Unter der Lupe | Kolumne Der Rassismus und unser eigenes Spiegelbild

Tim Herden, Studioleiter des MDR Fernsehens im ARD-Hauptstadtstudio und Krimi-Autor
Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Nach dem Tod des Schwarzen George Floyd durch das gewaltsame Vorgehen weißer Polizisten entsteht in Amerika eine neue Bürgerrechtsbewegung. Die Auswirkungen schwappen auch nach Europa. In der Debatte, wie viel Rassismus es auch in Deutschland gibt, wird oft nur auf die Polizei geschaut. Aber es gibt viel mehr Alltagsrassismus, als uns bewusst ist.

Demonstranten mit einem Transparen «Kein Platz für Rassismus»
Nach dem Tod von George Floyd gab es auch in Deutschland Demonstrationen. Bildrechte: Harry Härtel

Auch in Deutschland gehen die Menschen für George Floyd auf die Straße. Sie halten Schilder hoch mit der Aufschrift "Black lives matter", schweigen acht Minuten und 46 Sekunden aus Protest gegen den tödlichen Polizeieinsatz.

George Floyd wird praktisch heiliggesprochen, auch, wenn er kein Heiliger war. Zu seiner Biografie gehört ein bewaffneter Raubüberfall, für den er fünf Jahre im Gefängnis war, und auch der Festnahme ging Bezahlen mit Falschgeld voraus. Das soll auf keinen Fall das Vorgehen der Polizisten entschuldigen. Aber George Floyd taugt nicht wie Martin Luther King, der auch durch rassistische Gewalt starb, zur Ikone einer neuen Bürgerrechtsbewegung. Er war kein Held, aber ein Opfer.  

US-Fall mobilisiert mehr als die Anschläge von Hanau und Halle

Doch woher kommt plötzlich diese Politisierung durch Floyds Tod auch in unserem Land, sodass Abstandsregeln und Mundschutz trotz Corona völlig egal sind? Waren es nur die Bilder der tödlichen Festnahme? Lebt einfach das alte Feindbild USA wieder auf, verkörpert in der Figur Donald Trumps?

Verbrechen mit rassistischem Hintergrund gab es in der Vergangenheit auch in Deutschland erst vor kurzer Zeit. Ich frage mich: Wo waren nach den Anschlägen von Hanau oder Halle die vielen Demonstranten, die jetzt die Faust in den Himmel recken oder auf die Knie gehen? Zählen nicht auch die Leben von deutschen Mitbürgern ausländischer Herkunft, von bedrohten jüdischen Gläubigen und von anderen deutschen Bürgern, selbst wenn sie nur Zufallsopfer eines Rassisten waren? Damals waren die Protestaktionen eher überschaubar.

Mich verwundert manchmal, dass wir weniger Empathie mit Opfern rassistischer und extremistischer Gewalt im eigenen Land zeigen als mit Opfern in anderen Ländern.

Keine pauschale Verurteilung der Polizei

Wie in Amerika wurde auch in Deutschland schnell die Polizei als angeblicher Hotspot für rassistische Gewalt und rassistisches Denken ausgemacht. Sicher hat die Polizei hierzulande ein Problem. Das zeigt die Aufdeckung rechtsradikaler Netzwerke und rassistischer Handlungen in ihren Reihen. Über 200 entsprechende Taten berichtet das ZDF im Dezember 2019 – allerdings bei insgesamt 260.000 Vollzugsbeamten.

Wenn man berücksichtigt, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung rechtsextremistische und rechtsradikale Positionen teilen, ist das kein besonderes strukturelles Problem der Polizei wie in den Vereinigten Staaten. Natürlich muss diesen Tendenzen mit aller Schärfe entgegengetreten werden, aber die Politik sollte sich auch mit den Ursachen für das Entstehen solcher Einstellungen beschäftigen.

Polizei funktioniert nur mit Unterstützung des Staats

03.10.2019, Berlin: Polizisten stehen auf der Friedrichstraߟe, um eine Demonstration von Rechtspopulisten zum Tag der Deutschen Einheit und Gegendemonstranten auseinanderzuhalten.
"Die Polizei steht oft zwischen Baum und Borke." Bildrechte: dpa

Oft wird die Polizei in Deutschland zum Notdienst für die Behebung entstandener gesellschaftlicher Probleme, ohne dass sie zugleich aus der Politik die notwendige Unterstützung erhält. Wenn zum Beispiel gefasste Täter bald wieder auf freien Fuß gesetzt werden und oft straffrei bleiben, selbst, wenn es sich um Wiederholungstäter handelt – etwa bei Drogendelikten.

Jetzt wird viel über "Racial Profiling" durch die Polizei diskutiert – und dieses verurteilt. Tut sie es nicht, wie in Köln zum Jahreswechsel 2015/16, steht sie gleich in der Kritik. Ein wenig mehr Objektivität in der Debatte wäre wünschenswert. Die Polizei steht oft zwischen Baum und Borke. Das schafft Frust und macht empfänglich für rechtes "Law-And-Order"-Denken. Auch Polizisten müssen sich darauf verlassen können, dass der Rechtsstaat funktioniert.

