Justiz Tierquälerei: Strafen sucht man mit der Lupe

Ferkel werden auf den Boden geschlagen und anschließend in einem Eimer entsorgt. Schweine vegetieren mit großen Wunden in einem überfüllten Stall vor sich hin. 700 bis 800 Straftaten wegen Tierquälerei werden jährlich in Deutschland verfolgt, doch die Täter fast nie hart bestraft.

Wie die Ferkel erschlagen werden, haben Tierschützer mit Filmaufnahmen dokumentiert und den Betreiber des sogenannten Schweinehochhauses in Maasdorf in Sachsen-Anhalt angezeigt. Für diese Tierquälerei kann es eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geben. "Wenn die Staatsanwaltschaft zu der Feststellung kommt, dass das gewerbsmäßig erfolgt und darauf deutet ja vieles hin, dann dürfte das eher ein Strafmaß am oberen Rand sein", erklärt Anwalt Peter Kremer, der regelmäßig Tierschützer vertritt.

Tierquäler
Im Schweinehochhaus: Eine Mitarbeiterin erschlägt Ferkel einfach auf dem Boden. Tierschützer haben das dokumentiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Betrieb im umstrittenen Schweinehochhaus ist inzwischen eingestellt. Gegen die verantwortliche Firma HET GmbH und deren Geschäftsführer läuft – genau wie gegen zwei Mitarbeiterinnen – ein Ermittlungsverfahren. "Die Mitarbeiterin wird sich sehr sicher strafbar gemacht haben", sagt Strafrechtler Kremer. Für ihn stellt sich die Frage, ob diese auf Anweisung des Chefs gehandelt hat und ob sich das auf das Strafmaß auswirkt. Eine weitere Frage ist, was ihr Chef Michiel Taken von den Ferkeltötungen wusste. Doch der Geschäftsführer mehrerer Firmen will Fragen von MDR-exakt nicht beantworten.

Nur wenige Tierquälerei-Verfahren führen überhaupt zu Urteilen

Mann
Strafrechtler Jens Bülte hat untersucht, wie die deutsche Justiz über Tierquäler urteilt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Strafrechtler Jens Bülte von der Universität Mannheim hat untersucht, wie die deutsche Justiz über Tierquäler urteilt. Er hat Verfahren aus 1,5 Jahren ausgewertet. Seine ernüchternde Bilanz: nur sehr wenige führen überhaupt zu Verurteilungen. Strafen sucht man mit der Lupe. "In vielen Bereichen: Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug, Untreue, Betrug – da sieht das völlig anders aus. Da hat man den Eindruck die Staatsanwaltschaften sind richtig hinterher", sagt er. Dagegen hat er den Eindruck, dass "die Justiz einen blinden Fleck bei Tierquälerei in landwirtschaftlicher Tierhaltung hat".

Doch es geht auch anders. Vor kurzem ist der Betreiber des überfüllten Stalles in Merklingen in Baden-Württemberg zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Das Amtsgericht Ulm sah es unter anderem als erwiesen an, dass Johannes S. kranke Tiere mit dem Vorschlaghammer getötet hat.  "Paragraf 17 Tierschutzgesetz spricht ja von länger andauernden Leiden und Schmerzen und ausdrücklicher Rohheit. Beides ist hier erfüllt", sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Deren Aufnahmen haben zur Anklage des Schweinehalters geführt. "Einerseits, dass er bewusst die Tiere der Qual ausgesetzt hat, indem er viel zu viele Tiere auf engem Raum gehalten hat und diese vernachlässigt hat." Zum anderen habe Johannes S. Tiere mit äußerst grober Gewalt getötet.

Urteil: Völlige Missachtung vor dem Leben

Tierquäler
Johannes S. hat mit dem Vorschlaghammer kranke Tiere getötet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Anlage in Merklingen ist inzwischen ebenfalls geschlossen, auch dieser Betreiber will sich gegenüber MDR-exakt nicht äußern. Vor Gericht hatte er zu seiner Verteidigung psychische Probleme vorgebracht. Der Richter berücksichtigte das strafmindernd. Trotzdem ist die Urteilsbegründung knallhart: Von besonderer Kaltblütigkeit ist die Rede, von völliger Missachtung vor dem Leben und einer geradezu verachtenswerten Gesinnung. Johannes S. habe aus purer Gewinnmaximierung gehandelt. Doch ob das Urteil Bestand hat, wird erst die Berufungsverhandlung zeigen.

