Schüler während einer Unterrichtsstunde.
Kinderärzte sind über die Entwicklung von Vorschulkindern besorgt. Bildrechte: imago/photothek

Kinderärzte besorgt Vorschulkinder leiden unter Sprachproblemen

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr" – das alte Sprichwort hat zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. Denn Pädagogen und Mediziner beobachten inzwischen viel genauer, wie sich Kinder in den ersten Lebensjahren entwickeln. Ihre Befunde lassen aufhorchen: Viele Jungen und Mädchen können nicht gut sprechen, ihre motorischen Fähigkeiten sind teilweise schlecht ausgebildet.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Schüler während einer Unterrichtsstunde.
Kinderärzte sind über die Entwicklung von Vorschulkindern besorgt. Bildrechte: imago/photothek

Kurz vor acht warten am Empfangstresen des Leipziger Kindernotfallzentrums schon die ersten Eltern, ihre Töchter und Söhne an der Hand. Melanie Ahaus arbeitet hier als Kinderärztin. Seit vielen Jahren kümmert sie sich um die jüngsten Patienten. Und sie macht sich zunehmend Sorgen, wenn sie etwa beobachtet, dass manche Kinder kaum allein auf die Untersuchungsliege klettern können.

Mangelhafte Motorik und Sprachprobleme

Eine mutter sitzt auf ein Smartphone schauend in der Küche. Daneben ihr Kind.
Eltern, die mit dem Smartphone beschäftigt sind - das bedeutet weniger Interaktion und weniger Sprachförderung. Bildrechte: imago images / Westend61

"Wir sehen das schon seit Jahren, dass die Kinder zunehmend unter Bewegungsmangel leiden und dadurch die motorischen Fähigkeiten eingeschränkt werden", sagt Ahaus. Und auch bei der Sprache könne man Veränderungen sehen. Vor vielen Jahren hätten die Eltern noch mit den Kindern im Wartezimmer gesessen und sich Bücher angeguckt. Heute säßen alle vor ihrem eigenen Tablet und da passiere nichts mehr an Sprache und Interaktion. "Und das ist ein riesiges Problem, was da auf uns zukommt“, mahnt die Kinderärztin.

Das lässt sich auch in Zahlen fassen: Vor dem Schulanfang werden alle Kinder ärztlich untersucht und unter anderem auf ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten getestet. In Sachsen haben dabei 2018 nur etwa 17 Prozent der Vorschulkinder alle Tests bestanden. Dieser Anteil war in den vergangenen Jahren leicht rückläufig. Das geht aus Daten des Sozialministeriums hervor.

Demnach war bei rund 20 Prozent die Motorik und Körperkoordination gestört. Noch größere Schwierigkeiten hatten die Kinder beim Sprechen. Der Statistik zufolge wiesen gut 40 Prozent der Jungen und knapp 32 Prozent der Mädchen Sprachprobleme auf. Weiter heißt es:

Vor 2009 lag der Anteil bei den untersuchten Schulanfängern mit Sprachstörungen sachsenweit zwischen 20 und 24 Prozent. Absolut betroffen waren damals jährlich ca. 7.000 Kinder, 2018 waren es über 13.000.

Schreiben des Sozialministeriums
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Nadine Hübener, Referentin für Bildung bei der GEW Thüringen zu den bildungspolitischen Aufgaben der Kita und warum trotz beitragsfreiem letzten Kita-Jahr auch in Thüringen noch nicht alles bestens ist.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.04.2019 18:05Uhr 07:46 min

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Spracherwerb durch emotionale Nähe

Düstere Aussichten also? Ja und nein, meint Kinderärztin Melanie Ahaus. Denn vielen Eltern sei das Problem durchaus bewusst. Ihnen fehle es aber an Zeit oder Ideen, wie sie ihrem Kind helfen könnten.

