Hände an einer Tastatur
Der Attentäter aus Halle hatte sich im Internet radikalisiert. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Nach dem Anschlag in Halle "Es gab diesen Tätertypus in Deutschland schon"

Der Attentäter von Halle war sozial isoliert und hat sich unter Gleichgesinnten im Internet radikalisiert. Ein Tätertypus, der nicht neu ist, sagen Experten. Doch die Sicherheitsbehörden hätten nicht darauf reagiert.

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Der Attentäter aus Halle hatte sich im Internet radikalisiert. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Nach dem Attentat von Stephan B. in Halle wird die Kritik an der Ermittlungsarbeit der Polizei immer lauter. Extremismusforscher Florian Hartleb erklärt, den selben Tätertypus habe es mit David Sonboly schon vor drei Jahren gegeben. Sonboly hatte am 22. Juli 2016 im Alter von damals 18 Jahren neun Menschen mit Migrationshintergrund in München erschossen. "Der Täter war ähnlich sozial isoliert, vernetzt, auf einer Spieleplattform, auch stark mit der Spielesprache", erklärt Hartleb die Lebenswelt der beiden Attentäter. Stephan B. als auch Sonboly hätten das Ziel gehabt, "die Opfer zu verhöhnen", ihr Waffenmaterial besorgten sie im Darknet.

Rechtsterrorist Anders Behring Breivik als Vorbild

Der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik hatte im Juli 2011 zunächst acht Menschen bei einem Bombenanschlag in Oslo getötet und anschließend auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation erschossen. Er wurde 2012 zur in Norwegen geltenden Höchststrafe von 21 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt und sitzt in Isolationshaft.

Breivik hatte ein mehr als 1.500 Seiten umfassendes sogenanntes Manifest geschrieben, in dem er seine menschenverachtende Ideologie darlegte. Kurz vor dem Attentat machte er es über das Internet der Öffentlichkeit zugänglich. Nach seiner Schreckenstat wurde viel darüber berichtet. Das war es, was Breivik gewollt hatte: viel Aufmerksamkeit.

Für die neue Tätergeneration in Deutschland und weltweit ist Breivik ein Vorbild. Sonboly beging sein Attentat am gleichen Datum wie Brevik, am 22. Juli. Sonboly hatte sich auf ähnlichen Internetforen radikalisiert wie Stephan B., benutzte exakt dieselben menschenverachtenden Begriffe und war rechtsextrem. Die Ermittlungen in München ergaben zahlreiche Anhaltspunkte für ein rechtextremes Motiv hinter der Tat. Sonboly war stolz, am gleichen Tag wie Hitler geboren zu sein. Auf seinem Rechner hinterließ auch er eine Art krudes Manifest.

Fehleinschätzung im Attentat-Fall Sonboly

Trotz des klaren rechtsextremen Motivs des Täters von München wollte die bayerische Staatsregierung jahrelang von Rechtsterrorismus nichts wissen. Innenminister Herrmann sagte damals, jeder müsse selbst entscheiden, wie er das einordnen wolle. 

Es ist natürlich fatal, wenn hier alle Kriterien eines Rechtsterroristen, der als Einzeltäter gehandelt hat, erfüllt sind und man dann davon spricht, dass es eine unpolitische Tat war. Deswegen ist es natürlich im Grunde auch eine gewisse Bankrotterklärung, die man hier abgeliefert hat.

Florian Hartleb, Extremismusforscher FAKT
Florian Hartleb
Florian Hartleb, Extremismusexperte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Fehleinschätzung im Fall Sonboly hat viele Fehler nach sich gezogen. Die Einstufung als unpolitischer Einzeltäter führte dazu, dass das internationale rechtsextreme Netzwerk, das Sonboly umgab, nicht weiter im Fokus der Ermittler stand. Ein Gesinnungsgenosse und enger Chat-Partner von Sonboly, auf den es klare Hinweise und Zeugenaussagen als möglichen Attentäter gab, verübte Monate später eine Nachahmungstat in den USA und tötete zwei Menschen. Erst dann fingen die deutschen Behörden an, das virtuelle Netzwerk zu untersuchen. Doch wichtige Zeugenaussagen wurden zwischen den Ermittlungsbehörden nicht weiter gegeben. Das bis heute gültige LKA-Gutachten über den Münchner Attentäter basiert auf Fehleinschätzungen. Ein Abschlussbericht liegt heute - über drei Jahre nach der Tat - immer noch nicht vor.

Der Attentäter in Halle lebte und agierte virtuell wie der Attentäter von München. Mit der Erkenntnis hätte man im Internet nach Nutzern mit dem selben Tätermuster suchen können. Doch aufgrund der fehlerhaften Ermittlungen nach dem Attentat von Sonboly flossen lange keine konkreten Erkenntnisse in die praktische Polizeiarbeit und Personalplanung ein.   

"Nicht einmal ein Prozent des Personals der Sicherheitsbehörden ist für Netzthemen zuständig."

Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger benennt ein großes Defizit bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus im Netz. "Es gibt eine Studie, die geht davon aus, dass nicht einmal ein Prozent des Personals der Sicherheitsbehörden für Netzthemen zuständig sind", erklärt er das Dilemma der Personalsituation. Die Lebenswelt vieler Menschen spielt sich heute aber auf vielen Ebenen in der virtuellen Welt ab.

Was will man in einem Raum machen, wo die Menschen mehr Zeit verbringen, alle Altersgruppen, als im physischen Raum selbst, wo man nicht einmal ein Prozent des Personals hat? In anderen Ländern sind das ganz andere Quoten, wo die Polizei dafür zuständig ist oder die Sicherheitsbehörden.

Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkrimonologe FAKT

Seehofer: "Wir brauchen neue Konzeptionen"

Bundesinnenminister Seehofer, einst als bayrischer Ministerpräsident mitverantwortlich für die fehlerhafte Einstufung der Tat von München, scheint nun für die Problemlage sensibilisiert zu sein. "Wir brauchen neue Konzeptionen, um an diese schwierige Täterklientel heranzukommen", sagt er. Aber wichtig seien auch "Prävention und Maßnahmen, um solche frustrierten Menschen in die normale Spur zurückzubekommen."

Eine Forderung Seehofers ist, dass Bekannte rechtsextreme Gefährder stärker überwacht werden sollen. Aber den internationalen, virtuellen Terrorismus wird man diesen Methoden nicht gerecht. Welche Wege man hier gehen muss, dazu forscht Miro Dittrich seit vier Jahren im Auftrag der "Amadeo Antonio Stiftung". Er recherchiert in den rechten Chaträumen den sogenannten Boards, in denen auch Stephan B. unterwegs war.

Miro Dittrich
Miro Dittrich, Rechtsextremismusexperte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stephan B. mag in der realen Welt ein Einzelgänger und sozial isoliert gewesen sein. Doch im Internet traf er auf Gleichgesinnte. "Das zeigt, wie falsch es ist, ihn hier als Einzeltäter zu bezeichnen", betont Miro Dittrich. "Auch wenn er hier alleine gehandelt hat, radikalisiert wurde er in diesen Boards. Auf den Boards wird sich ausgetauscht, welche Waffen man am besten benutzt, welche Ziele man angreift. Die Leute stacheln sich gegenseitig dazu an. Wir haben es hier also mit internationalem Terrorismus zu tun", schätzt der Rechtsextremismusexperte weiter ein.

Der Generalbundesanwalt ermittelt im Fall Stephan B. nun wegen Terrorismus. Doch bisher wurden im Internet radikalisierte rechte Täter - wie in München - nicht als Terroristen eingestuft, ganz anders als im Bereich Islamismus. Für Miro Dittrich ist auch das eine fatale Fehleinschätzung. "Wenn ein Islamist mit dem IS geskypt hat, zählt das als internationaler Terror", erklärt er. Wenn die Leute sich aber auf Plattformen radikalisiert hätten, "zählt das eben nicht."

Aber Terror funktioniert 2019 nicht mehr so, dass es fest organisierte Gruppen sind, sondern dass ist immer eine lose Organisation.

Miro Dittrich, Rechtsextremismusexperte FAKT

Neue Ermittlungsstrategien für neue Art des Terrors nötig

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Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die sich in den losen Strukturen der Foren und Boards radikalisierenden Nutzer aufzuspüren, bedarf es auch neuer Ansätze bei der Polizei. Etwa verdeckte Ermittler, die sich in der Szene bewegen, um die Sprache, die Codes und den makabren Humor der Attentats-Sympathisanten verstehen, beherrschen und einschätzen zu können. Wichtig ist hier, dem Alter der Board-Nutzer angemessene Ermittler einzusetzen. Cyberkriminologe Rüdiger erklärt, der "Erlebnisraum" müsse erforscht werden. "Das kann man meines Erachtens nur, wenn man 18- bis 25-jährige internet- und spieleaffine junge Menschen ansetzt, die auch genau diese Sprache verstehen und die sich hier auch hineindenken können", so der Experte. Hier gehe es um Täter-Typen, die 16 bis 18 Stunden täglich am Computer verbringen. Ermittler, "mit 50 bis 60 Jahren, die sich gelegentlich mal im Internet schlau machen", agierten dann nicht auf Augenhöhe.

Um junge Menschen, die sich viel im Netz aufhalten vor einem Abdriften in virtuelle rechte Chat-Rooms zu schützen, müsse  auch die Spieleindustrie in die Pflicht genommen werden. Bisher ist diese von Gesetzgebungen ausgenommen und muss Hass- Kommentare nicht melden.

Wenn es uns darum geht, auch Generationen vor Extremismus zu schützen, müssen wir da ansetzen, wo die unterwegs sind - und das ist in den Spielen. Wie kann es sein, dass es da, wo Geld eingenommen wird, keine verpflichtende Meldefunktion gibt.

Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe Polizeihochschule Brandenburg FAKT

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT | 15. Oktober 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019, 13:30 Uhr