Kunden der Essener Tafel stehen mit ihren Einkaufstrolleys vor dem Eingang der Ausgabestelle.
Kunden der Essener Tafel müssen oft lange anstehen. Bildrechte: dpa

Versorgung Breite Kritik an Aufnahmestopp für Migranten an Essener Tafel

Bedürftigkeit ist das Maß und nicht der Pass, sagt Sozialministerin Barley zum Beschluss der Essener Tafel, vorläufig keine zusätzlichen Ausländer mehr zu versorgen. Neben Kritik gibt es aber auch Verständnis dafür, dass die Tafeln überfordert sind.

Kunden der Essener Tafel stehen mit ihren Einkaufstrolleys vor dem Eingang der Ausgabestelle.
Kunden der Essener Tafel müssen oft lange anstehen. Bildrechte: dpa

Nach ihrer Ankündigung, vorerst keine zusätzlichen Migranten mehr zu versorgen, steht die Essener Tafel bundesweit in der Kritik.

Nachdem bekannt geworden war, dass sie derzeit nur Bedürftige mit deutschem Pass als neue Kunden aufnimmt, wandten sich am Freitag etliche Politiker, Verbände und Armutsforscher gegen den Essener Beschluss.

Barley: "Bedürftigkeit ist das Maß und nicht der Pass"

Katarina Barley
Bundessozialministerin Katarina Barley. Bildrechte: dpa

Bundessozialministerin Katarina Barley sagte, eine Gruppe von Menschen pauschal auszuschließen, fördere Vorurteile und Ausgrenzung. Es müsse klar sein, dass Bedürftigkeit das Maß sei und nicht der Pass. Zugleich bescheinigte die SPD-Politikerin den Ehrenamtlichen "großen persönlichen Einsatz". Die Tafeln in Deutschland leisteten einen wertvollen Beitrag bei der Unterstützung der Schwächsten in Deutschland.

Die nordrhein-westfälische Sozialminister Karl-Josef Laumann äußerte sich ähnlich: "Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen grundsätzlich keine Staatsangehörigkeiten".

Kritik auch aus Mitteldeutschland

Der Thüringer Tafel-Landesvorsitzende, Nico Schäfer, sagte: "Wir sind für alle Bedürftigen da, egal, welche Hautfarbe oder Nationalität sie haben". Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Tafeln in Sachsen-Anhalt, Andreas Stepphun. "In der Tafelbewegung in Deutschland gilt der Grundsatz, alle bedürftigen Menschen gleich zu behandeln, egal welcher Herkunft, Nationalität oder Konfession. Nach diesem Prinzip arbeiten auch alle 32 Tafeln in Sachsen-Anhalt".

Bei den sächsischen Tafeln bestünde das Grundproblem gar nicht, sagte der Tafel-Landeschef Joachim Rolke. Der Anteil der Migranten liege bei den Tafeln im Freistaat zwischen 15 und 25 Prozent. Auch seien ihm Probleme, wie mangelnder Respekt vor Frauen, lange nicht mehr zu Ohren gekommen. Das habe es lediglich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 gegeben.

Antidiskriminierungsstelle: Tafel verstößt nicht gegen Gleichbehandlungsgesetz

Eberhard Schockenhoff
Moraltheologe Eberhard Schockenhoff Bildrechte: dpa

Aus Sicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erscheint es zwar "fragwürdig, Menschen wegen ihres Flüchtlingsstatus' pauschal von der Vergabe von Lebensmitteln auszuschließen", erklärte ihr Sprecher auf Nachfrage. Doch verstoße die Essener Tafel nicht gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.
Für Einrichtungen, die Spenden verteilen, gelte das Gesetz nicht, im Gegensatz etwa zu Banken, Diskotheken oder Schwimmbädern.

Verständnis für die Essener Entscheidung kam von dem Freiberger katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff. Er sagte, wenn sich ältere Leute und Mütter ausgeschlossen fühlten, sei auch das nicht im Sinn einer Tafel. Die Entscheidung in Essen sei zwar nicht optimal, aber nachvollziehbar.

Armutsforscher: Tafeln sind überfordert

Die Tafeln würden als Ersatz für staatliche Sozialleistungen benutzt, sagte der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Damit seien sie überfordert. Zu den 1,5 Millionen Bedürftigen zählten zunehmend auch Flüchtlinge. Butterwegge schlug vor, dass die Konflikte vor Ort entschärft werden könnten, wenn es beispielsweise für alte Leute andere Öffnungszeiten gebe als für Ausländer.