Es kommen auch sehr viele Eltern, die sehr bemüht sind, die sagen, sie haben extra Sprachprogramme für den Computer gekauft. Das ist natürlich totaler Humbug. Spracherwerb passiert durch emotionale Nähe, durch Vorlesen, der Blickkontakt – so lernt man Sprache.

Melanie Ahaus, Kinderärztin

Die sächsische Landesregierung versucht, den Sprachschwierigkeiten der Kinder entgegenzusteuern. Sie setzt dabei vor allem auf die Kitas und schickt zum Beispiel Fachberater für sprachliche Bildung in die Kindergärten. "Im Sächsischen Bildungsplan ist die Unterstützung und Förderung der Sprachentwicklung im Kindesalter ein wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit. Darüber hinaus wird die alltagsintegrierte Sprachförderung für alle Kinder durch verschiedene Bundesprogramme und Landesprojekte unterstützt", schreibt das Kultusministerium auf Anfrage von MDR AKTUELL.

Ob sich die Bemühungen auszahlen, werden die nächsten Jahre zeigen. Die Ergebnisse der aktuellen Schuleingangsuntersuchungen liegen erst im Herbst vor.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Mai 2019 | 06:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 05:00 Uhr

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20 Kommentare

08.05.2019 10:10 lummox 20

in deutschland scheint es immer mehr probleme als anderswo zu geben. tippe mal das ist immer noch eine nachwirkung der kleinstaaterei, im bildungssystem zeigt sich das in der föderalen zerstückelung und sprachlich ist noch gar abzusehen was uns der ganze gender-quatsch gerade bei den kindern bringen wird. man muß sich wirklich fragen warum die errungenschaften der grimms oder eines duden nichts mehr gelten. hauptsache alles neu machen ob es sinn macht oder nicht. usw. usf.

08.05.2019 10:05 Kritische 19

Leider ist das Problem in der Mittelschicht angekommen. In letzter Zeit ist es mir besonders krass aufgefallen, wie viele Eltern nur noch mit dem Smartphone "reden". Sei es beim Spazierengehen oder im Arztwartezimmer oder auf dem Spielplatz. Zu Hause wird es nicht anders sein. Das hat sich innerhalb weniger Jahre drastisch verschlimmert. Meine Tochter ist 10 und ich habe mit ihr von Anfang an geredet. Die Interaktion zwischen Kind und Eltern, das Zuwenden, zeigen, Lieder singen, auf Dinge aufmerksam machen und zusammen reimen, Quatsch machen.... all' das ist zur Sprachentwicklung nötig. Ich finde es sehr traurig, oft sieht man die Kinder irgendwie daneben stehen, aber wahrgenommen werden sie nicht.

07.05.2019 16:25 pkeszler 18

@Fragender Rentner 9: "Sagt man nicht die gehen alle in die Kindereinrichtungen und wie spricht man dort mit ihnen ?"
Im Kindergarten bzw. in der Schule wird Deutsch gesprochen. So ist es jedenfalls hier so. Am besten lernen die Kinder zwei Sprachen, wenn ein Elternteil deutsch und der Andere die Heimatsprache benutzt. Oft kann man dann die negative Einstellung zu Deutsch den Kindern nicht mehr anmerken. Bei uns kann man sich mit Deutsch sowohl mit den Kindern, als auch mit ihren Eltern gut verständigen.

07.05.2019 16:15 pkeszler 17

Vorschulkinder leiden unter Sprachproblemen:
Richtiges Sprechen lernen die Kinder in den ersten Lebensjahren. Wenn aber die Eltern nur Kauderwelsch reden oder mehr oder weniger Dialekt, dann lässt auch die Sprache der Kinder sehr zu Wünschen übrig. Eine gute Mutter bzw. gute Eltern sprechen ständig mit den Kindern und hängen nicht nur am Smartphone. Das kann dann der Kindergarten oder die Schule nur teilweise ausgleichen.

