Rollstühle stehen vor einer Brandschutztür in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
Viele Werkstätten für behinderte Menschen erwirtschaften nur Kleinstbeträge. Bildrechte: dpa

Aufstockung des Azubi-Gehalts Lohnplus bedroht Existenz von Behindertenwerkstätten

Der Bund plant, ab August Auszubildende mit geringem Lohn mit mehr Geld zu unterstützen. Dieser Gesetzentwurf hat allerdings weitreichende Folgen und könnte speziell die sächsischen Werkstätten für Menschen mit Behinderung in akute Finanznot bringen.

von Astrid Wulf, MDR AKTUELL Landeskorrespondentin Sachsen

Rollstühle stehen vor einer Brandschutztür in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
Viele Werkstätten für behinderte Menschen erwirtschaften nur Kleinstbeträge. Bildrechte: dpa

Zu Hause rumsitzen und nichts tun - das will der 28-jährige Toni Hiltscher auf keinen Fall. Durch die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose und Diabetes ist er stark eingeschränkt. Deshalb arbeitet er in einer Dresdener Werkstatt für behinderte Menschen und schraubt zum Beispiel Schubladen zusammen oder verpackt Produkte wie Zahnpasta.

Mir ist es eigentlich egal, was für eine Arbeit: Hauptsache, ich habe Arbeit.

Toni Hiltscher arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen
Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Mitteldeutschland fertigen in Halle (Sachsen-Anhalt) Aufsteller für Plakate.
Eine Behindertenwerkstatt in Halle. Bildrechte: dpa

Nur ein Teil der Werkstattbeschäftigten generiert tatsächlich Einnahmen. Toni Hiltscher gehört dazu und bekommt deshalb neben dem Grundbetrag von monatlich 80 Euro einen zusätzlichen leistungsbezogenen Betrag. Das findet er wichtig, denn das Geld zeige ihm, dass er Spaß an der Arbeit hat und bestätige ihm, dass er etwas kann.

Werkstätten können sich höheren Grundbetrag nicht leisten

Doch dieser motivierende, leistungsbezogene Betrag könnte demnächst wegfallen. Denn ab August soll der Grundbetrag für alle steigen. Das ergibt sich als Folgeerscheinung aus einem Gesetzentwurf der Bundesregierung, in dem unter anderem das Ausbildungsgeld für behinderte Menschen auf 117 Euro erhöht wird.

Ein Riesenproblem auch für die Werkstatt, in der Toni Hiltscher arbeitet, sagt sein oberster Chef Peter Leuwer, der Geschäftsführer des Christlichen Sozialwerks. In seinen fünf Werkstätten wurden im vergangenen Jahr durchschnittlich 105 Euro erwirtschaftet. Und nicht nur die sieht er in Gefahr.

"Viele der sächsischen Werkstätten wären nach dem derzeitigen Stand schon nicht mehr in der Lage, diesen Grundbetrag in Höhe von 117 Euro überhaupt zu erwirtschaften." Deswegen müssten zum Beispiel Rücklagen für Instandsetzungen angegriffen werden. Wenn alle Rücklagen aufgebraucht seien, gehe es den Werkstätten bald an die wirtschaftliche Existenz.

Sozialministerium will auf Werkstätten zugehen

Ein junger Mann arbeitet in einer Werkstatt
Die Arbeit in den Werkstätten lohnt sich für viele Menschen mit Behinderung. Bildrechte: imago/argum

Deshalb hat das Christliche Sozialwerk sich mit einem Brief ans Bundessozialministerium gewandt und auch die Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege in Sachsen teilen in einer Stellungnahme die Bedenken von Leuwer.

In Sachsens Sozialministerium, das im Bundesrat mitreden könnte, ist das Thema ebenfalls angekommen. Demnächst soll es Gespräche mit Vertretern der Werkstätten geben und erst dann könne man sich positionieren, schreibt das Ministerium.

Vielleicht gelingt es, mit allen Beteiligten Maßnahmen zu finden, eine Steigerung der [...] Entgelte für die Beschäftigten zu ermöglichen und die wirtschaftlichen Herausforderungen einzelner Werkstätten für behinderte Menschen anzugehen.

Sächsisches Sozialministerium auf Anfrage des Christlichen Sozialwerks

Auch Peter Leuwer ist unsicher, wie eine Lösung aussehen könnte. Das Christliche Sozialwerk stelle nicht infrage, dass das Ausbildungsgeld erhöht werden soll. Doch fiele der leistungsbezogene Verdienst für Beschäftigte wie Toni Hiltscher weg, wäre das für Leuwer der falsche Weg. Denn das würde die Leistung des Einzelnen gänzlich außen vor lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. April 2019 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2019, 05:00 Uhr

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10 Kommentare

10.04.2019 19:40 Mediator an Uwe Schenke(6) 10

Sie stellen ja ganz schön steile Behauptungen auf, ohne diese belegen zu können! Wie bereichert man sich auf Kosten behinderter Menschen in einer Werkstatt?

