Jens Spahn
Jens Spahn behauptet, niemand wird gezwungen, im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Bildrechte: dpa

Entgegen Spahns Aussage Weg aus Niedriglohnsektor für Ostdeutsche besonders schwer

Niemand wird gezwungen im Niedriglohnsektor zu bleiben, hat Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Talkrunde bei Maybrit Illner gesagt. Er würde in der Arbeitswelt alles so lassen, wie es ist. Aber wie sieht die Realität aus? Wie viele Menschen verdienen einen Niedriglohn und gibt es einen Weg daraus?

von Teresa Nehm, MDR AKTUELL

Jens Spahn
Jens Spahn behauptet, niemand wird gezwungen, im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Bildrechte: dpa

Die gute Nachricht: Der Anteil der Niedriglohnempfänger hat sich in den letzten zwei Jahren leicht verringert, trotzdem leben in Deutschland etwas mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer von einem Niedriglohn.

Dieser orientiert sich am sogenannten mittleren Lohn (Median) in Deutschland. Wer weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns verdient, bekommt einen Niedriglohn. Im Klartext heißt das ein Stundenlohn von etwa 10 Euro.

Mittleres Einkommen (Medianeinkommen) Das Mittlere Einkommen oder Medianeinkommen bezeichnet das Einkommen, das sich genau in der Mitte der betrachteten und nach Größe sortierten Einkommen befindet.

Bei der Berechnung des Mittleren Einkommens bleiben extrem hohe und niedrige Werte unberücksichtigt. Deshalb entspricht das Mittlere Einkommen nicht dem Durchschnittslohn. Dieser ist oft höher, da hohe Einkommen den Durchschnitt nach oben ziehen, auch wenn die Masse der Haushalte deutlich weniger verdienen.

Das Pro-Kopf-Einkommen wiederum ist oft niedriger, weil ein Einkommen in der Regel mehr als eine Person versorgt.

Etwas mehr als der Mindestlohn also, rechnet Toralf Pusch vor. Er ist Referatsleiter für die Arbeitsmarktanalyse der Hans-Böckler-Stiftung. Der Mindestlohn lag im Jahr 2017 bei 8,84 Euro. "Im gleichen Jahr lag die Niedriglohnschwelle bei 9,86 Euro. Von daher hilft er nicht bei der Begrenzung des Niedriglohnsektors."

Niedriglohnsektor in Ostdeutschland deutlich größer

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen arbeiten 36 Prozent der Erwerbstätigen im Niedriglohnsektor. Das habe verschiedene Gründe, sagt Irene Dingeldey vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen: "Die Tarifbindung ist in Ostdeutschland wesentlich geringer als in Westdeutschland."

Deutlich weniger Arbeitnehmer seien gewerkschaftlich organisiert. Das beeinflusse, wie die Löhne zustande kommen und so auch die Lohnhöhe, erklärt Dingeldey.

Eine junge Frau wird frisiert.
Friseure arbeiten fast ausschließlich für Niedriglöhne. Bildrechte: IMAGO

Außerdem sei die Größe der Unternehmen relevant: "Niedriglohn gibt es häufiger in kleineren Unternehmen, so wie in Dienstleistungsunternehmen. In Ostdeutschland ist relativ wenige große Industrie angesiedelt. Es gibt mehr kleine Dienstleistungsfirmen."

Das sind zum Beispiel Friseure, Masseure oder Floristen. Außerdem werde auch im Einzelhandel, im Gastronomiegewerbe oder im Gesundheitswesen häufig Niedriglohn bezahlt. Das sind genau die Bereiche, die über keinen oder nur einen schlechten Tarifvertrag verfügen.

Ausweg aus Niedriglohnsektor schwer

Bleibt die Frage: Wie kommt man raus aus dem Niedriglohn? Indem man einen Arbeitgeber findet, der mehr zahlt als 10 Euro die Stunde. Und genau das sei eben nicht so einfach, sagt Irene Dingeldey vom Institut für Arbeit und Wirtschaft.

Vor allem auf die Branche komme es an. Im Gastgewerbe zum Beispiel sei das Lohnniveau extrem gering. Dort könne man nur versuchen, aus einem Minijob in eine Festanstellung zu wechseln.

