Tim Herden
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Unter der Lupe | Kolumne Der Ostdeutsche, ein unbekanntes Wesen?

Drei Wochen vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen wächst die Nervosität über den Wahlausgang. Dabei treibt viele in Politik und Medien die Frage um, warum die Stimmung in Ostdeutschland so schlecht ist und die AfD so stark in den Umfragen. Die Partei wirbt mit Slogans aus der Wendezeit und trifft damit den Nerv der Menschen in den neuen Ländern. So schwer zu erklären, ist das eigentlich nicht.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Tim Herden
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Nach fünf Jahren in Großbritannien kehrte eine Kollegin von mir nach Deutschland zurück. Um sich wieder an das Land zu gewöhnen, machte sie eine Reise quer durch Deutschland, Ost wie West. Irgendwann stand sie vor meiner Bürotür, sie erkenne dieses Land nicht wieder. Besonders Görlitz hatte es ihr dabei angetan. Alles hübsch saniert, neuer Glanz für die alten Bauten und trotzdem würden viele Menschen dort AfD wählen. Für sie ein absolutes Rätsel.

Wenig später ärgerte sich ein Kommentator ostdeutscher Herkunft in den „Tagesthemen“ darüber, dass viele Führungspositionen in Ostdeutschland von Westdeutschen besetzt sind und erntete dafür heftigen Protest aus den „alten Ländern“ in den sozialen Medien: „Der Osten fühlt sich fremd im eigenen Land, weil man in Teilen nicht in der Gegenwart ankommen will.“ „Aufbaugelder gibts nur für Ost. Hier zerfällt alles und drüben alles Saniert. Da möchte man so einen OssiTroll mal schütteln bis dem seine Sommersprossen kotzen.“ Noch immer ist Ostdeutschen nicht klar, dass …wir Bonn aufgaben, wir immer noch zahlen, wir euch trotzdem wollen.“

Der undankbare Ossi

Aufschwung Ost
Bundeskanzler Helmut Kohl kurz nach der Wende bei einem Bad in der Menge im thüringischen Heiligenstadt. Bildrechte: dpa

Der Ostdeutsche das unbekannte und undankbare Wesen. Kurz vor den Landtagswahlen wird in vielen Artikeln versucht, dem „Ossi“ als Untersuchungsobjekt auf den Grund zu gehen. Doch er zeigt sich widerspenstig. Rätselte man bis vor wenigen Jahren, warum er trotz neuer Autobahnen und hübscher Innenstädte die Linke oder davor die PDS wählte, fragt man sich nun, warum bis zu einem Viertel seiner Art der AfD ihre Stimme geben wollen?  

Das Trauma der Wendejahre

Leider bleiben viele dieser Expertisen an der Fassade der schön sanierten Häuser hängen und blicken nicht dahinter. So schwer ist es doch gar nicht. Die Formel ist recht einfach: Während sich für die Brüder und Schwestern im Westen 1990 nichts änderte, nur dass das Land Bundesrepublik größer wurde, änderte sich für die Ostdeutschen alles.

Ein Forsythienstrauch blüht vor einem eingeschlagenen Fenster einer verfallenen Werkhalle des ehemaligen Schwermaschinenbaukombinates Ernst Thälmann»(SKET) in Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Statt blühender Landschaften blüht 2004 ein Forsythienstrauch vor einer verfallenen Werkhalle des ehemaligen Schwermaschinenbaukombinates "Ernst Thälmann" in Magdeburg. Bildrechte: dpa

Von heute auf morgen sollten sie sich in einem neuen System zurecht finden. Dann verloren sie ihre Arbeit und mussten neue Berufe lernen. Sie wurden zu Pendlern, weil der alte Betrieb um die Ecke von der Treuhand geschlossen wurde. Wer auf dem Lande wohnte, erlebte, wie der Bus immer seltener fuhr, bis er überhaupt nicht mehr kam. Die Schule verschwand, der Konsum schloss. Sie mussten zusehen, wie erst ihre Nachbarn, dann die eigenen Kinder in den Westen zogen, weil es dort einfach mehr zu verdienen gab und gibt.

