Teilhabeatlas Studie: Osten hinkt bei gesellschaftlicher Teilhabe hinterher

Wenige Einkaufsmöglichkeiten, langsames Internet, viele Sozialhilfeempfänger: Viele Regionen in Ostdeutschland sind weiter abgeschlagen. Doch auch einige Gegenden im Westen habe nur geringe Teilhabechancen.

Auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung liegen viele Regionen im Osten Deutschlands weiter zurück. Das geht aus dem sogenannten "Teilhabeatlas" hervor. Demnach haben die Menschen in fast allen ländlichen Kreisen und den meisten Städten in Ostdeutschland weniger Einkaufsmöglichkeiten, weitere Wege zum Arzt oder langsameres Internet als in anderen Gegenden der Bundesrepublik.

Allerdings treffen diese Faktoren nicht mehr nur auf den Osten zu – auch im Westen sind einige Gebiete bei den bemessenen Faktoren abgeschlagen. Darunter sind vor allem Städte im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Die Chancen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen sind dagegen besonders gut in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen.

Kein einheitliches Bild

Die Autoren verweisen auf ein differenziertes Bild: Selbst in prosperierenden Städten seien die Menschen nicht durchweg zufrieden. Sie klagten über hohe Mieten und fehlende Schul- und Kitaplätze, lange Staus sowie überfüllte Busse und Bahnen. Auf dem Land fühlten sich Menschen vor allem dann abgehängt, wenn Schulen, Kliniken und Geschäfte dichtmachten und das Internet langsam sei.

Umgekehrt gibt es der Studie zufolge auch Optimismus in Regionen, die keine guten Daten haben, aber einen Aufwärtstrend spürten - zum Beispiel in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns. Auch Städte wie Berlin und Leipzig wachsen trotz schlechte Daten.

"Teilhabeatlas" Für den "Teilhabeatlas" werteten die Studienautoren insgesamt acht Indikatoren für die 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte aus.

Zu den Teilhabe-Indikatoren gehören neben der Quote von Hartz-IV-Empfängern und dem Wanderungssaldo auch das jährlich verfügbare Haushaltseinkommen je Einwohner. Außerdem flossen in die Studie die kommunalen Steuereinnahmen, die Schulabbrecherquote, die Lebenserwartung, die Internet-Breitbandversorgung und die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des alltäglichen Lebens ein. Erstellt wurde der Atlas vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung.

Kluft zu Süddeutschland droht zu wachsen

In dem Atlas heißt es, dass die Kluft zwischen boomenden und abgehängten Regionen sich zu verstärken drohe, wenn von der Politik nicht gegengesteuert werde. Als eines der größten Probleme sieht Studienautor Reiner Klingholz Bildungsdefizite in strukturschwachen Regionen, aus denen bereits viele qualifizierte Menschen abgewandert sind. Dort verlasse mehr als jeder zehnte die Schule ohne Abschluss.

Da wird sozial vererbt, dass Bildungserfolge gering sind.

Reiner Klingholz, Direktor des Instituts für Bevölkerung und Entwicklung Berlin

Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung sagte bei der Vorstellung der Studie, anstatt eine nicht zu erfüllende "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" zu verfolgen, sollte die Politik besser eine bundesweit einheitliche Grundversorgung definieren.

Dazu gehöre etwa eine garantierte Elektrizitätsversorgung und eine ordentliche Internetverbindung. Das Grundgesetz spricht in Artikel 72 von der "Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet".

 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. August 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 13:43 Uhr

23 Kommentare

kennemich vor 3 Wochen

Stimmt, wenn wenn den Menschen es ständig einredet, dann wird auch der Glaube daran wachsen.

Was geschied mit der Zet mit den Zeitzeugen?

Wie gestern Anemd im ZDF bei Fr. Illner, wo der Hr. Blome vom Bild es auch nicht verstehen kann, dass der Osten und die dort lebenden Menschen gut dran sind oder so ähnlich wie, uns geht es doch blendend.

Mediator vor 3 Wochen

@August: Ist Kohl jetzt auch schuld daran, dass die ostdeutschen zuwenige Kinder kriegen, oder dass sie machen was Menschen schon immer gemacht haben - dorthin ziehen, wo sie für sich die besten Chancen sehen?

Ansonsten sollten sie einmal ehrlich zu sich sein und sich eingestehen, dass die DDR im Jahr 1989 sicher alles andere als vital und wirtschaftlich gesund war. Der Westen hat Billionen investiert um den Aufbau Ost zu stützen. Die Erfolge sehen sie überall wenn sie sich nicht selbst belügen. Ich nenne das blühende Landschaften! Keine Angst die Deutschen werden schon nicht aussterben. Dazu sind wir zu vielen. Einigen Regionen im Osten könnte das aber blühen, wenn man so weiter macht wie bisher und sich dem Zuzug von Menschen aus anderen Nationen verweigert.

Jana vor 3 Wochen

@pkselzer: Also ich empfinde deine Vorstellungen als naiv! Wenn du sagen würdest, dass du mit deinem Leben unzufrieden bist, dann wäre das ehrlicher als so zu tun als gäbe es da einen bösen Masterplan der CDU, die dafür sorgt, dass der Osten nicht an den Westen heran kommt. Wenn nicht einmal in Dresden die gleichen Löhne gezahlt werden wie in Görlitz, warum sollte es dann so etwas wie einen bundesdeutschen Einheitslohn geben? Fakt ist doch eher, dass auch im Osten kein Landkreis mit dem anderen Vergleichbar ist was Einkommen, Lebenshaltungskosten und kommunale Angebote betrifft.

Von wem erhoffst du dir denn dein Wunder? Nach dem Ausschlussprinzip kann das ja nur noch die Linke die Grünen oder die AfD sein. Ich vermute mal letzte, denn auf die AfD werden ja völlig unrealistische Erwartungshaltungen projiziert.

Werde doch mal konkret wo dir Gleichstellung fehlt und dann kann man dir konkret sagen, wofür alle anderen, aber sicher nicht die primär Politik für zuständig sind.

Liebe Nutzer*Innen, wir haben unseren Kommentarbereich weiter entwickelt! Grundlage dafür waren auch die vielen konstruktiven Hinweise von Ihnen, wie z.B. zu doppelten Nutzernamen und das direkte Antworten auf einzelne Kommentare. Um nun mitzudiskutieren, registrieren Sie sich mit einer funktionierenden E-Mail-Adresse und klicken den Bestätigungslink an. Dann sollte es schon losgehen.
Einmal eingeloggt, können Sie in allen kommentierbaren Artikeln bei MDR.DE mitdiskutieren, können Ihre Kommentare verwalten und jederzeit einsehen. Wir können besser in die Diskussion kommen, Kommentare können von Ihnen bewertet und auch beantwortet werden, es ist ein übersichtlicherer Austausch möglich. Kommentare funktionieren in allen modernen Browsern. Gegebenenfalls müssen Sie ihren Browser aktualisieren.