Dann müsste der neue Arbeitgeber aber tarifvertraglich gebunden sein. Und eben deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen, ergänzt Toralf Pusch:

Auch wenn man Vollzeit für Mindestlohn arbeitet, ist man eigentlich gerade in der Nähe der Pfändungsfreigrenze. Als Single ist der Mindestlohn ein Armutslohn.

Toralf Pusch, Hans-Böckler-Stiftung

Im Vergleich mit anderen EU Staaten hat Deutschland übrigens eine sehr hohe Niedriglohnquote. Nur Estland, Polen, Litauen, Rumänien und Lettland haben im Durchschnitt noch mehr Niedriglohnempfänger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Dezember 2018 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2018, 05:00 Uhr

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74 Kommentare

10.12.2018 10:13 Meckersack 74

@73 nasowasaberauch: Sie können die Situation mit dem Niedriglohnsektor nicht so darstellen, als würde da jemand auf einem Geldsack sitzen und sich weigern den Geringverdienern ihren gerechten Anteil auszuhändigen. Es gibt nicht auf der einen Seite das Volk und auf der anderen Seite die Arbeitsgeber. Das Eine ist immer auch das Andere und in den Branchen für einfache Dienstleistungen sind die Gewinnmargen nun mal nicht so hoch, dass man einfach mal die Gehälter um eine Drittel, oder ähnlich, steigern könnte. Die selben Leute die sich über sowas beklagen, beklagen sich auch das Kneipen und Tante- Emma- Laden sterben auf dem Land. Was glauben Sie denn was passiert, wenn sie in solchen Fällen noch den Mindestlohn auf über 12€/h hoch nehmen und nur noch beamtenähnliche Arbeitsverhältnisse zulassen?

09.12.2018 19:57 nasowasaberauch 73

Der Niedriglohnsektor ist eine Sparte die in diesem Staat dafür steht Gewinne zu privatisieren und Verluste, dh. Aufstockungen zu sozialisieren. Klar ist, das in diesem Land nicht jeder ein Ingenieur werden kann, aber dennoch muss er von seiner Arbeit ohne Stütze leben können. Die Befristung von Arbeitsplätzen, und diese manchmal über Jahre fortlaufend, ist für junge Menschen und ihre Lebensplanung verheerend. Der Arbeitsmarkt in Deutschland hat mit Niedriglohn, Befristung, Zeitarbeit, Werksverträgen und Scheinselbständigkeit viele Baustellen, die für Ausbeutung stehen.

09.12.2018 19:10 Mediator an Thore (66) 72

Ihr Vorschlag den Niedriglohnsektor abzuschaffen ist Unsinn und nicht umsetzbar. Dies ergibt sich einfach daraus, dass der Niedriglohnsektor sich nach Definition der OECD als Verhältnis zum Medianeinkommen ergibt.

Einfacher ausgedrückt: Es haben schon immer Leute die wenig und andere die mehr verdient haben. Manche Arbeit ist, was den erzielbaren Gegenwert auf dem Markt angeht, nach oben einfach gedeckelt.

Wenn der Herrenhaarschnitt irgendwann in seiner einfachsten Form 40 € kosten soll, dann werden wir wohl eher die Renaissance der "Topfschnitte" statt den plötzlichen Wohlstand der Friseusen erleben.

09.12.2018 16:39 Wessi 71

@ 66 Mit nötiger Zuwanderung hat das gar nichts zu tun.Ein fleissiger Nichtdeutscher sollte allen lieber sein, als ein strunzfauler Teutone, der nur neidisch immer mehr fordert+jammert!Leiharbeit wird von den Gewerkschaften weitestgehend abgelehnt, aber Leiharbeit wird es immer geben bis es ausreichend GEREGELTE Einwanderung geben wird.

09.12.2018 16:26 Kiel_oben 70

Auch wenn mit der Digitalisierung ein Strukturwandel verbunden ist, sind Panikprognosen fehl am Platz. Viele negative Entwicklungen gehen stärker auf jahrelange Deregulierung zurück als auf neue Technologien. Die Gewerkschaften sind gefragt.