Die Ostdeutschen nahmen das alles auf sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben, die beredten blühenden Landschaften. Aber selbst nach dreißig Jahren ist ihre Arbeit nur 80 Prozent der Löhne im Westen wert, obwohl sie meist sogar länger arbeiten. Es soll sogar immer noch Investoren geben, die das Lohnniveau in Gera nicht mit Kassel vergleichen, sondern mit den Billiglöhnen in Pakistan. Noch Fragen?

Wenig Verständnis in Westdeutschland

Manchmal hat es auch was mit Sensibilität zu tun. Beispiel EU-Osterweiterung. Was die westdeutsche Elite als Erfüllung des europäischen Traums erlebte, wurde für viele Ostdeutsche im Grenzbereich zu Osteuropa zum Trauma. Dass die Fallhöhe zwischen Osteuropa und Deutschland mit offenen Grenzen ganz erhebliche Probleme durch Grenzkriminalität geben würde, hätte die Politik voraussehen können.

Doch bis heute ist vielen westdeutschen Politikern nicht klar, dass man die Grenze zu Frankreich, nicht mit der Grenze nach Polen vergleichen kann. Sie wundern sich immer noch, warum gerade dort die AfD in Brandenburg und Sachsen ihre Hochburgen hat.

Wenn Verdrängen nicht mehr hilft

Aber warum wollen dann auch so viele Thüringer AfD wählen? Weil Verdrängen nur eine Weile hilft. Nach 30 Jahren und ein wenig Wohlstand werden den Ostdeutschen die Verluste und Verwundungen aus den Wendejahren erneut bewusst. Dazu brauchte es allerdings auch einen äußeren Anlass. Das war 2015 die Flüchtlingskrise.

 Der teilweise verwitterte Schriftzug Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost
Wenn selbst der Aufschwung Ost verfällt ... Bildrechte: dpa

Während die Ostdeutschen immer das Gefühl hatten und es ihnen auch vermittelt wurde, die armen Verwandten zu sein, die den Westdeutschen auf der Tasche liegen, wurden die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Was aus Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit nötig war und möglich wurde, war vorher den Ostdeutschen, besonders in den ländlichen Regionen aus Sparsamkeit verwehrt worden. Der Bus fuhr wieder, die Schule blieb. Und die Herzlichkeit, die den Flüchtlingen zuteil wurde, hatten sie lange vermisst.

AfD ersetzt Linke als ostdeutsche Kümmerpartei

Früher gab es noch die Kümmererpartei PDS, später die Linke, die sich um die Ostdeutschen sorgte und dieses Gefühl der mangelnden Wertschätzung auffing. Wenn ich in den 90er Jahren in Dresden zu den Themen Rente, Miete, Abtreibung für Beiträge recherchierte, landete ich immer bei Christine Ostrowski, einer PDS-Politikerin. Heute ist der Anschluss wahrscheinlich tot. Teile der Linken fremdeln vielmehr mit ihren einstigen Wählern.        

Dafür springt die AfD ein. Mit Ostalgie. „Die Wende vollenden“, „Der Osten steht auf“, lauten die Slogans auf den AfD-Plakaten. Sie erinnern an die Zeit vor dreißig Jahren. Damals war vieles möglich ohne ewige Debatten und die langen Wege, die man in der Demokratie gehen muss. Mit friedlichen Demonstrationen wurde 1989 ein Land, ein System innerhalb weniger Wochen gekippt.

Eingaben als wirksames Mittel

Schon zuvor hatten die DDR-Bürger gelernt, dass man mit einer sogenannten Eingabe mehr erreichen konnte, als sich in der Schlange hinten anzustellen. Nun ist der Wahlzettel die Eingabe und der Gang zur Wahlurne für viele Ostdeutsche eine friedliche Demonstration wie vor 30 Jahren. Sie hoffen, dass sich nach dem Wahltag alles ändert. Jedenfalls kann man es so in den sozialen Netzwerken nachlesen. Ich schwanke dann immer, ob es Naivität oder wirklicher Glaube ist. Aber so einfach lässt sich das Rätsel um die Stimmung in Ostdeutschland nicht lösen.

