Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und Dichter Durs Grünbein sitzen bei der Diskussionsveranstaltung ''Streitbar!'' mit Moderatorin Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung im Kulturpalast auf der Bühne.
Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und Dichter Durs Grünbein (r) mit Moderatorin Karin Großmann von der Sächsischen Zeitung am 8. März 2018 im Dresdner Kulturpalast. Bildrechte: dpa

Wenn Verlage und Ministerpräsidenten streiten Worum geht es bei der Dresdener Kontroverse um Uwe Tellkamp?

Dass sich ein Regierungschef schützend vor einen Schriftsteller und Intellektuellen stellt, das kommt so häufig nicht vor. So geschehen aber jetzt in Sachsen. Ministerpräsident Michael Kretschmer hat den Bestseller-Autor Uwe Tellkamp in Schutz genommen. Auslöser waren kontroverse Äußerungen Tellkamps bei einer Podiumsdiskussion in Dresden. Was genau hat also diese nicht ganz alltägliche Debatte ausgelöst?

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL

Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und Dichter Durs Grünbein sitzen bei der Diskussionsveranstaltung ''Streitbar!'' mit Moderatorin Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung im Kulturpalast auf der Bühne.
Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und Dichter Durs Grünbein (r) mit Moderatorin Karin Großmann von der Sächsischen Zeitung am 8. März 2018 im Dresdner Kulturpalast. Bildrechte: dpa

Das Thema traf offenbar einen Nerv: Der Dresdener Kulturpalast hatte das Interesse am geplanten Rededuell der beiden renommiertesten Autoren der Sachsen-Metropole unterschätzt. Geschätzte 700 Zuhörer kamen und die Veranstaltung musste vom Foyer in den Großen Saal verlegt werden. Das war am Donnerstag. Uwe Tellkamp trifft auf Durs Grünbein.

Das Thema: Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit. Stein des Anstoßes war dann eine Äußerung vom Autor des preisgekrönten DDR-Romans "Der Turm". Tellkamp sagt über die Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind: "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent."

Berichterstattung über Flüchtlinge

95 Prozent reine Wirtschaftsflüchtlinge: Vor allem die Zahl handelte dem Bestseller-Autoren Buhrufe ein. Und postwendend etwas ganz Ungeheuerliches: Nämlich eine Distanzierung des eigenen Verlages, Suhrkamp. Tellkamp dürfte sich bestätigt gefühlt haben, denn sein Thema war, was er selber "Gesinnungsdiktatur" nennt. Ein angebliches Aushöhlen der Meinungsfreiheit im Zuge der Flüchtlingsdebatte.

Tellkamp erklärte: "Die Berichterstattung über Flüchtlinge: Herr Grünberg, gucken Sie sich bitte an, Talkshows, wie geredet wird über Positionen, die abweichen. Ich meine noch nicht mal in rechte oder sonstwo Richtungen: Es geht auch nach links übrigens. Wie wird geredet über abweichende Meinungen, wie ist geredet worden? Und für meine Begriffe, ich gucke mir das seit zwei Jahren jetzt regelmäßig an, ziemlich mies, muss ich sagen. Und auch ziemlich herablassend. Das spüren die Leute und wehren sich dagegen."

Tellkamps These: Die Medien hätten der Merkel-Regierung nach dem Maul geredet. Andersdenkende seien mit der moralischen Keule eingeschüchtert worden. Ein Hinterfragen etwa, ob die Mittel für die Flüchtlingshilfe nicht anderswo nötiger gebraucht würden, sei voller Empörung zurückgewiesen worden. Tellkamp sagte: "Herr Grünbein, wenn wir die 30 Milliarden Euro, die die Flüchtlinge im Jahr kosten, und das ist die offizielle Zahl aus dem Finanzministerium, wenn wir die in die Rentenlöcher stecken, ist das Problem Rentenloch erledigt!"

Wahlen als probater Weg

Wer hier für bedürftige Rentner Partei ergriffen hätte, der sei von den Moralisierern herabgewürdigt worden, nach dem Motto: "Ihr anderen, die ihr an eure Oma zuerst denkt, an eure Tochter, an euren Sohn, denen ihr erst mal Geld geben wollt, bevor ihr es jemandem Fremdes gebt, die denken egoistisch. Gut. Aber weil du egoistisch denkst, bist du ein schlechter Mensch. Und damit fangen die Probleme an. Und das ist es, was ich mit Gesinnungskorridor meine, denn dieses Narrativ ist in vielen Zeitungen gepflegt worden", so Tellkamp weiter.

Durs Grünbein, der andere Dichterfürst aus Dresden, mochte das nicht so sehen. Er verortete die überzogene Aufregung eher woanders. In einer Demokratie gäbe es ja einen probaten Weg, Missfallen an Regierungshandeln zum Ausdruck zu bringen: "Sobald wir Wahlen haben, kann sich das ja abbilden. Wenn alle unzufrieden sind mit der Merkel-Regierung, dann wählt sie doch ab. Ja? Das ist doch ganz einfach. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Nein, sie werden alle eingeschüchtert und müssen alle so reden wie Merkel, oder was? Was ist denn das für ein Scheiß?"

Ministerpräsident Kretschmer jedenfalls, der im kommenden Jahr zur Wiederwahl steht, kritisierte eine angebliche Stigmatisierung Tellkamps. Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führe, wird Kretschmer zitiert, dann dürfe man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt werde. Im Dresdener Kulturpalast wurde diese Debatte aber sehr wohl geführt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. März 2018 | 14:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2018, 15:58 Uhr

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118 Kommentare

12.03.2018 16:06 Klaus 118

@ { 113 }
Ja, ich bleibe am Ball, keine Sorge. :-)
Aber verraten Sie uns doch ein Geheimnis, wo habe ich irgendein Gerichtsurteil zitiert oder aus dem Hut gezaubert?
Ich hatte lediglich dazu aufgefordert Tellkamps Aussage zu belegen, was bisher noch niemand geschafft hat. Eher im Gegenteil, es wurde mehrfach und von unterschiedlichen Seiten festgestellt, dass Tellkamps Aussage nicht verifiziert werden kann.

