Tim Herden
Wagenknecht hat sich nach Meinung von Tim Herden mit ihrem Projekt "Aufstehen" auch übernommen. Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Kommentar Linke wird es ohne Wagenknecht bei Wahlen im Osten schwer haben

Sahra Wagenknecht wird im Herbst aus gesundheitlichen Gründen ihr Amt als Fraktionsvorsitzende der Linkspartei aufgeben. Diese Entscheidung ist mit Respekt zur Kenntnis zu nehmen. Wagenknecht ist nicht die erste Spitzenpolitikerin, die den Belastungen des Politikbetriebs irgendwann nicht mehr gewachsen war. Allerdings sind es vielleicht bei der Linken nicht nur die Belastungen und Verpflichtungen als Fraktionsvorsitzende gewesen, sondern auch die Anfeindungen und Auseinandersetzungen.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Tim Herden
Wagenknecht hat sich nach Meinung von Tim Herden mit ihrem Projekt "Aufstehen" auch übernommen. Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Noch heute erschüttert mich im Rückblick das Tribunal gegen Sahra Wagenknecht auf dem Leipziger Parteitag im vergangenen Jahr. Wagenknecht wurde von Funktionären der Partei für ihre Kritik an der Flüchtlingspolitik öffentlich an den Pranger gestellt. Neben der Pflicht des Journalisten zu berichten war auch das Gefühl des Fremdschämens, wie eine Partei mit ihrer Spitzengenossin umgeht und eine Parteispitze dies zulässt. Wir reden von der Linkspartei, deren Mitgleider sich für die "Guten" halten.

Zermürbung durch die eigenen Parteifreunde

So etwas zehrt natürlich an der Substanz. Dass Wagenknecht keine hartgesottene Funktionärin ist, weiß in Berlin jeder. Klar konnte sie auch austeilen in politischen Auseinandersetzungen, aber die persönliche Attacke vermied sie und war dadurch selbst verletzlich. Sicher war sie auch eine geübte Strippenzieherin. Dafür war sie lange genug in der Politik, um zu wissen, wie man auf der Klaviatur der politischen Auseinandersetzung außerhalb oder innerhalb der Partei spielen muss.

Sie setzte bewusst ihre Nadelstiche und hielt ihren Gegnern das Stöckchen hin, über das diese dankbar sprangen, gerade in der Flüchtlingspolitik. Allerdings ist es auch kein positives Zeichen für eine "emanzipatorische Partei", wenn man Sahra Wagenknechts Auftreten immer wieder mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine in Verbindung brachte. Selbst war und ist die Frau.

Linke und SPD haben Chance durch "Aufstehen" vertan

Aber sie wurde spätestens mit dem Projekt "Aufstehen" auch zu einer Art Jeanne d’Arc der deutschen Politik. Klar war die Bewegung "Aufstehen" ihr eigenes Projekt. Sie hat es ohne Rücksicht vorangetrieben. Sicher hat sie auch den Aufwand unterschätzt. Parteiarbeit oder Organisationsdebatten waren und sind nicht ihre Stärke. Aber gezählt hat der Gedanke, der gespaltenen deutschen Linken mit einer außerparlamentarischen Bewegung neuen Auftrieb zu geben und Gräben überwinden zu können. Doch sie wurde von den Funktionären der Linkspartei und auch von Teilen der Fraktion allein gelassen. Auch deshalb musste sie damit scheitern.

Weder Linkspartei als auch die SPD haben die Chance von „Aufstehen“ begriffen. Dafür sind die Reaktionen von SPD-Mann Ralf Stegner und dem Linken-Abgeordneten Michel Brandt zu Wagenknechts Rückzug beredtes Beispiel. Dabei sollte sie der Blick auf die andere Seite des politischen Spektrums eines Besseren belehren. Dort zeigt die AfD, wie man sich eine politische Bewegung wie Pegida zu Nutze machen kann. Die deutsche Linke hat diese Chance nun vertan. Der Triumph über Wagenknechts Scheiterns mit "Aufstehen" ist auch ihre eigene Niederlage. Aber Wagenknecht muss auch ehrlich zu sich selbst sein. Ohne sie wird "Aufstehen" keine Zukunft haben.  

Schwere Hypothek für Wahlen in Ostdeutschland

Sicher muss man sich um Wagenknechts Popularität keine Sorgen machen. Sie wird nicht zur politischen Hinterbänklerin verkümmern. Auch die Plätze in Talkshows sind ihr weiter sicher. Aber sie ist dann keine Entscheidungsträgerin mehr in ihrer Partei und Fraktion. Ihr Wort wird beim Wähler nicht mehr so viel Gewicht haben wie bisher. Das könnte gerade in den anstehenden Wahlen in Ostdeutschland für die Linkspartei eine schwere Hypothek sein. Vielleicht wird die Partei erst dann ermessen können, wie wichtig Wagenknecht für die Linke war.     

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. März 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 20:26 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

40 Kommentare

13.03.2019 18:36 PeterPlys 40

Der gesamte Kommentar von Tim Herden ist geprägt von Wunschdenken. Ich halte Sarah Wagenknecht für eine hochintelligente Frau, die auch weiterhin Mitglied der Linken und des Bundestages bleiben wird. Leider meinen viele der AfD-Anhänger, dass Frau Wagenknecht gegen Zuwanderung und gegen weitere Flüchtlinge in Deutschland ist. Das ist natürlich nicht der Fall. Ihre GEWOLLT missverständlichen Aussagen sind dafür verantwortlich, bei denen ich auch mehrmals den Kopf schütteln musste. Mit ihrer sozialen und internationalistischen Einstellung ist sie allerdings meilenweit von der AfD entfernt. Für viele wird jetzt die engagierteste Partei gegen Sozialabbau, Kriegsbeteiligung und Rassismus ohne sie als Fraktionsvorsitzende allerdings auch wählbarer...

