Auf dem Bahnhof in Erfurt laufen 2007 Reisende über den Bahnsteig.
An vielen Thüringer Bahnhöfen liegt das Bahnsteigmaß 21 Zentimeter unter dem ICE-Niveau. Bildrechte: dpa

Anpassung an das Standardmaß Thüringen erwartet Mehrkosten durch Umbau von Bahnsteigen

"Achten sie beim Ausstieg auf die Höhe der Bahnsteigkante!" In mitteldeutschen Zügen dürfte dieser Durchsage-Klassiker bald wieder häufiger zu hören sein. Grund dafür: Die Deutsche Bahn hat beschlossen, das Standardmaß für Bahnsteige in Mitteldeutschland von 55 Zentimetern auf 76 Zentimeter zu erhöhen. Problematisch sind diese 21 Zentimeter Bahnsteigerhöhung, weil die vielen neuen Regio-Züge nur beim alten Bahnsteigmaß barrierefrei zugänglich sind.

von Ludwig Bundscherer, MDR-AKTUELL-Landeskorrespondent für Thüringen

Auf dem Bahnhof in Erfurt laufen 2007 Reisende über den Bahnsteig.
An vielen Thüringer Bahnhöfen liegt das Bahnsteigmaß 21 Zentimeter unter dem ICE-Niveau. Bildrechte: dpa

Der deutsche Vorzeigezug ist zweifellos der ICE. Die Tür zum ICE betritt man am bequemsten bei 76 Zentimetern Bahnsteighöhe. 76 Zentimeter, das ist auch die Bahnsteighöhe auf den meisten westdeutschen Bahnhöfen. Die ostdeutschen Bahnhöfe sollen gleichziehen.

Regelhöhe für Bahnsteige bundesweit 76 Zentimenter

Denn an einer bundesweit einheitlichen Bahnsteighöhe führt für den mitteldeutschen Bahnchef Eckart Fricke kein Weg vorbei: "Wir haben Gesetze und Richtlinien. Über die kann man sich nicht einfach hinwegsetzen. Es gibt eine Eisenbahnbau- und Betriebsordnung. Sie schreibt als Regelhöhe für die Bahnsteige in der ganzen Bundesrepublik 76 Zentimeter vor."

Die Regel ist relativ neu. Vor sechs Jahren wurde noch beschlossen, dass Bahnhöfe per Ausnahmeregel tiefer gebaut sein dürfen, wenn das dem lokalen Verkehrsnetzstandard entspricht. An den vielen kleinen Thüringer Bahnhöfen liegt das Bahnsteigmaß deshalb 21 Zentimeter unter dem ICE-Niveau.

Barrierefreiheit wird um 40 Jahre zurückgeworfen

Dazu erklärt Antje Hellmann, Sprecherin des Thüringer Verkehrsministeriums: "Thüringen hat 457 Bahnsteige. Davon sind gerade mal 13 bei einer Höhe von 76 Zentimetern. Fast die Hälfte aller Bahnsteige - nämlich 223 - haben 55 Zentimeter. Dann gibt es noch 221 Bahnsteige mit bis zu 38 Zentimetern Bahnsteighöhe."

Thüringen hat von der Wende bis heute gebraucht, um die Hälfte seiner Bahnsteige auf 55 Zentimeter Höhe umzubauen. Hier fahren Regiozüge jetzt barrierefrei. Das neue Standardmaß werfe die angepeilte Barrierefreiheit für alle Thüringer Bahnhöfe um rund 40 Jahre zurück, meint Hellmann,  zumindest wenn das Bautempo so bliebe. Dabei müsse Barrierefreiheit doch das oberste Ziel sein: "Auf jeden Fall ist sie mit dem jetzigen Maß von 55 Zentimetern sehr viel schneller und sehr viel günstiger zu erreichen."

Verteilung der Baukosten noch nicht geklärt

Aber wer bezahlt eigentlich den neuerlichen Umbau? Laut Thüringer Verkehrsministerium der Bund. Laut Bundesverkehrsministerium stehen noch gar keine Kosten fest. Dafür brauche es erst ein Konzept. Überhaupt sollen Bahnsteige nur dann angepasst werden, wenn sie baufällig seien.

