Interview | Lohngefälle Darum sind die Gehälter in Ost und West immer noch so unterschiedlich

Während ein Vollzeitbeschäftigter in Ingolstadt im Durchschnitt 4.635 Euro verdient, werden im Landkreis Görlitz durchnittlich weniger als die Hälfte bezahlt: Zwei Städte, zwei Zahlen, die die Gehaltsschere zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt. Warum das so ist, erklärt MDR-Wirtschaftsexperte Wolfgang Brinkschulte.

Was sind die Gründe dafür, dass die Einkommen, die Verdienste, auch nach bald dreißig Jahren Wiedervereinigung noch immer so unterschiedlich hoch sind?

Wolfgang Brinkschulte: Zunächst muss man sagen, dass die Daten keine, oder leider keine neue Entwicklung aufzeigen. Wir sprechen also von einem bekannten Phänomen. Das ist eine Entwicklung, die sich seit den neunziger Jahren aufgebaut hat. Sie hat vorrangig etwas mit der Wirtschaftsentwicklung, vor allem mit der Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland zu tun. Die ist sehr viel kleinteiliger, kleiner als in Westdeutschland. Und wo die Unternehmen sehr viel kleiner sind, werden in der Regel auch niedrigere Löhne gezahlt. Eine Zahl, die das verdeutlicht, ist, dass die KMUs, die kleinen und mittleren Unternehmen hier, überwiegend kaum mehr als zehn Mitarbeiter haben. Das ist im Westen anders. Außerdem liegt die Wirtschaftskraft bei uns nur bei rund 70 Prozent derer vom Westen. Das spiegelt sich so auch bei den Löhnen wider. Und ganz generell kommt es natürlich auch darauf an, wo man wohnt und arbeitet. In den Städten, z.B. in Dresden oder Jena, liegen die Verdienste über dem ostdeutschen Mittelwert. Das liegt dann natürlich auch wieder an den Unternehmen, die gut aufgestellt sind, und deshalb bessere Löhne zahlen können.

Ein Ausreißer ist ja der Vergleich zwischen Görlitz und Ingolstadt. Wie ist das einzuschätzen?

Brinkschulte: Auch wenn man die beiden Städte natürlich nicht vergleichen kann, zeigt sich dennoch genau das Problem. Ingolstadt hat das, was der Osten gebrauchen könnte: Konzerne und einen großen und starken Mittelstand. In Ingolstadt gibt es den Automobilproduzenten Audi, der zahlt vergleichsweise hohe Löhne, und es existiert eine gewachsene starke Zulieferindustrie. Rund einhundert Zulieferbetriebe haben sich in und um Ingolstadt angesiedelt. Nicht zu vergleichen mit Görlitz, einer Stadt, die sehr kreativ ist, einen hervorragenden internationalen Ruf als Filmstadt hat, die das international aufgestellte Schienen- und Bahnunternehmen Bombardier hat, aber sowohl Görlitz als auch Ostdeutschland insgesamt fehlen große Unternehmen, am besten Konzerne. Doch das zu beklagen, was man früher gemacht hat, hilft nicht, denn die mitteldeutschen Länder haben viele Stärken.

Da schließt sich die Frage an, wie lange wird der Trend noch anhalten, auf welche Entwicklung muss man sich einstellen?

Brinkschulte: Da gibt es ganz unterschiedliche Einschätzungen. Ministerpräsident Haseloff hat kürzlich auf einer Veranstaltung gesagt, er rechne damit, dass die Unterschiede zwischen Ost und West auch in hundert Jahren noch da seien. Wirtschaftswissenschaftler wagen keine so lange Prognose, gehen allerdings davon aus, dass die Lücke noch viele Jahre bleibt. Aber entscheidend ist doch, dass der Wirtschaftsstandort Mitteldeutschland insgesamt gut aufgestellt ist. Es gibt Wachstum, übrigens auch bei den Löhnen. Wir haben eine hervorragende Forschungslandschaft mit vielen auch international renommierten Instituten. Gut ausgebildete Fachkräfte, und die Tatsache, dass Bosch in Sachsen eine neue Chipfabrik baut, CATL in Thüringen Batterien produzieren wird, und die Logistikbranche in Sachsen-Anhalt gut aufgestellt ist, zeigt das Potential. Im Übrigen gibt es auch immer mehr junge Softwareexperten, die lieber bei uns für etwas weniger Geld arbeiten als in Süddeutschland. Das zeigt, dass Geld auch nicht alles ist.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. August 2018 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018, 17:49 Uhr

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