Ein Livestream wird mit einem Smartphone übertragen
Facebook Live bot dem mutmaßlichen Täter von Christchurch eine Bühne. Das Video wurde daraufhin millionenfach geteilt. Doch das Teilen von Gewaltvideos ist strafbar. Bildrechte: dpa

Nach Terroranschlag Verbreitung von Gewaltvideos in Deutschland strafrechtlich relevant

Der Angriff auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch wurde vom mutmaßlichen Täter live auf Facebook übertragen. Nun wurde ein 18-Jähriger vor einem neuseeländischen Gericht angeklagt, weil er das Video geteilt hatte. Jetzt drohen ihm bis zu 14 Jahren Haft. Ist es auch in Deutschland strafbar, solche Videos zu teilen?

von Torben Lehning, MDR AKTUELL

Ein Livestream wird mit einem Smartphone übertragen
Facebook Live bot dem mutmaßlichen Täter von Christchurch eine Bühne. Das Video wurde daraufhin millionenfach geteilt. Doch das Teilen von Gewaltvideos ist strafbar. Bildrechte: dpa

Am Wochenende bei einem Konzert in Leipzig. Neben mir stehen zwei junge Männer, die sich über ein Handy beugen und sich das Helmkameravideo aus Christchurch ansehen. Das Video zeigt den Angriff auf zwei Moscheen aus der Perspektive des mutmaßlichen Angreifers.

Löschversuche schlugen fehl

Aus der Ego-Perspektive ist zu sehen, wie der Angreifer auf Moscheebesucher schießt. Auch wenn soziale Netzwerke wie Youtube und Facebook versuchen das Video zu löschen, wird es immer wieder von Privatpersonen hochgeladen.

Die Polizei sowie die neuseeländische Premierministerin Ardern riefen die Bevölkerung dazu auf, das Video nicht zu teilen. Experten warnen, die Verbreitung des Videos erhöhe die Gefahr, dass andere Menschen die Tat nachahmen.

Millionenfach erneut hochgeladen

Und trotzdem, das Video geht um die Welt, kann per Suchmaschine gefunden werden und wird nach wie vor geteilt. Wie Facebook mitteilte, löschten die Betreiber das Video innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Angriff 1,5 Millionen Mal. Mehrere Millionen Male hätte man bereits ein erneutes Hochladen des Videos verhindert, berichtet der Konzern.

Teilen auch in Deutschland strafbar

Das Weiterleiten des Videomaterials ist nicht nur in Neuseeland strafbar, sondern auch in Deutschland, erklärt der hallesche Rechtsanwalt für Medienrecht, Michael Geiger. Das Ansehen an sich sei nicht strafbar, das Teilen schon, "weil ich damit das Persönlichkeitsrecht Dritter verletze und das steht auch in Deutschland unter Strafe."

Nach deutschem Recht ist das Filmen oder Weiterleiten von Bildmaterial, in dem die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau gestellt wird, strafbar. Es drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe.

Im Fall Neuseeland: härtere Strafen möglich

Wer das Christchurch-Video in Deutschland weiterleitet, könnte jedoch auch noch härter bestraft werden, meint Rechtsanwalt Geiger. "Hier im konkreten Fall Neuseeland kommen auch noch andere strafrechtliche Aspekte in Belang. Es könnte der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt sein oder Gewaltverherrlichung."

Private Verbreitung auch strafbar

Außerdem sei es wichtig, dass es hierbei nicht nur um das Teilen des Videos in sozialen Netzwerken ginge. Wer das Video, in egal welcher Form, per USB-Stick oder in einem Chat an Freunde, Familie oder andere weitergebe, könne dafür angeklagt werden, sagt Geiger.

Medien dürfen Ausschnitte zeigen

Und was ist mit etablierten Medienhäusern? Fernsehsender und Internetseiten von Zeitungen veröffentlichen nach wie vor Ausschnitte des Christchurch-Videos. Solange sie darauf keine Bilder von Opfern des Angriffs zeigten, würden sie sich nicht strafbar machen, erklärt der Rechtsanwalt.

Für Facebook könnte das Video des Angriffs noch Folgen haben. Die neuseeländische Premierministerin Ardern kündigte an, persönlich mit den Betreibern über die Möglichkeiten von Livestreaming diskutieren zu wollen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. März 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 05:00 Uhr

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18 Kommentare

19.03.2019 15:13 Fragender Rentner 18

Wir sind die Guten und alle Anderen die nicht mit uns sind oder wollen sind die Bösen.

19.03.2019 15:04 Auefan 17

@15 ... "Verglichen mit den ersten 30min von "Der Soldat James Ryan" wirkt dieser Clip eher wie ein 60er Jahre Western...".

Jeden seine Meinung aber findest du dein Statement gegenüber den Opfern für angemessen?

