Studie des Jüdischen Weltkongresses Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch

Ein Viertel der Deutschen hegt nach einer Umfrage des Jüdischen Weltkongresses antisemitische Gedanken. 41 Prozent vertreten demnach sogar die Meinung, Juden würden zu viel über den Holocaust reden.

Israel-Flagge mit Davidstern bei Antisemitismus-Gedenken vor Reichstag in Berlin
Israelische Flagge vor dem Berliner Reichstag: Ein Viertel der Deutschen vertritt antisemitische Positionen. Bildrechte: imago/Christian Spicker

Jeder vierte Deutsche hegt nach einer Studie des Jüdischen Weltkongresses antisemitische Gedanken. Laut der vor zweieinhalb Monaten durchgeführten Befragung, über die nun die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtete, denken 27 Prozent aller Deutschen und 18 Prozent einer als "Elite" kategorisierten Bevölkerungsgruppe antisemitisch. 41 Prozent vertreten demnach sogar die Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust, also den Völkermord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden (1941 bis 1945).

Auch ein Viertel der "Elite" antisemitisch

Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidstern sind an einer Gedenkstätte zu sehen
Hakenkreuz-Schmiererei auf einer jüdischen Gedenkstätte in Berlin. Bildrechte: dpa

Dem "SZ"-Bericht zufolge behaupteten 28 Prozent der von den Autoren der Studie als "Elite" bezeichneten Umfrageteilnehmer, Juden hätten "zu viel Macht in der Wirtschaft". 26 Prozent der "Elite" attestieren Juden außerdem "zu viel Macht in der Weltpolitik". Zur sogenannten Elite zählten die Studienautoren Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro.

Weiter ergab die Befragung laut dem Zeitungsbericht, dass fast die Hälfte (48 Prozent) der 1.300 Studienteilnehmer behaupteten, Juden verhielten sich loyaler zu Israel als zu Deutschland. Zwölf Prozent aller Befragten gaben zudem an, Juden trügen die Verantwortung für die meisten Kriege auf der Welt. 22 Prozent stimmten der Aussage zu, Juden würden wegen ihres Verhaltens gehasst.

Zwei Drittel nehmen Antisemitismus wahr

Wachsender Antisemitismus wird der Studie zufolge aber auch von einer überwältigenden Mehrheit in der deutschen Bevölkerung wahrgenommen und mit dem Erfolg rechtsextremer Parteien in Verbindung gebracht. 65 Prozent aller Deutschen und 76 Prozent der sogenannten Elite in Deutschland sehen demnach einen Zusammenhang.

Zugleich wächst laut der Studie die Bereitschaft, gegen Antisemitismus vorzugehen. Zwei Drittel der "Elite" würden eine Petition dagegen unterzeichnen, ein Drittel aller Befragten würde gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Etwa 60 Prozent räumen zudem ein, dass Juden einem Gewaltrisiko oder hasserfüllten Verbalangriffen ausgesetzt seien. Gleichwohl zeigten sich nur 44 Prozent besorgt über Gewalt gegen Juden oder jüdische Einrichtungen. Jeder vierte Befragte hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann".

WJC-Präsident sieht Krisenpunkt erreicht

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, kommentierte das Ergebnis der Antisemitismus-Studie laut "Süddeutscher Zeitung" mit den Worten, Antisemitismus habe in Deutschland einen Krisenpunkt erreicht. Wenn sich mehr als ein Viertel der Gesellschaft mit Antisemitismus identifizierte, sei es Zeit für die restlichen drei Viertel, Demokratie und tolerante Gesellschaften zu verteidigen. Deutschland habe eine einmalige Verpflichtung, die Rückkehr von Intoleranz und Hass zu verhindern.

Es ist an der Zeit, dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht und Antisemitismus frontal bekämpft.

Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses "Süddeutsche Zeitung"

Der Jüdische Weltkongress (WJC) ist eine Vereinigung, die jüdische Gemeinden und Organisationen in 100 Ländern vertritt.

Antisemitismus-Studie des WJC Die Befragung mit 1.300 Teilnehmern aus Deutschland fand laut "Süddeutscher Zeitung" vor zweieinhalb Monaten statt. Dabei mussten die Teilnehmer folgende vorgegebene Aussagen bewerten:

- Juden halten eher Israel als Deutschland die Treue.
- Juden sprechen zu oft über den Holocaust.
- Juden haben zu viel Macht in der Wirtschaft.
- Juden haben zu viel Macht auf den internationalen Finanzmärkten.
- Juden haben zu viel Macht über die Weltpolitik.
- Juden sind für die meisten Kriege verantwortlich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Oktober 2019 | 10:00 Uhr