die dem NSU auf sächsischem Boden zugeschrieben werden, sind dort ausführlich dokumentiert: Es sind vor allem Namen zu lesen. Namen von rechten Organisationen, Namen von rechten Aktivisten.

Nattke: Acht eindeutige Unterstützer noch nicht angeklagt

"Also die Bundesanwaltschaft und das Bundesamt für Verfassungsschutz gehen von 129 möglichen Unterstützerinnen und Unterstützern des NSU aus," sagt Co-Autor Michael Nattke vom Kulturbüro. "Wir haben in Sachsen 40 Namen uns genauer angeschaut, - Menschen, die mit dem NSU in Kontakt standen -, und aus diesen 40 haben wir letztlich acht in der Broschüre publiziert. Wo klar ist: Das sind eindeutig Unterstützer des NSU, die heute noch nicht angeklagt sind!"

Hohmann fordert weitere Anklagen

Die meisten der Genannten kommen Beobachtern des Münchener NSU-Prozesses bekannt vor: Sei es, dass sie im Rahmen der Beweisaufnahme genannt wurden, oder sogar als Zeugen vorgeladen. Der Gastgeber vom Mittwochaben, der stellvertretende SPD-Fraktionschef im sächsischen Landtag, Henning Homann, denkt jedoch schon über das Prozessende hinaus. Spätestens am Tag des Urteils müsse von Seiten der Politik gefragt werden, was dann komme. Um "noch mal klar die Forderung in den Raum zu stellen: Wir erwarten auch, dass die juristische Aufarbeitung der NSU-Verbrechen mit dem Ende des Zschäpe-Prozesses eben noch nicht zu Ende ist. Sondern dass auch im Unterstützerkreis oder potentiellen Unterstützerkreis weiter ermittelt wird und dass dort weitere Anklagen folgen!"

Dritter NSU-Ausschuss auf Bundesebene nicht in Sicht

Doch wird es dazu kommen? Die sächsische SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich, die stellvertretende Vorsitzende im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundes war, klingt nicht sehr optimistisch. "Wir werden wahrscheinlich damit leben müssen, dass es offene Fragen geben wird. Wir wissen nicht, wie die Rolle von einzelnen Personen tatsächlich war. Aber wir haben den ermittelnden Behörden durchaus Hinweise gegeben, wo wir sehen, wo sie noch weiter arbeiten können."

Der Ausschuss hatte sich mit der Rolle der Ermittlungsbehörden zu befassen und der SPD-Abgeordneten ist bis heute schleierhaft, warum an den Tatorten nicht gründlicher nach Unterstützern Ausschau gehalten wurde. "Wenn man da nichts findet: Gut, dann müssen wir uns damit abfinden. Aber dass man überhaupt nicht erst die Szenen ausgeleuchtet hat, das finde ich wirklich beängstigend", sagt Rüthich

Auf der Bundesebene sei jedoch seitens der Politik erst einmal alles getan. "Einen dritten Ausschuss sehe ich jetzt erst mal nicht! Es sei denn, es gäbe noch neue Ansätze, die wir jetzt nicht sehen."

Nattke wart vor Verjährung

Abzuwarten können sich die Ermittler jedoch nicht leisten, mahnt der Mitverfasser der NSU-Umfeld-Erhebung, Michael Nattke: "Es gibt das Verjährungsproblem. Also ein Großteil der Straftaten sind inzwischen verjährt. Und deswegen wird vieles davon einfach nicht mehr angeklagt werden können." Nattke hofft, dass seine Erhebung zum Unterstützernetzwerk diese Dringlichkeit ins Bewusstsein rückt.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 26.10.2017 | 05:47 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 10:07 Uhr

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17 Kommentare

27.10.2017 14:31 @16 (Ichich) 17

"Das Kulturbüro Sachsen e.V. hat in einer aufwendigen Recherchearbeit die Dokumente der Untersuchungsausschüsse, des Gerichtsprozesses in München und zahlreicher Publikationen zum Thema intensiv ausgewertet."

Was haben Sie anzubieten?

27.10.2017 13:02 Ichich 16

"Viele Unterstützer" ... habt Ihr auch Zeugen ?

26.10.2017 22:56 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 15

@ 14. Klara Morgenrot:
Zitat "Seit 1979 ist in der Bundesrepublik Deutschland Mord von jeglicher Verjährungsfrist ausgenommen!!!!"

Vollkommen richtig in beiden Sinnen, jedoch werden eben Unterstützer nicht wegen Mord angeklagt, wenn sie nur ein Auto oder Papiere zur Verfügung gestellt haben.