13.03.2019 16:14 Ulf 39

Vielleicht ist dieser Schritt von Sarah Wagenknecht nicht nur für sie persönlich eine gute und notwendige Entscheidung, sondern auch für ihre Partei förderlich. Dort, wo jemand Platz macht, besteht die Möglichkeit, für Neues. Wenn ich mir die Parteienlandschaft so ansehe, treten immer wieder einzelne Personen in den Vordergrund und letztlich wird dann die ganze Partei an diesen einzelnen Personen festgemacht. Für die politische Kultur ist das nicht gut. Da werden immer wieder die gleichen Leute in die Talk-Shows eingeladen, weil sie "Quote" bringen und zahllose Menschen, die nun nicht in der vordersten Linie stehen, aber genau so gut Bescheid wissen, bleiben unbeachtet. Der Sinn von Politik in unserer Gesellschaft besteht im Einmischen in die aktuellen Themen und zwar durch jedermann. Jeder sollte sich an seinem Ort irgendwo einbringen und gerade die Kommunalpolitik bietet hier gute Möglichkeiten. Deshalb sehe ich "Aufstehen" auch nicht am Ende.

13.03.2019 11:10 Andrea Kohl 38

Nein, das werden die nicht kapieren, die sind so von sich selbst überzeugt, dass sie nur durch einen freien Fall auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden können. Dieses fortgesetzte Mobbing und nun die Krankheit von Sahra Wagenknecht hat viele Leute sehr wütend gemacht und die LINKE wird nun den Weg der FDP gehen müssen. Sich erneuern, außerhalb des BT und dann mit Leuten die auf dem Kurs einer Sahra Wagenknecht sind, wieder aufstehen.

12.03.2019 20:54 konstanze 37

@29: die SED wurde bzw. hat sich nie aufgelöst.

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) nicht freigegeben.
Ihre MDR.de-Redaktion]

12.03.2019 20:29 konstanze 36

Guter Kommentar, mit einer Einschränkung: Ich möchte Sahra Wagenknecht nicht mehr in Talkshows sehen, denn ihre Meinung deckt sich nicht mit denen der Parteigrößen. Spricht sie für sich, für "Aufstehen" für die "Linke" ? Man weiß es nicht.
Es war immer der Traum der Linken, der Traum von der Abschaffung der Nationalstaaten, hin zur "One
World". Bis 2015 konnte man keinen mehr damit begeistern. Das änderte sich dann. Man träumte wieder von der sozialistischen Internationale.
Das man damit den multinationalen Konzernen in die Hände spielt und sich zum Helfer des grenzenlosen Kapitals machte, weil man Menschen zwingt, sich in ein identitätsloses Heer Arbeitswilliger, einzufügen, hat nur Sahra Wagenknecht benannt. Die Verwerfungen sind bereits sichtbar !

12.03.2019 17:58 Wessi 35

Was mich skeptisch gegenüber vielen Kommentatoren hier macht, ist die Tatsache, daß Sahra Wagenknecht auf einen einzigen Aspekt ihrer politischen Vita reduziert wird. Dabei wird ihre eigene Definition des Rückzugs-aus gesundheitlichen Gründen- auch noch in Frage gestellt.Und es wird so getan, als hätte man sie "abgesägt".Eine starke Frau "absägen"?Nur weil man mit ihr in den Diskurs gegangen ist?Dann irritiert mich ganz gewaltig, daß ehemalige DDR-Bürger sich anscheinend eine SED inkl. Fremdenfeindlichkeit wünschen+ausserdem überhaupt nicht respektiert wird, daß in einer Demokratie der Kompromiß, die Koalition das Wesentliche sein kann.Man will 100%.Und man scheint Frau W. jetzt aufgrund einiger skeptischen Gedanken gar für den rechten Verein vereinnahmen zu wollen.Da habt Ihr euch sicher ziemlich "geschnitten".Oder ist sie für Euch nur so passabel, weil sie aus dem Osten kommt?

12.03.2019 17:32 Dieterr Scholz 34

Ein gehäucheltes Verstehen und ein frommer Wunsch von Herrn Herden.
Solche Kommentatoren gibt es leider zuhauf!

12.03.2019 17:06 Boris Funda 33

Der Kommentar ist erstaunlich gut. Allerdings glaube ich nicht das Aufstehen zum Scheitern verurteilt ist, auch nicht ohne Sahra nicht.
Es sind viele, die begriffen haben und aufgestanden sind.
Ich bin aber überzeugt, wir werden Sahra wieder erleben - gestärkt, bei Aufstehen, bei ihren Mitstreitern.

Linke wie auch SPD jubeln zu früh!

12.03.2019 15:12 Dieter 32

Klugheit und Rückgrat haben es eben in politische Parteien schwer. Ich befürchte, viele ihrer Parteigenossen haben in ihrer Borniertheit gar nicht begriffen, was für ein Juwel sie da in der Partei haben (bald hatten?).
Guter Kommentar, Herr Herden! Ich fürchte, Kipping und Riexinger werden ihn gar nicht begreifen.

12.03.2019 14:09 na dann 31

steht ja dem "Vereinigungsparteitag" am 21.April mit der SPD nichts mehr entgegen?
Die Konturen ( wenn man davon sprechen kann) von SPD und Linkspartei verwischen immer mehr.
Was dabei herauskommt, sieht man deutlich im Land Berlin. Einige Parteiabzeichen mit den abgehackten Händen sind doch sicher im Fundus noch vorhanden?