Ablenkung von deutschem Alltagsrassismus

Der Fingerzeig auf die Polizei lenkt zugleich ab vom Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Dabei meine ich nicht den vordergründigen Rassismus durch Beleidigungen oder An- und Übergriffe auf Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe. Es gibt nicht nur diesen Rassismus im engeren Sinn, sondern laut der Plattform humanrights.ch auch einen Rassismus im weiteren Sinn.

Er wird definiert als "Inbegriff von Ungleichbehandlungen, Äußerungen oder Gewalttaten, die beabsichtigen, dass Menschen wegen ihrer äußeren Erscheinung oder ihre Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nationalität oder Religion herabgesetzt werden."

Ausgrenzung durch die Eliten

Es passiert oft unterbewusst, rassistisch zu handeln. Beispiel Berlin: Hier hat die Gentrifizierung in der Stadt die multikulturellen Bezirke Wedding oder Neukölln erreicht. Die neuen, gutverdienenden deutschen Nachbarn erfreuen sich am Dönerstand um die Ecke, am indischen Restaurant in der Nebenstraße und am neu eröffneten Lebensmittelladen eines syrischen Flüchtlings.

Wenn dann aber die Kinder, besonders auch von Akademikern, ins Schulalter kommen, sollen sie nicht auf der Schulbank neben den Kindern der Türken, Inder oder Syrer sitzen. Es beginnt der Wettlauf um Plätze an Grundschulen, wo Deutsch für die meisten Kinder keine Fremd- sondern Muttersprache ist. Gern werden dann Privatschulen ausgesucht. Klar, jeder will für sein Kind das Beste. Aber auch das ist eine Form des unterbewussten Rassismus. Es findet eine Ausgrenzung statt.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Ein Junge und ein Mädchen sitzen an einem Tisch.
Aus toleranten Kindern werden tolerante Erwachsene. Bildrechte: MDR/Vanessa Gattermann

Natürlich kann man das schnell mit einer verfehlten Bildungspolitik und ungenügenden Integration entschuldigen. Aber wenn wir zurückgehen zum Ausgangspunkt, nach Amerika, dann gehörte zu den ersten Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts gegen die Rassentrennung das gemeinsame Lernen von weißen und schwarzen Kindern.

Wer permanent fordert, Menschen aus anderen Kulturkreisen in unserem Land zu integrieren, sollte auch selbst mit eigenem Beispiel vorangehen. Gerade die Gemeinsamkeit von Kindern unterschiedlicher Herkunft kann Vorbehalten im Erwachsenenalter vorbeugen. Ansonsten wird die Entstehung von Parallelgesellschaften befördert.

Wir müssen Beim Thema Rassismus nicht nur auf Amerika zeigen oder auf die deutsche Polizei. Die Hand am Finger zeigt auf uns zurück, auf unseren eigenen, sicher oft unterbewussten Alltagsrassismus. Wir sind eben auch keine Heiligen. 

Mehrere hundert Menschen demonstrieren mit Plakaten auf dem Königsplatz in der bayerischen Landeshauptstadt während einer "Silent Demo" gegen Rassismus.
Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd diskutieren Menschen weltweit über Rassismus. In Deutschland schlagen die Grünen vor, den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 09. Juni 2020 | 19:30 Uhr

181 Kommentare

Bautzener vor 7 Wochen

Schön, dass Tim Herden den Begriff Rassismus etwas weiter fasst. Aber es geht nicht weit genug. Es fällt auf, dass die benachteiligte Gruppe von Migranten etc. immer absolut in den Focus gehoben wird. Wenn da etwas passiert, geht gleich ganz Deutschland und die ganze Welt auf die Straße. Es gibt eine riesen Lobby. Wenn es um Rassismus gegen andere Gruppen wie Ostdeutsche, Wendeverlierer, Arbeitslose, Obdachlose oder Hartzer geht, passiert eigentlich gar nichts, da gibt es keine Lobby. Schon 30 Jahre lang nicht. Das ist die wirkliche Diskriminierung in diesem Land.

DER Beobachter vor 7 Wochen

Dann möchte ich erst recht lieber nicht wissen, Sachse, was Sie sonst so verfassen... Nix für ungut. Nichtfreischaltung geschieht Menschen wie Leuten ;)

DER Beobachter vor 7 Wochen

Gefälscht ist vllt. etwas übertrieben, aber zumindest schöngefärbt. Die Staatsanwaltschaft stellt übrigens schon aufgrund des schöngefärbten ganz eindeutig fest, dass Floyds Tod ausschließlich dem gezielten Verhalten der Beamten zu verdanken ist, und genau deswegen wird gegen diese wegen Mordes ermittelt.