26.10.2017 19:40 Klara Morgenrot 14

@Nesrin
Die DDR wurde erst 1949 gegründet. Davor war der 8.Mai 1945. Schauen Sie sich die Strukturen der SED und der NSDAPD an. Die DDR hat NS-Mörder, wenn sie dem System genutzt haben, nicht verurteilt. Es waren übrigens Deutsche die gemordet haben. Ein Herr Stalin war auch nicht besser. Die Masse hat mitgemacht. Kollektivschuld wie in der DDR. Es gibt viele Koordinaten zwischen der NS-Zeit, der DDR und heute. Ich habe nicht behauptet, die DDR hätte die Juden ermordet. Der Industriemord war davor.
Bin parteilos schon immer und kein Mitläuer wie der Rest der deutschen Scheinheiligen. Nie gewesen. Im Gegenteil. Kann Ihnen Geschichten erzählen, da schlafen Sie nicht mehr ruhig. Meine Meinung ist, jeder Mord muss verfolgt werden. Ob in der NS-Zeit, in der DDR und heute. Seit 1979 ist in der Bundesrepublik Deutschland Mord von jeglicher Verjährungsfrist ausgenommen!!!!

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26.10.2017 19:01 Elbsandstein 13

@10: Leute, die hier vom Thema ablenken, stellen sich selber ein Armutszeugnis aus.

Die merken ja selber, dass man die Terror-Taten des NSU nicht mehr schönreden kann. Es passt denen aber nicht, dass hier über diese Verbrechen öffentlich geredet wird. Also versuchen sie verzweifelt abzulenken und das Thema zu wechseln. Diese Masche nennt man "Whataboutism".

26.10.2017 18:22 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 12

Es wäre außerordentlich bedauerlich, wenn tatsächliche Unterstützer des NSU durch Verjährungen davonkommen könnten.

... was dann allerdings auch Motivation für Verzögerungstaktiken im laufenden NSU-Prozeß sein könnten... und eben auch Grund für Zschäpes langes Schweigen und Aussagen zu unwiderlegbaren Vorwürfen... und zu Aussagen als letzte Überlebende des Trios.

An anderer Stelle wurde öffentlich gesagt, Tatsachen könnten die Bevölkerung beunruhigen.
Das paßt bei befürchteter Panik und bei befürchteter Rebellion.
Könnte ich die Wahrheit wirklich ertragen?
Je ne sais pas! (frei fr. "Keine Ahnung!")

26.10.2017 16:50 Kontrovers 11

Liebe Foristen, ob Sie es glauben oder nicht, die meisten Thüringer und Sachsen interessiert es gar nicht was herausgefunden wurde oder wer noch beim sogenannten NSU dabei war.

26.10.2017 16:04 @7 (Grunewald) 10

Ich frage mich ja, warum Sie unbedingt das Thema Linksextremismus bei einem Artikel zu den NSU-Morden anbringen müssen. Doch nicht etwa um die mörderischen Taten der Nazis zu relativieren???

26.10.2017 15:54 Nesrin 9

Es ist eine Zumutung für die Hinterbliebenen der Opfer, das der deutsche Staat weiter das Märchen von dem isoliert handelden NSU-Trio aufrecht erhalten möchte, obwohl es sowohl handfeste Beweise für ein breites Unterstützerumfeld, sowie mindestens für ein Mitwissen, wenn nicht sogar eine Unterstützung durch den Verfassungsschutz gibt. Nachdem die Opferfamilien schon bis zur Selbstenttarnung des NSU durch Polizei und Presse durch den Dreck gezogen wurden, geht so die Erniedrigung weiter...
@Klara Morgenrot: Es tut mir schrecklich leid für Sie, das alte NS-Mörder immer noch strafverfolgt werden und es mag auch sein, das einige alte SED-Mänenr glimpflich davon kamen, aber was soll dieser widerliche Vergleich von NS und DDR?? Hat die DDR etwa einen Weltkrieg inclusive Vernichtungsfeldzug durch Osteuropa gestartet? Hat die DDR 6 Millionen Juden und Jüdinnen industriell vernichten lassen? Nein, solche Vergleiche haben nur den Zweck, die Verbrechen der NS-Deutschen zu relativieren.

26.10.2017 13:35 Klara Morgenrot 8

SED-oder NSU-Verbrechen werden vom Schreibtischtäter einfach geschreddert.
Es kann sich keiner erinnern, wie immer.
Das geht seit 1933 schon so!
Zu taufrisch, NS-Verbrecher jagt man doch auch noch. Diese Straftaten verjähren auch nicht. Sächsische Behörden sind SED-Altleichen gepaart mit CDU-Spießgesellen die ihre Fahne gewechselt haben. Dieser politischer Sumpf muss ausgehoben werden!!!!

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