Öffentlicher Dienst Wann Rettungskräfte auf Arbeit weniger Geld erhalten

Von einem "respektablen Abschluss" sprach die Gewerkschaft Verdi nach ihrer jüngsten Tarifvereinbarung für den öffentlichen Dienst. Doch die Rettungsdienste, die für Gemeinden und Landkreise im Einsatz sind, sind mit der Regelung vom Sonntag unzufrieden. Sie erhalten weiterhin für gut 20 Prozent der Zeit, die sie auf der Wache verbringen, weniger Geld.

Blick in einen Rettungswagen
Bildrechte: imago images / Benjamin Horn

Am Sonntag war Notfallsanitäterin Leonie Müller* sauer, als sie die neue Tarifvereinbarung für den öffentlichen Dienst sah, die auch für sie gilt. Auf Twitter schrieb sie:

Der Rettungsdienst wurde mal wieder in dieser Verhandlungsrunde völlig vernachlässigt. Wir buckeln weiter 48 Stunden und alle verhandelten Boni gelten nur für die Pflege. Sieht so die versprochene Anerkennung aus?!

Notfallsanitäterin auf Twitter

Zweistufige Lohnerhöhung für Rettungsdienst

Die 28-Jährige arbeitet seit sechs Jahren in der Branche, angestellt bei einem Landkreis in Nordrhein-Westfalen. Mit der neuen Tarifvereinbarung erhält sie eine zweistufige Lohnerhöhung von 1,4 Prozent im April 2021 und noch einmal von 1,8 Prozent im darauffolgenden April. Nicht nur für Müller, sondern für alle Rettungssanitäter, Rettungsassistenten und Notfallsanitäter, die deutschlandweit bei Gemeinden und Landkreisen angestellt sind, bedeutet das jeweils rund 50 Euro mehr im Monat. Die Gewerkschaft Verdi schätzt ihre Zahl bundesweit auf insgesamt rund 13.000.

Zeit kann um ein Fünftel ausgedehnt werden

Eine Erhöhung der Wechselschicht-Zulage oder eine gestaffelte Pflegezulage, wie sie die Pflegekräfte mit dem neuen Tarifvertrag erhalten werden, gibt es für die kommunalen Rettungskräfte jedoch nicht. Müller kann "nicht verstehen, warum wir hier anders behandelt werden, zumal wir ja auch als systemrelevante Berufsgruppe gelten". Notfallsanitäter sind die ersten Helfer vor Ort, nicht immer müssen sie Leben gleich retten, manchmal geht es erst einmal nur um eine Erstversorgung. "Ein Job mit hoher Verantwortung", nennt ihn Müller, aber genau deshalb wolle sie ihn machen. Doch die Notfallsanitäterin wurmt, dass ihre Zeit auf der Rettungswache monatlich um ein Fünftel ausgedehnt werden kann, ohne dass sich ihr Gehalt verändert. "Für mich ist völlig unverständlich, dass sich die kommunalen Arbeitgeber in dieser Frage nicht bewegen", sagt Müller auf Anfrage von MDR AKTUELL.

"Eine jahrzehntelange Altlast, die man bis heute mit sich herumträgt", nennt Verdi-Gewerkschafterin Marion Leonhardt die Regelung für den kommunalen Rettungsdienst. Konkret heißt das: Im Tarifvertrag ist eine 39-Stunden-Woche vereinbart, die jedoch auf 48 Stunden pro Woche ausgedehnt werden kann, wenn sogenannte Bereitschaftszeiten anfallen. Zeiten also, in denen die Rettungskräfte auf der Wache sind, jedoch keinen Einsatz haben, im Bedarfsfall aber sofort die Arbeit aufnehmen können. Tagsüber muss ein Notfallsanitäter innerhalb von einer Minute auf dem Rettungswagen sein, nachts hat er eine Minute länger Zeit dafür. Innerlich ist er bei diesem Zeitdruck immer in Alarmbereitschaft.

Ein Krankenwagen im Einsatz
Ein Krankenwagen im Einsatz in Sachsen. Bildrechte: dpa

Von Ruhezeit keine Spur?