19.03.2019 13:50 Klarheit 16

an alle aufgeregten, echauffierten es geht hier um Zensur, das irgendwer entscheidet was ich sehen darf und was nicht - wo wird die Grenze gezogen ? nach politischer Richtung , nützt es mir , schadet es mir ?
Mal ein Beispiel . der Anschlag mit tausenden Toten von 9.11 . es wurde/wird gezeigt wie die Flugzeuge in die Tower fliegen, es wird gezeigt wie verzweifelte Menschen aus den Häusern in den Tot springen , Opfer verdreckt und verletzt durch die Strassen irren .. hätten wir dann ja eigentlich so nie sehen dürfen ??!!
Ja die Herren "mattotaupa", "forsa", "JanoschausLE"... hätten es gern lieber "sauber" wie seit dem Kuweit/Irakkrieg , in Afghanistan , Syrien wo es so feine Videosequenzen gibt von Gebäuden , Fahrzeugen , Menschengruppen mit gefilmt aus Drohnen von oben - da gibt es dann einen kleinen Blitz, eine Staubwolke ....und alles gut - Bilder von toten Kindern, Frauen etc. gibt es nicht .. aber den Friedensnobelpreis dafür.

19.03.2019 13:36 C.T. 15

"Wer es nötig hat, sich solche Gewaltvideos anzuschauen, der sollte mal schnell überprüfen lassen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat!"

@ Meister Eder

Ich habe das Video gesehen und kann auf Anhieb unzählige Videospiele und Hollywood-Filme aufzählen, die nicht indiziert sind und Gewalt noch weitaus drastischer darstellen.
Verglichen mit den ersten 30min von "Der Soldat James Ryan" wirkt dieser Clip eher wie ein 60er Jahre Western...

19.03.2019 12:50 Halligalli 14

Wer sich Gewaltvideos ansehen will, wird es tun, ob nun mit o. ohne Verbot!Die Möglichkeiten sind vielfältig.

19.03.2019 12:03 forsa 13

@ Max W. Also sind Sie tatsächlich allen Ernstes dafür, dass man auch Kinderpornos überall und öffentlich sehen kann? Da das Nichtveröffentlichen solcher "Videos" ja auch Zensur ist.
Manchmal frag ich mich echt, was bei manchen Menschen verkehrt läuft. Diese sind in meinen Augen total krank. Da wollen sich manche Kommentatoren am Leid anderer aufgeilen.
Warum aber verurteilen genau diese dann aber
Gafffer auf Autobahnen. Nach deren Aussage, sollte das doch auch deren Recht sein.

19.03.2019 11:36 JanoschausLE 12

An alle, die sich hier gegängelt fühlen? Pietätlosigkeit? Oder sensationsgeil? Oder als politische Einstellung, wie auch von Funktionären einer demokratisch gewählten Gruppierung relativierend darstellen? Es reicht die Meldung, schön grausam genug. Wer würde von Ihnen wollen, das Leid oder gar den Tod naher Angehöriger oder Freunde zu filmen und millionenfach zu teilen? Ich höre schon in Gedanken den Schrott "ja aber, das ist was anderes..."

19.03.2019 11:36 Meister Eder 11

Wer es nötig hat, sich solche Gewaltvideos anzuschauen, der sollte mal schnell überprüfen lassen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat!

19.03.2019 10:49 Max W. 10

@19.03.2019 10:01 mattotaupa (wenn ihnen schon anstand und moral egal sind, so stehen ihrem voyeuristischen ansinnen zum glück gesetze und die zivilisierte erziehung von verantwortungsbewußten zeitgenossen entgegen. das leben ist grausam?)

Woher wollen sie wissen, aus welchen Motiven sich buchstäblich Abermillionen Menschen für dieses Video interessieren?!

Wir wollen mal ganz davon absehen, dass dieses Video für viele Menschen schon deshalb interessant sein wird, weil es ausdrücklich keine mediale Inszenierung der Realität enthält - wie sie uns jeden Tag 24/7 durch die bildgebenden Medien in die Köpfe gestanzt wird. Das, die ungeschnittene Version ohne Framing, ist das, was Politiker fürchten - denn das konterkariert die Sonntagsreden im Auftrag und die euphemistischen Behauptungen dessen, was angeblich der Normfall sei.

Ich will die Informationen von den "Medien" und zwar ALLE - gemütlich bin ich alleine (frei nach Karl Kraus)

19.03.2019 10:37 Max W. 9

@19.03.2019 07:14 Klarheit (ich finde es schon eine Frechheit , eine Gängelung , unangebrachte Bevormundung mir vorzuschreiben was ich mir ansehen kann , was ich mit anderen teilen möchte)

Das ist übrigens ihr eigentlich verbrieftes Recht - seltsam, was hier gerade abläuft, nicht wahr. Das erinnert nicht nur mich an die DDR.

Und noch seltsamer: Bilder toter "Flüchtlinge", Darstellungen von Not und Elend OHNE explizite Angabe der dafür Verantwortlichen dürfen und vor allem: SOLLEN wir uns ansehen - die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wir marschieren mit Riesenschritten auf ein 1984 zu, in dem uns "unsere Politiker", also heilige reinsten Wassers patriarchalisch vorschreiben, was "gut" für uns ist.
"Gut für uns" ist etwa die Hinnahme islamischer Gewalt, weil das "nichts mit dem Islam" zu tun hat - schlecht ist Wahrnehmung der offensichtlichen Reaktionen darauf. Für wie steindumm hält das Verwertungsinteresse den Bürger?