Danach kommt immer gleich die Frage, wie man diese Stimmung ändern kann. Wählerbeschimpfung wird jedenfalls nicht helfen. Ebenso keine Sonntagsreden, die zum 30. Jahrestag allerorten zu erwarten sind und den Mut der Ostdeutschen von 1989 loben. Was helfen würde, dass gleichwertige Lebensverhältnisse nicht nur ein Versprechen sind, drei Jahrzehnte nach der Wende und der Deutschen Einheit.

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Zuletzt aktualisiert: 10. August 2019, 05:00 Uhr

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161 Kommentare

12.08.2019 02:46 Klaus 161

@ { 11.08.2019 20:37 Bernd L. }
Natürlich wurden auch Fehler gemacht, das kann man bei einem so großen Projekt auch nicht gänzlich verhindern.
Aber für die Arbeitnehmer gab es doch Übergangslösungen (Arbeitslosengeld, Hilfe zur Selbstständigkeit, Hilfe bei Neuantritt einer Arbeitsstelle , Übergangsgeld, Hilfe bei Umzug zum Arbeitsplatz hin usw.). Hinzu kam noch die Möglichkeit im Westen komplett neu anzufangen. Viele haben das auch erfolgreich gemacht. Viele sind auch im Osten geblieben und haben ihr Leben auch dort erfolgreich gestaltet.

Die Wahlen im Sept./Okt. werden es zeigen und dann muss man im Osten sehen, ob man etwas grundsätzlich ändern möchte.
Ich bin nur froh, dass bei uns die politischen Ränder auf jeden Fall in der Minderheit bleiben werden und der wirtschaftliche Erfolg zusammen mit unseren ausländischen und ehemals ostdeutschen Mitbürgern weiterhin gesichert ist.

12.08.2019 02:16 Klaus 160

@ { 11.08.2019 20:09 Dorfbewohner }
Sie haben recht, ich hatte das mit der Zahl der SED-Mitglieder verwechselt. Nach Wiki hatte die SED sogar 2,3 Mill. Mitglieder (Stand 1989).
Aber dass auch innerhalb der Familie ausspioniert wurde, ist nach wie vor richtig und auch belegt.
Und 189.000 IMs ist auch eine ordentliche Zahl. Von daher bin ich froh, dass ich in der BRD aufgewachsen bin und das es die DDR nicht mehr gibt.

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12.08.2019 02:06 Klaus 159

@ { 11.08.2019 18:38 susanne }
Ich glaube nicht nur daran, ich erlebe das auch täglich seit über 50 Jahren. Und es gibt kein Land, wo ich lieber leben möchte. Von daher verstehe ich auch, dass viele DDR-Bürger sich über den Mauerfall gefreut haben.
Wer konnte sich denn zu DDR-Zeiten ein Westauto leisten?
Heute ist das normaler Alltag.
Und ab 1990 konnte jeder ex-DDR-Bürger in den Westen gehen und alles machen was ich bisher auch gemacht habe und unabhängig von der Politik/Regierung seinen Wohlstand erarbeiten.
Übrigens, meine Schwiegertochter ist aus dem Osten und ist mit unserem Staat äußerst zufrieden.
Meine Frau ist aus Asien und ebenfalls sehr zufrieden mit unserer Art von "RECHT und FREIHEIT".
Wenn Sie das anders sehen, dann fehlt hierzu einfach die Begründung, die sich an der Realität orientiert.

11.08.2019 20:50 Anita T. 158

@Bernd L. Islam ist eine Religion und ist durch Grundgesetz geschützt. Niemand darf wegen seiner
Religion diskriminiert werden. Verfassungsfeindlichkeit kann nicht dadurch relativiert werden, dass man Gesetze mit anderen Ländern vergleicht. Parteien, die verfassungsfeindliche Ideologien vertreten, gehören verboten. Fanatiker, die unter dem Deckmantel Islam
Terror verbreiten, sind Kriminelle.