07.05.2019 16:00 Martha 16

@6 Wenn wir nur noch in Abkürzungen sprechen Kita, Kids,usw.,verlieren wir auch unsere Sprache ,hat man sowenig Zeit die Namen auszusprechen ? In den Zeitungen ist noch genügend Platz da , anstatt sinnloser Werbung auf jeder Seite. Zu unserer Kinderzeit wurde mit ihnen gemeinsam gespielt ,gesprochen und auf die Schule vorbereitet ,aber nicht wie heute wo im Kindergarten nicht jedes Kind mitmachen muß , wenn es keinen Bock dazu hat ! Die Kindergärtnerinnen können einen Leid tun. Draußen spielende Kinder hört man nur noch schreien und kreischen ,sicher um sich durch zu setzen.

07.05.2019 14:46 Querdenker 15

Das liegt wohl auch an der Migration und wirkt sich ggf. auf die anderen Kinder mit aus.

siehe „welt Warum Migrantenkinder kein Deutsch mehr lernen“ (2013)
Zitat: „… weil ihre Deutschkenntnisse für den Schulunterricht nicht ausreichen. Denn in vielen Familien wird kein Deutsch gesprochen. Obwohl sie in Deutschland geboren sind, ist die Sprache ihres Heimatlandes nur ihre Zweitsprache. ...“

siehe „waz Mutter klagt über Kita Mein Sohn fühlt sich als Ausländer“ (2018)

siehe „abendblatt Hamburg Migrantenkinder an Grundschulen erstmals in der Mehrheit“ (2019)
Zitat: „In 27 Prozent der Schülerfamilien ist Deutsch nicht die Hauptsprache.“

siehe „fokus Kita-Leiterin: Sollen alle Kinder gut lernen, darf nur die Hälfte Migranten sein“
Zitat: „Mehr als die Hälfte der 130 Krippen- und Kindergartenkinder in der Kita „Tabaluga“ haben eine andere Muttersprache, berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR).“

07.05.2019 14:00 Sonja 14

@ 1 3 , ja keine Probleme mehr in diesem sehr feinen Staat wir haben leider, leider keine DDR mehr , also 100 x diese wieder zurück, da ist ruhe angesagt , und Anstand , Ordnung, Sicherheit
gutes Bildungswesen und vieles mehr dazu noch.

07.05.2019 13:25 Ureinwohner 13

Vorschulkinder leiden unter Sprachproblemen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr" – das alte Sprichwort hat zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. Schulkinder haben Schreib-,Lese- und Rchnenprobleme. Abiturienten haben Prüfungsprobleme u.s.w. Noch irgendwas problemlos in diesem Land ?

07.05.2019 12:22 Gerd Müller 12

Wie viele von diesen Kindern haben ein Migrationshintergrund? Wie viele von diesen Kindern haben Eltern die Harz4 beziehen?
Sinnlose Studie, ohne auf die Ursachen hinzuweisen.
Es ist erwiesen, das genau diese Kinder mit Sprachprobleme zu kämpfen haben.
Es sollten auch nur deutschen Kinder geholfen werden, weil ja die Flüchtlinge unser Land wieder verlassen müssen. Es wird das Geld der Steuerzahler verbrannt, mit null Wirkung.
Wer keine Kinder richtig erziehen kann, sollte sich keine anschaffen, aber mit Harz4 gehört der Tag dir und mit Kindergeld, wird es einfacher für Alkohol und Zigaretten.

07.05.2019 11:23 MuellerF 11

@8: Frühkindliche Erziehung abseits des Elternhauses war schon immer eine Frauen-Domäne - allerdings ohne die im Artikel genannten Defizite zu produzieren. Was also das Geschlecht der Betreueenden mit den sprachlichen & motorischen Fähigkeiten zu tun haben soll, bleibt Ihr Geheimnis. Der Artikel benennt doch eindeutig die zu starke Nutzung digitaler Medien als Ursache der Probleme. Ist ja auch logisch: wenn man Medien nur konsumiert, statt zu kommunizieren & ständig vor Bildschirmen sitzt, statt sich körperlich zu betätigen, verkümmern entsprechende Fähigkeiten.