Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung, 1919.
Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919 Bildrechte: dpa

Interview mit Politikwissenschaftler Michael Dreyer 100 Jahre deutsche Demokratie - Eine Bestandsaufnahme

Hundert Jahre Weimarer Reichsverfassung heißt auch: hundert Jahre Demokratie in Deutschland. Was kann eine Demokratie aushalten und wie steht es aktuell um unsere demokratischen Verhältnisse? Ein Interview mit Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik in Jena.

von Wiebke Schindler, MDR AKTUELL

Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung, 1919.
Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919 Bildrechte: dpa

Deutschland feiert hundert Jahre Weimarer Reichsverfassung. Es ist eine Feier auf die Demokratie. Doch wie ist es heute um das demokratische Prinzip in unserem Land bestellt?

Michael Dreyer am Rednerpult.
Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik in Jena Bildrechte: dpa

Fragt man Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik in Jena, dann insgesamt gut: Wie selbstverständlich könnten wir heute frei unsere Meinung äußern, wir könnten uns frei bewegen, Ländergrenzen existierten für Europäer nur noch auf dem Papier. Vielen sei nicht bewusst, dass man diese Freiheiten und Möglichkeiten auch aktiv schützen und bewahren müsse, sagt Dreyer.

Denn die Herausforderungen an die heutige Demokratie werden immer größer. Dass viele Menschen im Osten weniger Vertrauen in den Staat und ihre Institutionen haben, wird auch in einer aktuellen Umfrage deutlich. Nur 42 Prozent der Befragten in Ostdeutschland gaben an, dass die Demokratie die beste Staatsform sei. In Westdeutschland sind es 77 Prozent. Das geht aus einer im Januar veröffentlichten repräsentativen Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor.

Demokratie ist keine natürliche Staatsform

Auch Demokratieforscher Dreyer sieht diese Probleme. Insbesondere bei der jüngeren Generation herrsche der Eindruck vor, dass die Demokratie geradezu eine natürliche Staatsform sei.

Das Bewusstsein, dass Demokratie keine natürliche, selbstverständliche Angelegenheit ist, ist bei vielen Leuten nicht mehr in dem Maße vorhanden, wie es noch bei früheren Generationen der Fall war. Also das Gefühl einer Generation, die den Krieg miterlebt hat oder die Nachkriegsgeneration.

Michael Dreyer Forschungsstelle Weimarer Republik

Dass Demokratie nichts Unumstößliches ist, zeigt die Geschichte selbst. Die Weimarer Republik mit ihren demokratischen Werten endete mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933. Etwas, was sich so wiederholen könnte? Die Demokratie in Gefahr? Michael Dreyer verneint. Im Gegensatz zur Weimarer Republik gebe es in der Bundesrepublik keine nennenswerte Gruppe von Menschen, die der Staatsform der Demokratie extrem kritisch gegenüberstünden: "Stellen Sie sich vor, dass bei uns die Bundeswehr auf die Straße geht und versucht die Demokratie zu stürzen – völlig undenkbar! In der Weimarer Republik ist genau das passiert."

Demokratie muss Populismus aushalten

Michael Dreyer
Dreyer: "Demokratie ist keine natürliche Staatsform." Bildrechte: imago/VIADATA

Eine weitere Herausforderung sei der Populismus, der in vielen westlichen Demokratien mehr und mehr eine Rolle spiele.

Populismus als Volksbewegung sei nur in demokratisch regierten Ländern möglich. Die eigene politische Meinung frei zu äußern, ginge eben nur in der Demokratie, erklärt Michael Dreyer.

Populistische Parteien wie die AfD sind problematisch für eine funktionierende liberal-demokratische Ausrichtung. Aber sie sind auch ein Stück europäische Normalität. Deutschland ist über lange Zeit hinweg eine Ausnahme geblieben.

Michael Dreyer Forschungsstelle Weimarer Republik

Und dennoch: Die Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung, sie wären angetan, von dem, was sie heute sehen würden, sagt Dreyer. "Sie würden viel wiedererkennen von ihren Ideen in unserer heutigen Demokratie. Aber sie wären wahrscheinlich völlig überrascht, wenn sie das Ausmaß der europäischen Einigung und des europäischen Friedens angucken würden."

Die Demokratie in Deutschland feiert runden Geburtstag. Der Rückblick zeigt: Demokratie kann viel aushalten, aber selbstverständlich ist sie nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 06. Februar 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2019, 08:39 Uhr