11.08.2019 20:37 Bernd L. 157

Klaus 155:
Da ist viel Richtiges was Sie schreiben (muss ich zum ersten Mal zugeben). Den Erhalt vieler Betrieben hätte man aber durch Übergangsmassnahmen erreichen können (Stützung von Produkten, Schuldenerlasse, Hermes-Bürgschaften, Nichtrückgabe an Alteigentümer etc). Selbst Betriebe, die international völlig konkurrenzfähig waren (z.B. Suhler Jagdwaffen; Musikverlage ), wurden plattgewalzt. Sogar für den Trabbi gab es ein finnisches Angebot. Grundstücke und Betriebe wurden durch die (für mich kriminell agierende) Treuhand für symbolische Beträge verhökert. Es fehlte der politische Wille zum Erhalt- die DDR war nur als Absatzmarkt gefragt.

11.08.2019 20:09 Dorfbewohner 156

"Klaus 148

@ { 10.08.2019 23:40 Dorfbewohner }
...Und die STASI hatte ca. 2 Mill. IMs gehabt…"

Ich breche unsere Diskussion hier ab. Wie korrekt Aussagen und Verallgemeinerungen von Ihnen wie z.B. gemäß vorstehendes Zitat sind, erkennt man hier. Ich zitiere dazu einen Auszug aus:

"Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR….

Die Anzahl der vom MfS geführten inoffiziellen Mitarbeiter umfasste im Jahre 1989 ungefähr 189.000 IM, darunter 173.000 IM der Abwehrdiensteinheiten, ferner 13.400 IM in der DDR und 1.550 IM in der Bundesrepublik, die von der Hauptverwaltung A (HV A) geführt wurden, sowie diverse andere wie Zelleninformatoren usw. Auf 89 DDR-Bürger kam somit ein IM. In der Zeit von 1950 bis 1989 gab es insgesamt ca. 620.000 IM…".

Eine ehrliche Diskussionskultur sieht anders aus, werter Klaus.

11.08.2019 19:19 Klaus 155

@ { 11.08.2019 17:53 Bernd L. }
Anita hat recht und Bernd L. liegt vollkommen daneben.
Die Ostprodukte waren für die DDR und den Ostblock gedacht. Da man aber unbedingt die D-Mark haben wollte, war dieser Markt nicht mehr verfügbar. Und die Ost-Bürger wollten unbedingt Westprodukte haben. Von daher waren die Ostprodukte bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr konkurrenzfähig.
Mit der Einführung der D-Mark wollte man die Abstimmung mit Füßen verhindern. Kommt die D-Mark nicht nach Ost-D., dann kommen die Ostdeutschen nach West-D.
Außerdem wollten auch die meisten Ostdeutschen unbedingt die D-Mark.
Von daher konnte es keine große Übergangsfrist geben.
Aber jeder konnte sofort in den Westen reisen. Jeder hatte also die Freiheit sein Glück selbst zu schmieden.

11.08.2019 18:38 susanne an Klaus (149) 154

Und Sie glauben echt daran, das WIR heute in "RECHT und FREIHEIT" leben?

11.08.2019 18:21 Wo geht es hin? 153

@Klaus: Es grenzt schon an Sarkasmus, wenn ausgerechnet Sie das Beispiel Vera Lengsfeld als Kronzeugin für Ihre These anführen. Der Opportunismus lebe hoch, hoch, hoch!

11.08.2019 18:10 Generation 65+ 152

gaynau 11.08.2019 17:23 Klaus 148, Wismut Kumpel waren die priviligierten und am besten versorgten und medizinisch betreuten. Als Berufskraftfahrer wurden mir dort mal durch Staplerfahrer Rücklichter zerdrückt. Ich fuhr damals die Taigatrommel, einen russischen Schwerlasttransporter, und dafür gab es DDR-weit keine Ersatzteile. Die Wismut hatte welche ^^ da war die Stasi überall bzw. alle waren bei der Firma - was heute keiner mehr sagt, wahrhaben will oder sogar bestreitet.