09.12.2018 15:21 Gerd Müller 69

Motto „Das ist das Mindeste!“ faire Löhne, gute Arbeit und soziale Sicherheit. Einst wurden sie gegründet, um die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten. Doch seit einiger Zeit kämpfen die deutschen Gewerkschaften nicht mehr nur für bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch gegen sinkende Mitgliederzahlen

09.12.2018 14:26 Mediator an Carolus Nappus(63) 68

1. Die teure Stammbelegschaft ist nach wie vor in den meisten Branchen die Regel. Der Prozentsatz von Zeitarbeit in Bezug auf die Gesamtbeschäftigung liegt bei lediglich ca. 3%.

2. Die Tarifabschlüsse von Gewerkschaften strahlen auch häufig auf nicht tarifgebundene Betriebe aus. Ansonsten ist es ja wohl klar, dass sich bestimmte Sonderleistungen lediglich an zahlende Mitglieder richten. Sie bekommen ja auch keine Tageszeitung ohne Abo geliefert.

3. Die Kalkulation seiner Belegschaft fällt in das unternehmerische Risiko seines Besitzers. Es ist ja nicht so, dass es keine Betriebsbedingten Kündigungen gibt und man 45 Jahre mit einem Mitarbeiter leben muss den man nicht einsetzen kann.

4. Da der Arbeitsmarkt ein Markt ist gelten dessen Regeln. Wer aufgrund gewerkschaftlicher Organisation oder besonderer Ausbildung stark ist, der kann etwas einfordern. Wer durch einen Rumänen ersetzt werden kann, den man 2 Tage einlernt, der kann in seiner Helfertätikeit eher wenig einfordern.

09.12.2018 14:02 Mediator an "Kritischer" Bürger 67

@53: Dir ist entgangen, dass die DDR 89 pleite war? Ein Grund war vermutlich auch, dass mehr für Arbeit bezahlt wurde als mit den Produkten am Ende erwirtschaftet werden konnte. Das geht auf Dauer nie gut.

@54: Hatte ihre Bahn noch Dampflokomotiven? Die Bahn bildet aktuell in wenigen Monaten Zugbegleiter aus. Nach dieser theoretischen Schulung bestandener Prüfung sind diese Leute sehr schnell eigenverantwortlich im Zug unterwegs. Eine Bekannte von mir hat das durch und ist zufrieden was die Entlohnung angeht.

@56: Wer als Arbeitsloser auf Dauer "Wünsch dir was" spielen will, der muss sich wohl mit H4-Abzügen zufrieden geben. Sie machen sich lächerlich wenn sie so tun, als könne ein AL nicht ordentlich auftreten was seine Kleidung anbelangt. Sauber und situationsangemessen - mehr braucht es nicht!

@57:Ich schaue sicher nicht auf AL herab. Niemand muss einen Job bei einem Unternehmen annehmen, dass ÜS auf ein Gleitzeitkonto bucht statt sie auszuzahlen. Nur warum?

09.12.2018 14:00 Thore 66

Meine Meinung......Niedriglohnsektor (Arbeitszeitfirmen) abschaffen !
Stattdessen wird Nachschub, durch den Import tlw. ungebildeter Fremder generiert !
Beleg....ich seh es jeden Tag an der Arbeit !

09.12.2018 13:51 Thore 65

@Kiel_oben #61
Starke Gewerkschaften sind Arbeitsplatz-Vernichter, denn Unternehmer lassen sich selten erpressen, außer bei Staatsunternehmen wie die DB !
Realität....1999 haben meine Kollegen und ich den Arbeitsplatz, durch eine sture Gewerkschaft (Betriebsrat), verloren, weil das Angebot des neuen Investors abgelehnt wurde, obwohl die Mehrheit der Kollegen nach Abstimmung dafür waren !
Der Betrieb wurde geschlossen und 35 Leute meldeten sich auf dem AA !
Sollten GW nicht eigentlich Arbeitsplätze erhalten ?
Gewerkschaften sind für mich Selbstinszenierungsorganisationen !