Essener Tafel: Ältere und Mütter fühlten sich bedrängt

Jörg Sator, Vorsitzender der Essener Tafel, beantwortet in der Ausgabestelle der Essener Tafel Fragen der Journalisten. Die Essener Tafel will keine nichtdeutschen Neukunden mehr aufnehmen.
Er hatte den Stein ins Rollen gebracht: Jörg Sator, Vorsitzender der Essener Tafel. Bildrechte: dpa

Die Essener Tafel begründet ihr Vorgehen damit, dass der Anteil der Migranten unter den 6.000 Kunden der Tafel seit 2015 von rund 35 auf 75 Prozent gestiegen sei. Vor allem alte Leute und alleinerziehende deutsche Mütter hätten sich bei der Lebensmittelausgabe nicht mehr wohl und durch Zuwanderer bedrängt gefühlt.

Der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sator, verteidigte den umstrittenen Schritt: "Ich stehe dazu". Im Tafel-Vorstand sei lange darüber diskutiert worden. "Wir wollten erreichen, dass der Weg in die Tafel für alle wieder offen ist".

Bundesweit gibt es rund 940 Tafeln, die überschüssige Lebensmittel sammeln und damit regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen versorgen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Februar 2018 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 19:12 Uhr

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176 Kommentare

27.02.2018 12:11 Tafel schützt nur die Schwächsten 176

und das unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Gerade die Mitarbeiter der Tafeln können wohl am besten den traurigen Konkurrenzkampf unter den Bedürftigen einschätzen. Wenn sich dabei herausstellt, dass alte Menschen und alleinerziehende Mütter auch noch an der Tafel, dem deutlichsten Zeichen den Prekariats, von Zuwanderern abgedrängt werden, läuft doch wohl einiges falsch in diesem Land. Jörg Sator hat genau das Richtige getan und diejenigen, die ihre Ellenbogen nicht ausfahren, in Schutz genommen. Das negative Bild der Politiker-Reaktionen wird sich ebenfalls einprägen als ein Bild der Abgehobenheit von der Realität in unserem Land.

27.02.2018 09:37 Matthias rühmkorf 175

Wenn ich richtig informiert bin, erhalten die Tafeln keine staatliche finanzielle Zuwendungen. Wenn die Tafeln bei Engpässen deutsche Bürger bevorzugen finde ich es legitim. Ein Mitspracherecht (Kritik) steht den Politikern überhaupt nicht zu.

26.02.2018 16:47 Frank L. 174

an Krause@172 Von welchen "Nazi-Wahnsinn" reden sie hier? Sie wissen doch nicht einmal was richtiger "Nazi-Wahnsinn" bedeutet, also hören Sie auf solchen Schwachsinn zu erzählen, es glaubt doch sowieso keiner mehr. Und zum Thema Benachteiligung , da sollten Sie mal ganz ruhig sein ,denn wenn´s gegen ihren politischen Gegner geht sind Sie immer ganz vorn mit dabei. Da laden Sie Schuld auf sich. Zum Thema, das Angebot der Tafel ist eine private Leistung eines privaten Vereins und keine staatliche Leistung d.h. es gibt keinen Rechtsanspruch darauf. Und wenn die sich dazu entschließen keine Migranten mehr aufzunehmen, dann ist das deren gutes Recht. Und das die sich überhaupt dazu entschlossen haben ,zeigt doch wie prekär die Lage ist, was allerdings von unseren Gutmenschen ja gerne unter den Teppich gekehrt wird. Dumm nur, das da bald kein Platz mehr drunter ist......

25.02.2018 19:16 Wolfgang Nawalny 173

@171 Gottlieb - ""Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen grundsätzlich keine Staatsangehörigkeiten". Daß das ein Unsinnssatz für einen aktiven Politiker ist, wenn hier nicht eine realistische Einschränkung erfolgt, wird dem Mann sicher nicht auffallen. "

Es ist nicht nur ein Unsinnssatz sondern Phrasendrescherei nach Schablone und zwar der staatlich angesagten Schablone. Diese Phrasendrescher sollten sich doch endlich fragen, wie es in diesem Staate zu so einer exorbitanten Bedürftigkeit der Bevölkerung kommen konnte. Wenn die Zahlen der Tafeln und der dort "betreuten" Bürger zusammengerechnet werden, wird einen schwindelig ... Hier hat vor allem die SPD vollkommen versagt, aber jetzt wieder mächtig Sprüche klopfen. Die aktuellen Wahlumfragen verwundern also keineswegs.

@Krause, wenn Sie das GG ständig zitieren ist das die eine Sache. Allerdings haben Sie die Anwendung noch immer nicht verstanden. Ich kann übern Gartenzaun wem ICH will Lebensmittel zu kommen lassen.

