Eine Sprechstundenhilfe spricht mit Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis.
Ein neues Gesetz soll Kassenpatienten helfen, schneller einen Arzttermin zu bekommen. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Terminservice- und Versorgungsgesetz Ärzte sehen keine Veränderung durch neues Gesetz

Oft dauert es Monate bis Kassenpatienten einen Termin beim Orthopäden, Augenarzt oder Hautarzt bekommen. Deshalb hat die Bundesregierung im Herbst das sogenannte Terminservice- und Versorgungsgesetz beschlossen, das im Frühjahr 2019 in Kraft treten soll. Das soll dabei helfen, dass gesetzlich Versicherte schneller einen Termin bekommen. Ärzte sind skeptisch.

von Carolin Fröhlich, MDR AKTUELL

Eine Sprechstundenhilfe spricht mit Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis.
Ein neues Gesetz soll Kassenpatienten helfen, schneller einen Arzttermin zu bekommen. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Wenn der Leipziger Dermatologe Uwe Reinholz zum neuen Termin- und Versorgungsgesetz gefragt wird, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Er und eine Kollegin behandeln täglich im Schnitt 120 Patienten in ihrer Praxis, montags ist generell ohne Termin für alle offen, sagt Reinholz. Im Gesetz des Bundesgesundheitsministers sehe er keinen Sinn.

Der Herr Spahn ändert draußen die Sprechstundenschilder, aber rein inhaltlich wird er da nichts Wesentliches verbessern.

Uwe Reinholz, Dermatologe aus Leipzig

Das begründet Reinholz damit, dass Ärzte in der Regel schon die vom Gesetz geforderte Zahl an Sprechstunden anbieten würden.

Erhöhung der Sprechstunden soll helfen

Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen
Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen Bildrechte: Florian Lanz, GKV

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz sieht unter anderem vor, dass Ärzte in Zukunft mindestens 25 Stunden pro Woche für Kassenpatienten zur Verfügung stehen. Bisher waren es 20 Stunden. Außerdem sollen Fachärzte wie Dermatologen, Augenärzte oder Orthopäden wöchentlich zusätzlich fünf offene Sprechstunden anbieten – das heißt, Patienten können ohne Termin die Sprechstunde besuchen.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen erhofft sich viel vom neuen Gesetz, erklärt Sprecher Florian Lanz. "Wir sind sicher, dass es Linderungen durch diese gesetzliche Maßnahme gibt. Denn wir wissen, dass es Ärzte gibt, die weniger als 25 Sprechstunden anbieten."

Gesetz im Alltag nicht umsetzbar

Das dürfte aber nur ein geringer Teil der Ärzte sein. Laut einer Studie des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung widmen sich niedergelassene Ärzte im Schnitt 35,8 Wochenstunden gesetzlich versicherten Patienten. Trotzdem haben es vor allem neue Patienten schwer, überhaupt einen Termin bei einem Arzt zu erhalten.

Deshalb sieht das geplante Gesetz vor, Ärzten finanzielle Zuschläge zu zahlen, wenn sie zum Beispiel einen neuen Patienten aufnehmen. "Das wird schon was bringen", denkt Dermatologe Uwe Reinholz. Problematisch daran findet er aber, dass manche Patienten unter dem Gesetz leiden könnten: "Es wird dann andere treffen, die dem zum Opfer fallen. Zum Beispiel die Chroniker, die schon lange in Behandlung sind und einer ständigen Betreuung bedürfen."

Mehr Sprechstunden sollen belohnt werden

Florian Lanz vom Spitzenverband der Gesetzlichen Versicherer sieht diese Betreuung auch weiterhin als gut gewährleistet. Aber Zuschläge dafür zu zahlen, "dass ein Arzt seine Arbeit macht, also für Patienten erreichbar ist", finde er verkehrt.

Wenn ein Arzt zum Beispiel sagt, ich biete Sprechstunden am Samstag an, bekommt er auch nach der heutigen Rechtslage dafür einen Zuschlag.

Florian Lanz, Pressesprecher Spitzenverband Bund der Krankenkassen

Gesetz kann Situation verschlimmern

Im Sinne der besseren Versorgung begrüßen die gesetzlichen Krankenversicherungen daher auch die Neuregelung der vorhandenen Terminservicestellen. Die sollen künftig rund um die Uhr Termine zu Ärzten vermitteln, auch nachts und am Wochenende.

Für die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen geht das genau in die falsche Richtung. Die gibt zu bedenken, dass "wir in Deutschland die höchste Arzt-Patienten-Kontaktzahl weltweit haben. Und wir haben eine irgendwann mal begrenzte Kapazität." Die Vereinigung befürchtet, dass die Inanspruchnahme von Arztterminen eher zunehme, wenn Patienten leichter an einen Termin kämen. Das sei "eindeutig kontraproduktiv".

Mehr Ärzte nötig

Was das Terminservice- und Versorgungsgesetz Patienten nun bringt, wird sich erst zeigen, wenn es im Frühjahr in Kraft getreten ist. In einem sind sich Krankenkassen und Ärzte aber einig: Auf lange Sicht können nur mehr Ärzte die Lage der Arztversorgung entspannen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Dezember 2018 | 08:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2018, 05:00 Uhr