Der Betreiber zeigte bislang offenbar keine Einsicht. Friedrich Mülln war Zeuge und Beobachter im Verfahren: "Ich habe den Betrieb tagelang observiert. Der Betrieb war von außen tippi-toppi. Das bedeutet, er war in der Lage etwas ordentlich zu managen." Doch innen habe er die Tiere der Qual ausgesetzt. "Aus Kalkül. Er hat sich nicht entschuldigt. Er hat nicht gesagt, dass es ihm persönlich Leid tut", sagt Mülln.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 26. Juni 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

23 Kommentare

28.06.2019 17:12 Generation 65+ 23

sollen wir nur noch vegetarisches futtern? gehen da viele Viehbauern pleite? oder kommt das Billigfleisch beim Discounter nicht aus Deutschland? wo sind noch fleischverarbeitende Handwerksbetriebe in der Region?

28.06.2019 16:11 Ingrid Künzel 22

Dieses Urteil lässt hoffen, dass auch weitere Anlagen dieser Art geschlossen und die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden! Vielleicht hat nun auch die ein oder andere Behörde den Mut, endlich gegen diese absolut quälerische Praxis vorzugehen. Aber auch die Verbraucher müssen sträker darauf achten, woher das fleisch stammt, dass auf den Teller kommt.

27.06.2019 20:19 karstde 21

Wir leben eben alle in einen großen Schweinestall.

27.06.2019 18:56 Antonietta 20

Eine vegane Ernährung ist deutlich umweltfreundlicher als die übliche, fleisch- und käsebetonte Durchschnittskost: Sie verbraucht weniger Energie, Rohstoffe und Wasser, belegt weniger Landfläche und erzeugt deutlich weniger Klimagase. Aus ethischer Sicht ist die vegane Ernährung die konsequenteste Art, verantwortlich mit unserer Mitwelt umzugehen und so wenigen Mitlebewesen wie möglich durch unsere Lebensmittelauswahl zu schaden.

27.06.2019 14:58 Gerd Müller 19

# 17 bi Hunden handelt es sich um Sachbeschädigung als ob meist Familienmitglied wird es im Beamtendeutsch als Sache gesehen. Bei Schweinchen vllt. als Schweinerei und wer will schon genau wissen wie Eipulver entsteht und was da so alles drinsteckt und wo es herkommt, bei grauen Fischbuletten ahne Hobbyköche schlimmes

27.06.2019 09:19 Ossigöre 18

unsere Werkstatt bekommt täglich Mittagessen aus Staßfurt angeliefert. die Großküche fährt dabei echt weite Wege, vergisst öfter mal was und kalkuliert sagenhaft; oké Lachs schmeckt nie wie er sollte und 80% Panade, wenn es Fisch gibt - Die milchig hellen Gehacktesklopse haben sicherlich wenig mit Qualitätsfleisch zu tun, da wünscht frau sich Mut zur Wahrheit - wir wären wahrscheinlich geschockt, wenn vor Schreck gestorben wird sinkt der Ab- und Umsatz und vllt. müssen dann welche HartzIV beantragen.
Deshalb futtern wir weiter ... für 2,05 EUR mittags

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) nicht freigegeben.
Ihre MDR.de-Redaktion]

27.06.2019 08:51 Stefan T 17

@25.06.2019 15:30 Mane 12: "Mit Tiere kann man machen was man will,so ist es in Deutschland eben." Leider nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

26.06.2019 11:06 nasowasaberauch 16

Wir Verbraucher entscheiden über das Tierwohl und die z.B. nach China exportierenden Mastbetriebe. Das billige Schnitzel hier und am liebsten jeden Tag sowie die Profitgier der Betriebe sind Ursache dieser Mißstände. Hinzu kommt noch das Problem mit der anfallenden Gülle. Wer Schweinefleisch in Massen exportiert sollte sollte auch die Sch... mit versenden oder dafür ein Entsorgungskonzept vorweisen. Die Landwirtschaft trägt wesentlich zur Emission von NOx und zu Nitraten im Grundwasser bei. Diese Lobby ist offensichtlich stärker als die der Autofahrer.

26.06.2019 07:58 bippus 15

Das sind solche Sachen,wo man den Kanal voll hat mit der EU,dazu kommt noch Klima, Auto, Aerzte ,Maut,,Bildung,Grundsteuer usw.usw.wenn man dann AFD oder andere waehlt ist man Nazi-schoenenDank auch!Wann begreift unsere Regierung entlich mal!!

25.06.2019 20:36 Antonietta Tumminello 14

Go vegan für Umwelt, Gesundheit und die Tiere!