Gewerkschafterin Leonhardt hält Arbeitszeitregelung mittels Bereitschaftszeit für absurd: "Eine Verkäuferin wird doch auch nicht nur entlohnt, wenn sie Kundschaft hat." Notfallsanitäterin Leonie Müller bekommt die Regelung in ihrem Geldbeutel zu spüren. Ihr Brutto-Stundenlohn liegt bei einer tariflich vereinbarten 39-Stunden-Woche bei 19,30 Euro, in Wirklichkeit aber erhält sie durch die rund neun Stunden Bereitschaftszeit in der Woche nur 15,80 Euro pro Stunde. "Denken Sie nicht, dass wir auf der Wache Däumchen drehen", sagt Müller, "oft gibt es gar keine Ruhezeit mehr, weil es auf den Wachen an Personal mangelt und die Rettungseinsätze von Jahr zu Jahr steigen."

DRK hat Bereitschaftszeit bereits verkürzt

Die Gewerkschaft Verdi pochte in der jüngsten Tarifverhandlung auf eine Verkürzung der Bereitschaftszeit für die Notfallsanitäter – von wöchentlich 48 Stunden auf nur noch 45 Stunden. Eine Forderung, die Verdi bei den Tarifverhandlungen mit dem Deutschen Roten Kreuz vor zwei Jahren erfolgreich durchsetzen konnte. Ein erfreulicher Sieg für die Gewerkschaft, denn das DRK ist einer der größten Arbeitgeber in der Rettungsdienst-Branche. Bei den kommunalen Arbeitgebern aber bissen die Gewerkschafter jetzt auf Granit. Sie hätten die Forderung nach einer Verkürzung der Arbeitsbereitschaft "komplett abgeblockt", sagt Leonhardt.

Kommunale Arbeitgeber weisen Vorwürfe zurück

Vorwürfe, die die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) nicht auf sich sitzen lassen will. Auf MDR-Anfrage teilt eine Sprecherin schriftlich mit, dass eine Verkürzung der Arbeitsbereitschaftszeit "nicht in die Dienstplangestaltung passt". Auch sei es nicht notwendig, eine solche Regelung "im Tarifvertrag festzuschreiben". Das lasse sich "auf betrieblicher Ebene regeln". Auch den Sprachduktus der Gewerkschaft will die VKA nicht hinnehmen, die von einer "unentgeltlichen Arbeitsbereitschaft" spricht. Vielmehr würden die Rettungskräfte in dieser Zeit einfach nicht wie "normale Arbeit vergütet", so die Sprecherin. Das sei in allen üblichen Tarifverträgen so geregelt.

Spürbarer Personalmangel in der Branche

Zufrieden wird die Reaktion der kommunalen Arbeitgeberverbände die Notfallsanitäterin Leonie Müller wohl nicht stimmen. Sie arbeitet in Zwölf-Stunden-Schichten mal tagsüber, mal nachts, dazwischen bekommt sie freie Tage. Ob sie das bis zur Rente so durchhält, weiß die junge Frau noch nicht, nur dass sie "das lange Arbeitspensum von Jahr zu Jahr weniger gut wegsteckt".

Würde die Bereitschaftszeit von Rettungskräften wie Müller gekürzt, müssten die Kommunen auf den Wachen mehr Personal einstellen. Doch schon jetzt herrscht in der Branche spürbarer Personalmangel. Die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass mindestens zehn Prozent aller Stellen unbesetzt sind. "Die kommunalen Arbeitgeber verlieren die Rettungskräfte auch wegen der längeren Arbeitszeiten", mahnt Verdi-Vertreterin Leonhardt, "die gehen dann einfach zum DRK eine Tür weiter".

(*Anmerkung der Redaktion: Name der Interviewpartnerin auf Wunsch geändert.)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 25. Oktober 2020 | 19:30 Uhr

2 Kommentare

Elke vor 4 Wochen

Ich kann dem vorigen Kommentar voll zustimmen. Auch die Angestellten in den
höheren Gehaltsgruppen machen tagtäglich ihren Job. Bei den Tarifverhand-lungen des öffentlichen Dienstes werden sie aber schon seit vielen Jahren benachteiligt und prozentual mit geringeren Gehaltserhöhungen abgespeisst.

Harka2 vor 4 Wochen

Wenn für die unteren Einkommen gerade mal die Inflationsrate bei den Verhandlungen raus kommt, dann kann man nicht wirklich von einer Gehaltserhöhung sprechen. Das die Angestellten mit höheren Einkommen nicht mal die Inflationsrate bekommen, ist einer der Gründe dafür, weshalb der öffentliche Dienst keine guten Leute mehr bekommt. da braucht man sich dann auch nicht zu wundern, wenn der öffentliche Dienst nichts mehr auf die Reihe bekommt.