Laut DB hält ein Bahnsteig 100 Jahre lang. Thüringens Verkehrsministerium geht jedenfalls davon aus, dass schon vorher Umbaukosten auf das Land zukommen: "Die Erfahrungen in den letzten Jahren zeigen, dass auch die Länder mit einem nennenswerten Anteil an den Bau- und Betriebskosten beteiligt wurden. Deshalb ist schon davon auszugehen, dass auch die Länder ihren Teil dazu beitragen müssen. Sei es nur über geänderte Stationspreise oder andere zusätzliche Regelungen, die dann kommen würden."

Private Zugbetreiber gegen neue Bahnsteighöhe

Die Verkehrsminister der Länder sind nicht erfreut über die Pläne von Bahn und Bund. Für den 12. Januar hat das Bundesverkehrsministerium zum Krisengespräch in Berlin geladen. Auch die privaten Zugbetreiber laufen Sturm gegen die neue Bahnsteighöhe. Die neu angeschafften Züge im Nahverkehr müssen noch mindestens 25 Jahre lang fahren. Barrierefrei für Rollstuhl und Rollator geht das in Mitteldeutschland aber nur mit dem alten Bahnsteigmaß.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Januar 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Januar 2018, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

02.01.2018 18:04 Christian Schubert 4

Korrektur zu meinem Eintrag #3 von 14:20 Uhr: wie konnte ich im Trubel der neuen Schnellfahrstrecke die Ost-West-Achse vergessen, auf der immer noch ICEs unterwegs sind und in Gotha und Eisenach halten? Dort gibt es Bahnsteige mit 55 cm Bahnsteighöhe, in Gotha sind sogar noch 38-cm-Bahnsteige am Start, werden aber nicht für die ICEs genutzt. Doch selbst eine Umrüstung von 55 auf 76 cm würde die Barrierefreiheit von ICEs nicht verbessern.

02.01.2018 14:20 Christian Schubert 3

Ein unfassbarer Schildbürgerstreich. ICEs halten in Thüringen nur noch in Erfurt - und selbst an 76-cm-Bahnsteigen sind ICEs nicht barrierefrei. Der einzige barrierefreie Fernzug ist der neue Doppelstock-IC, aber nur im Steuerwagen - und nur bei 55 cm Bahnsteighöhe. Die anderen Wagen werden selbst bei 76 cm Bahnsteighöhe nicht barrierefrei. Die neue S-Bahn Mitteldeutschland hat Fahrzeuge für 55-cm-Bahnsteige - die hat die DB selbst beschafft. Abellio fährt auch alles mit 600 mm Einstiegshöhe, Cantus ebenso. Die Regioshuttle im Dieselnetz sind auch für 55-cm-Bahnsteige optimiert. Einzig die Talent 2 des Franken-Thüringen-Expresses haben Mischbestückung 600 mm am mittleren
Wagen / 800 mm an den anderen Wagen.

Der Irrsinn kostet auf Jahrzehnte die Barrierefreiheit und vermutlich einigen Bahnhalten die gesamte Existenz. Gratulation!

P.S. In der Schweiz hat man durchgehend 55 cm und mir wäre neu, wenn die Schweiz bahntechnisch problembehaftet wäre.

02.01.2018 08:04 Bernd 2

Vielleicht beschaeftigen sich die "Experten" der DB mal mit der Realitaet. Bei ICE Bahnhoefen fallen mir Erfurt, Eisenach und dann Jena, Weimar und Saalfeld, (Gotha???) ein. Diese sind entsprechend ausgeruestet. Auf allen anderen Bahnhoefen halten Regionalzuege bei denen die niedrigeren Bahnsteige ein barrierefreies Einsteigen ermoeglichen. Demzufolge waere es doch sinnvoll sich an die Notwendigkeiten zu halten und nicht sinnfrei realitaetsferne Bestimmungen umsetzen zu wollen die nicht nur unnoetig Geld Kosten sondern es den Reisenden erschweren, die Zuege zu nutzen. Ich hoffe dass sich bei der Bahn doch noch jemand findet, der seinen Kopf zum Denken benutzt, aber auch dass dessen Meinung zaehlt.

02.01.2018 06:33 Räudiger Hund 1

Standardmaß, bitte schön!!! Schließlich marschieren in diesem Land keine Standarten mehr! Das sollten gerade Sie am besten wissen!

[Vielen Dank für den Hinweis. Die zuständigen Kollegen sind informiert. Herzliche Grüße aus der MDR.de Redaktion]