Corona-Angst in Weißenfels Schlachthof-Mitarbeiter nicht über Tests informiert?

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies in Gütersloh gibt es Forderungen, die Mitarbeiter im Tönnies-Werk in Weißenfels erneut auf das Coronavirus zu testen. Doch beim ersten Massentest dort im Mai ging nur die Hälfte hin.

Nachdem am Stammsitz des Fleischproduzenten Tönnies in Nordrhein-Westfalen mehr als 1.500 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden, ist die Sorge vor einer Ausbreitung auch an anderen Standorten groß. Mit seinen 2.200 Mitarbeitern ist der Schlachtbetrieb in Weißenfels das zweitgrößte Werk des Unternehmens.

Massentest – Wie viele lassen sich wirklich testen?

Nun werden Forderungen laut, alle 2.200 Mitarbeiter erneut auf das Coronavirus testen zu lassen. Der Landrat vom Burgenlandkreis Götz Ulrich (CDU) setzt sich sogar für regelmäßige Stichproben ein. "Deshalb halte ich es für geboten, solange die Pandemie läuft, dass Unternehmen, wo so viele Mitarbeiter in so engem Raum zusammen arbeiten oder auch leben, dass man dort regelmäßige Stichproben fährt, die sich eben nicht nur auf die Mitarbeiter, die neu in dem Betrieb kommen, beziehen", erklärt Ulrich.

Corona-Massentest Tönnies Weißenfels
Bild vom Massentest im Weißenfelser Tönnis-Standort im Mai 2020 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wie realistisch ist das? Bereits Mitte Mai wurde am Standort Weißenfels prophylaktisch ein Massentest auf das Coronavirus durchgeführt, nachdem die Ausbrüche in Schlachtbetrieben im westfälischen Coesfeld und im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt bekannt geworden waren. Doch nur die Hälfte der Arbeiter hatte an den freiwilligen Tests teilgenommen. Alle Ergebnisse waren hier negativ ausgefallen. Landrat Ulrich betont, dass fachlich auch die Testung der halben Belegschaft aussagekräftig sei. Aber viele Mitarbeiter wussten offenbar nicht, dass es diese Tests überhaupt gibt.

Beratung migrantischer Arbeitskräfte leistet Aufklärungsarbeit unter den Mitarbeitern

Elitsa Kirova, von der Beratung migrantischer Arbeitskräfte, war damals einen Tag vor Testbeginn Ort, um mit Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. "Wir haben ganz viele Leute angesprochen und auch die Testungen explizit nachgefragt, ob sie Bescheid wissen, auch dass sie kostenlos sind. Tatsächlich wussten viele es nicht", sagt sie bei "MDR-exakt".

Elitsa Kirova
Elitsa Kirova, von der Beratung migrantischer Arbeitskräfte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jetzt ist sie wieder am Tönnies-Standort Weißenfels unterwegs, um hier erneut Aufklärungsarbeit zu leisten. Begleitet wird sie von Gabriela Ruszala. Die beiden sprechen fließend serbokroatisch, bulgarisch und polnisch. Vor Ort wollen sie sich auch ein Bild von den Wohnverhältnissen und der Einhaltung der Hygienevorschriften machen.

Burgenlandkreis fordert Adressen der Mitarbeiter bis Ende Juni

Um mögliche Infektionsketten nachverfolgen und Kontaktpersonen von am Coronavirus infizierten Personen ausfindig machen zu können, hat der Burgenlandkreis das Unternehmen Tönnies und dessen Werkvertragsfirmen nun aufgefordert, bis Ende Juni die Adressen aller Mitarbeiter vorzulegen.

Schlachtbetrieb Tönnies
In den Betrieben arbeiten die Mitarbeiter auf engstem Raum miteinander. Bildrechte: MDR/Exakt

Am Standort Gütersloh sah sich die Firma Tönnies nicht in der Lage, weil dies der Datenschutz nicht zulasse. Kenntnis über Wohnadressen von Subunternehmen dürfe das Unternehmen gar nicht haben, erklärte Clemens Tönnies gegenüber der Presse. Als diese um die Kontaktdaten ihrer Mitarbeiter gebeten worden seien, hätten diese wiederum datenschutzrechtliche Bedenken ins Feld geführt. Die Behörden haben dann schließlich eine Herausgabe der Daten durchgesetzt.

Thomas Kuhlbusch, Leiter Krisenstab Landkreis Gütersloh
Thomas Kuhlbusch, Leiter des Krisenstabes im Landkreis Gütersloh Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn man so lange auf die Grundlagen warten muss, die wichtig sind, um ein Virus einzudämmen, dann ist das Vertrauen am Ende eines solchen Prozesses auf null", kritisierte Thomas Kuhlbusch, der Leiter des Krisenstabes im  Landkreis Gütersloh, daraufhin die Zusammenarbeit mit dem Schlachtbetrieb-Riesen.

Landrat: Tönnies-Mitarbeiter sollen Standort jetzt nicht wechseln dürfen

Auch als Reaktion darauf hat der Landrat im Burgenlandkreis Götz Ulrich verfügt, dass zwischen den einzelnen Standorten des Unternehmens keine Mitarbeiter ausgetauscht werden dürfen. Auch wenn die Schlachtzahlen am Standort Weißenfels ansteigen, solle kein Personal "aus dem Personalpool in Rheda-Wiedenbrück rekrutiert werden", betont der Landrat. "Weil dann die Gefahr, dass man das Virus hier in die Region trägt, nicht nur in den Schlachthof und die gesamte Region trägt, viel zu hoch ist", erklärt er.

Dass Schlachthof-Mitarbeiter im Normalfall auch zwischen Standorten hin- und hergeschickt werden, darüber hatte "MDR-exakt" im März berichtet. Ein Mitarbeiter, der bei einem Subunternehmer in Zerbst unter Vertrag war, erzählte damals von seinen Erlebnissen in der Fleischverarbeitung. Er sei 2019 für drei Wochen nach Rheda-Wiedenbrück geschickt worden. Nachdem er sich weigerte, länger dort zu arbeiten, wurde er nach eigener Aussage entlassen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 24. Juni 2020 | 20:15 Uhr