12.03.2018 16:01 andre 117

Also ich arbeite in einer Clearingstelle mit Flüchtlingen, wir haben hier ungefähr 300Leute aus Nordafrika, Schwarzafrika und anderen dritte Weltregionen. Keiner dieser Menschen ist ein Wirtschaftsflüchtling, das müssen dann wohl die 5% sein, die aus Angst um ihr Leben und das ihrer Familien hierher kommen oder Herr Tellkamp? Unglaublich was Leute lügen, nur um Aufmerksamkeit zu erhaschen, lief wohl nicht so mit seinen Büchern...

12.03.2018 15:53 Warum diese Aufregung? 116

Zum Stichtag 30. Juni 2016 lebten 549.209 abgelehnte Asylbewerber in Deutschland, die irgendwann erfolglos einen Asylantrag gestellt haben. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor. Hierbei handelt es sich um Migranten, die weder Anspruch auf Asyl, noch nach der GFK haben und daher doch schon aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland eingereist sind. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2016 und sind doch kein Geheimnis. Es lässt sich doch wohl kaum verleugnen, dass diese Zahl immens hoch ist, oder? Und es steht auch außer Frage, dass es keine ausländerrechtlich begründeten Bleibeperspektiven für sie gibt.
Warum also diese Empörung? Es ist doch eine hohe Anzahl , die darauf hofft, aus wirtschaftlichen Gründen im Lande bleiben zu können?

12.03.2018 15:33 Klaus 115

@ { 12.03.2018 12:57 Bernd L. }
Und wie ist das mit den Lügen?
Jede Lüge braucht einen Dum... der sie ...

12.03.2018 15:30 Klaus 114

@ { 12.03.2018 14:59 Anne }
Ja, Tellkamp hat diesen Punkt erfüllt.
Das kann man auch daran erkennen, dass ihm alle Besorgte zur Hilfe eilen und seine falschen Aussagen einfach ignorieren und Tellkamp als Opfer darstellen wollen.
Bei mir funktioniert das nur nicht. Da hat er richtig Pech gehabt. Seine Aussagen hätte er vorher überprüfen sollen.

12.03.2018 15:25 zu Kommentar 107 113

@Joachim Dierks:"@Klaus: So abfällig wie Sie hier über wirklich exzellente Literatur schreiben, sind Sie für mich kein ernstzunehmender Gesprächspartner. Sie disqualifizieren sich aus meiner Sicht damit sehr." Ich bin auch dieser Meinung und man kann die postings dieses users nicht ernst nehmen, zumal er sich seine Welt zurechtbastelt und zuweilen eigene Gesetzestexte kreiert und sogar nicht existente Gerichtsurteile aus seinem Hut zaubert. Es ist jedoch immer wieder erheiternd, was sich diese Person ausdenkt. Es wäre doch nicht so erheiternd ohne ihn und ich würde ihn glatt etwas vermissen...
Daher: @Klaus, bleiben Sie am Ball

12.03.2018 15:24 Klaus 112

@ { 12.03.2018 14:08 Joachim Dierks }
Die Geschmäcker sind eben verschieden, ich bewerte nicht nur das Werk und das Thema, sondern auch noch weitere Randbedingungen. Und da ist Tellkamp bei mir komplett durchgefallen.
Wer aus so einer Machtstellung heraus unschuldige auf der Flucht befindliche Menschen angeht, der hat bei mir verloren. Das ist Meinungsfreiheit und die lasse ich mir von niemanden nehmen.
Dass es besser geht, beweisen wir jeden Tag hier bei uns, dazu brauchen wir keinen jammernden Tellkamp. Ihm ist wohl die NVA-Ausbildung nicht gut bekommen.

12.03.2018 15:16 Klaus 111

@ { 12.03.2018 13:23 annerose will }
Es steht Tellkamp jederzeit frei seine Aussage mit Fakten zu belegen. Das wäre der Grundbestandteil einer ehrlichen Diskussion. Aber diesen notwendigen Beitrag wird Telllkamp wohl schuldig bleiben.
Er sollte mal darüber nachdenken, was unsere Waffen anrichten und warum soviele bei der Flucht umkommen. Das machen die nicht wegen eines Familienausfluges, da geht es um die Flucht vor Tod, die dann wiederum tragisch im Tod endet.
Darüber hätte Tellkamp mal diskutieren sollen, aber da fehlt es im am Mut und zwar ganz gewaltig.

12.03.2018 14:59 Anne 110

"Volksverhetzung ist nämlich auch eine Straftat, auch wenn er damit nur Besorgte überzeugen konnte." Klaus Sie wissen doch garnicht was Volksverhetzung ist."Den Tatbestand einer Volksverhetzung definiert § 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs: die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet"Na Klaus erkennen Sie sich wieder?

12.03.2018 14:53 Ichich 109

Nein, @Klaus, Volksverhetzung ist keine Sraftat in D., wenn sie sich gegen Deutsch richtet. Das hat der Gesetzgeber so gewollt (sog. Mehrheitsgesellschaft). Wenn Volksverhetzung oder Rassismus gegen Deutsche strafbar wäre, würden sich einige Herren und Damen nicht so äußern.