25.02.2018 19:12 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 172

Diejenigen, die einen Menschen wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligen, "laden Schuld auf sich".

Eine Großzahl der Kommentatoren hier unter diesem Bericht scheint damit keine großen Probleme zu haben.

Ich persönlich hätte nicht gedacht, daß sich der Nazi-Wahnsinn so schnell wiederholen könnte - dann reibt man sich die Augen und - 'Schwups!' - ist man schon wieder mittendrin...

25.02.2018 18:30 Gottlieb 171

Inzwischen sind Türen und Autos der Essener Tafel mit linksextremistischen Parolen beschmiert worden. Das sit schwere Sachbeschädigung. Diese Übeltäter wähnen sich im Einverständnis mit den zahlreichen Stellungnehmern aus Politik und Medien wie den NRW-Innenminister Laumann mit seiner Aussage: "Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen grundsätzlich keine Staatsangehörigkeiten". Daß das ein Unsinnssatz für einen aktiven Politiker ist, wenn hier nicht eine realistische Einschränkung erfolgt, wird dem Mann sicher nicht auffallen. Das ist so in NRW quer durch alle Parteien mit Ausnahme der AfD. Es ist die Abschaltung der Verstandestätigkeit zugunsten einer dumpfen Menschentümelei, die aber hierzulande allgemein beklatscht wird. Diejenigen, die einfach ins blaue hinein ihre wohlfeile Empörung kundgetan haben, haben Schuld auf sich geladen. Sie geben Linksextremisten Rechtfertigung und Rückendeckung.

25.02.2018 18:02 Gottlieb 170

@ 165
Der von Ihnen zitierte GG-Artikel 3 ist auf den Fall der zusätzlichen Versorgung aus privaten Beständen nicht anwendbar. Vor dem Gesetz gleich sind alle, aber deshalb haben sie keinen Anspruch gegen Dritte. Sie dürfen Ihr Vermögen Ihren Kindern hinterlassen, ohne gegen den Gleichheitsgrundsatz des Art. 3 zu verstoßen. Auch der Absatz 3 ist hier nicht anwendbar. Da müßte es ein Nichtdiskriminierungs-Gesetz in dieser Richtung geben, das aber kaum Bestand haben würde. Mit dem GG in der Hand haben auch die Umstürzler von 1968 gern argumentiert, auch damals versuchte man eine möglichst umfassende Geltung von GG-Artikeln durchzusetzen, wobei die sog. Drittwirkung, wie Sie sie in Ihrem Beitrag fordern, die Hauptrolle spielte. Demgegenüber muß deutlich gesagt werden, daß die Menschenrechte in erster Linie Abwehrrechte gegen den Staat sind und jegliche Uminterpretation im o. g. Sinne in die Freiheit des Einzelnen eingreift.

25.02.2018 17:55 jochen 169

Ich bin für eine knallharte Trennung bei der Tafel.
Es muss unterschieden werden- zwischen Deutschen und Ausländern, die keine Ansprüche auf weitere Versorgung haben.
Es kann und darf nicht sein. nicht sein, das Merkels vollversorgte Gäste den armen alten deutschen Bedürftigen das Essen wegnehmen.

25.02.2018 17:53 Ekkehard Kohfeld (Lieber Demokrat als grünes Nackedei) 168

@ 165 grünes Nackedei.Was sie und einige Andere ständig vergessen da können sie noch so oft das Grundgesetz zitieren,das sind private Einrichtungen die dürfen selber bestimmen wem sie was geben und wem nicht oder ob sie überhaupt was geben das können weder sie doch die Politik vorschreiben.Langsam Größenwahnsinnig?Wenn sie ihrem Nachbarn ihr Essen nicht geben wollen kann sie da rechtlich niemand zu zwingen oder etwa doch?Dann schicke ich mal ein paar Bedürftige vorbei,wehe sie geben denn nichts,dürfen das auch Deutsche sein?

25.02.2018 17:40 Ekkehard Kohfeld (Lieber Demokrat als grünes Nackedei) 167

@ grünes Nackedei Nein, man ist nur grundgesetzkonform!
GG Art. 3:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
[...]
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.##Das sollten sie sich mal merken wenn sie gegen die AFD oder anders Denkende hetzen da vergessen sie das ständig.## Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Es ist und bleibt schade und schädlich, wenn Bundesbürger das Grundgesetz ausblenden!##Gehen sie damit doch mal bitte zu ihren bunten Freunden und erfragen sie welche Religionen die in Ihrer Gemeinde aufnehmen und dann kommen sie wieder und berichten wahrheitsgetreu.

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