Hetze per Messenger Rechtsradikale weichen auf Telegram aus

Sicher und verschlüsselt – mit diesem Versprechen wirbt die WhatsApp-Alternative Telegram. Der Messenger hat weltweit mittlerweile 200 Millionen Nutzer. Doch verschlüsselt heißt auch, dass es keine Kontrolle gibt. Daher war Telegramm schon vor einigen Jahren ein beliebter Chat-Dienst für IS-Anhänger. Nun haben auch Rechtsextreme die App für sich entdeckt. Sie können nahezu ungestört in Gruppen und Kanälen Hass und Hetze verbreiten.

Smartphone mit geöffneter App "Telegram" vor PC-Bildschirm mit Telegram-Schriftzug.
Telegram hat weltweit nach eigenen Angaben rund 200 Millionen aktive Nutzer. Bildrechte: dpa

Als ein Video von feministischen Aktivistinnen in der Telegram-Gruppe "Patrioten der Zukunft Bund" geteilt wird, schreibt User "Country Fan": "Solche Leute, wie die Frau oben im Video, hätte man früher auf dem Schulhof verprügelt und das zu Recht."

Es ist noch eine der harmloseren Aussagen, die in den zahlreichen rechten Gruppen und Kanälen bei Telegram kursieren. Meist, wie bei "Patrioten der Zukunft Bund", für jeden öffentlich einsehbar. Solche Hassnachrichten gab es auch schon länger bei sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz waren diese Plattformen seit 2017 jedoch verpflichtet, sie zu löschen. Martin Sellner zum Beispiel, Frontmann der Identitären Bewegung Österreichs und Pegida-Unterstützer, wurde von Facebook gesperrt.

Auf seinem Telegram-Kanal hat Sellner fast 40.000 Abonnenten, postet täglich Links und Videos. Ein Originalton: "Gerade nach dieser Hetze nach Hanau, dieser inszenierten, wäre es ein wichtiges Signal, dass auch nach Hanau Patrioten sich nicht einschüchtern lassen."

Aufrufe zum Genozid

Miro Dittrich, Experte für Extremismus im Internet bei der Amadeu Antonio Stiftung, beobachtet den Messenger mit dem weißen Papierflieger im Logo schon länger. Er sagt: "Telegram ist für Rechtsextreme so attraktiv, weil dort quasi nichts gelöscht wird. Das heißt, man kann dort Hakenkreuze posten, den Holocaust leugnen oder zum Genozid aufrufen. Andererseits sehen wir dort auch direkte Mordaufrufe mit Bildern von Personen." Internationale Studien bestätigen diesen Befund.

Nicht ganz ohne Stolz verspricht Telegram den "Schutz der privaten Konversationen vor Dritten, beispielsweise Behörden." User können die eigene Handynummer verschlüsseln. Diese Sicherheit ermutige viele Rechtsextreme, sagt Dittrich: "Die Leute haben überhaupt nicht das Gefühl, dafür belangt zu werden. Sie müssen keine Angst haben, dass die Plattform sie sperrt. Deswegen sehen wir dort, wie enthemmt die Leute wirklich sind, die sich oft online auf anderen Seiten zusammenreißen müssen, um gemäßigter zu sprechen."

Kein Zugang zu geschlossenen Gruppen

Das Bundeskriminalamt beobachtet derzeit 140 Telegram-Kanäle. Das teilt das BKA auf Nachfrage von MDR AKTUELL mit. Der Zugang zu geschlossenen Gruppen sei jedoch erschwert – oder nicht möglich. Die Auskunft verweigert Telegram mit Sitz in Dubai in der Regel, sagt Extremismus-Experte Dittrich. Er sieht die einzige Möglichkeit darin, Telegram auf internationaler Ebene klar zu machen, dass sie sich an europäische Gesetze halten müssen, wenn sie im europäischen Raum agieren wollen.

Außerdem schlägt Dittrich vor, den Messenger Telegram künftig als soziales Netzwerk zu definieren. Dann würde auch hier das Netzwerkdurchsetzungsgesetz greifen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. März 2020 | 05:54 Uhr

37 Kommentare

Sachse123 vor 28 Wochen

Lieber MDR es geht nicht um Freiheit sondern um einen Polizei und Überwachungsstaat.
Und wenn Herr Schuster Herrn Wolfgang Gedeon als Leugner bezeichnet ohne eine entsprechende Anklage und Verurteilung des Herrn Gedeon nach Paragraf 130 durch den Staat ist doch der Zusammenbruch von Recht und Gesetz deutlich.

JanoschausLE vor 28 Wochen

Na sowas aber auch,

Auch im Osten wollen die allermeisten Menschen Demokratie. Keine Hetzforen, wo zu Mord und andere Straftaten, teils staatsgefährdend, aufgefordert und geplant wird. Und solche Foren, wo im Geheimen Absprachen gehalten werden, gehören verboten. Durch die Aufklärung solcher Foren konnten rechtsradikale Anschläge und, mit Verlaub, auch islamistische Anschläge in Deutschland verhindert werden, rechtsradikale bei weitem mehr. Ich frage mich, warum Sie die Maßnahmen der Rechtsradikalen so zu versuchen zu verteidigen und zu schützen, sind Sie auch einer?

JanoschausLE vor 28 Wochen

WELT berichtet auch sehr kritisch über rechte Machenschaften, auch über die AfD. hier die NZZ als ausgewiesenes Parteiorgan von Rechtspopulisten anzugeben, ehrlich, das taktisch so klug, als wenn hier jemand das Neue Deutschland als Argumentation liefern würde.