Selbstverständlich wird an solche Werkstätten vom Staat viel Geld überwiesen, doch ohne Geld ist für den behinderten Menschen keine Teilhabe an Arbeit möglich. Man benötigt schließlich ein Gebäude, Verwaltung, Anleiter, Sozialdienste und Logistik. Für all diese Bereiche gibt es Kostenschlüssel, über die hinaus nichts gefördert wird.

Ist es Bereicherung, wenn ich einen LKW kaufe und einen Fahrer bezahle, der Rohware in die Werkstatt und fertige Produkte zurück liefert?

Ansonsten gibt es weder einen Standard Behinderten noch ein allein selig machendes Konzept. Inklusion ist ja ein tolles Stichwort, aber auch das kostet viel Geld und überfordert viele Behinderte gnadenlos, wenn man sich die Gepflogenheiten in Firmen anschaut. Viele fühlen sich da in einer WfbM deutlich weniger gestresst und besser aufgehoben.

10.04.2019 07:37 Kiel_oben 9

Bis August 2016 bekam Arbeitsbereich 75,00 EUR plus 26,00 EUR vom Arbeitsamt AFöG §43 SGB IX also 101,00 EUR
Ab September 2016 80,00 EUR plus 26,00 passte sich Osten Bundesgesetz an und seit Januar 2017 wurde AFöG §43 SGB IX auf 56,00 EUR erhöht damit 132,00 EUR geringen Lebensstandart etwas verbessert wurde.
Die 47,00 EUR plus ab August sind sehr erfreulich und werden hoffentlich nicht (heimlich) verrechnet damit 179,00 EUR ausbezahlt / übewiesen werden.

09.04.2019 20:22 Uwe Schenke 8

Erst einmal gibt es keine "armen" Werkstätten,denn diese haben sich in den letzten 3 Jahrzehnten auch auf Kosten der Menschen mit Handicap bereichert. Es stimmt nicht,dass die Werkstätten nur von den Einnahmen der Arbeit der Beschäftigten leben,dann hätten sie in der Tat ein Problem.Aber so erhalten sie Millionen Euro von staatlichen Stellen.Im vergangenem Jahr waren es 10 Milliarden Euro. Was Werkstätten für behinderte Menschen auf keinen Fall sind - Horte der Inklusion! Wir brauchen eine Reform in der Arbeitsmarktpolitik, die WfbM sollen dort in Zukunft nur noch ein kleines Puzzle sein.

09.04.2019 17:27 Mediator 7

@frank d(2): Sorry, aber was rauchen sie denn bitte um auf solche Gedanken zu kommen?

@all:
Problematisch ist sicher nicht, das Auszubildende mit geringem Lohn mehr Zuschüsse vom Bund erhalten, sondern, dass man diesen gesteigerten Zuschuss als gleichzeitig als Bemessungsgrenze für Behindertenwerkstätten heranzieht. In diesen Werkstätten betrug im Jahr 2016 das durchschnittliche monatliche Arbeitsentgelt 180 € und darin waren schon 26 € Arbeitsförderungsgeld enthalten.

Da Behindertenwerkstätten ca. 70% ihrer Gewinne als Lohn ausschütten müssen kann man daran bereits erkennen, wie gering hier die Spielräume nach oben sind. Viele Behinderte Menschen sind schlicht und ergreifend nicht in der Lage eine höhere Wertschöpfung zu generieren und für etliche ist die Werkstatt weniger ein Ort der Arbeit als ein Ort zur Strukturierung des Tages, für ein warmes Mittagessen und die Pflege sozialer Kontakte. Ohne zusätzliche Zuschüsse wird das nicht zu stemmen sein.

09.04.2019 16:16 Sabrina 6

@ 09.04.2019 07:40 D.o.M. 3

Das Wort Lehrling enthält keinen Imperativ.
Das geht halt im Befehlsempfängerstaat nicht.

09.04.2019 16:13 Sabrina 5

Die Behinderten-Werkstätten dienen oft nicht den Behinderten, sondern den Betreuern.

Im Bundesverband Psychiatrieerfahrener und anderer Betroffenen-Organisationen stehen diese Praktikten des Arbeiten lassens für ein Taschengeld heftig in der Kritik.
Da gibt es auch kein Mitleid wenn solche Betreuer-Arbeitsplätze wegfallen.

Bevor weiter Betreuern ein Haufen Geld in den Arsch geblasen wird, müssen erstmal den Behinderten reguläre Gehälter gezahlt werden.

09.04.2019 10:23 kleinerfrontkaempfer 4

Behindertenwerkstätten sind mit "normalen" Wirtschaftsunternehmen nicht vergleichbar!
Sie sind eine sinnvolle und praktikable Beschäftigungsmöglichkeit für Menschen mit Handicap.
Deswegen werden sie stets ein Zuschußunternehmen bleiben. Auch die von oben gewünschte Eingliederung von dort Beschäftigten wird sich in großem Stil nicht in der Wirtschaft machen lassen.
Das die in derr Werkstatt tätigen nun einen kleinen Betrag mehr "verdienen" ist löblich. Bleibt offen wie man das durch die Hintertür über Essengeld, Wohnheimkosten usw. wieder abfordert.

09.04.2019 07:40 D.o.M. 3

Wer hat sich nur dieses abstoßende Amtsdeutsch-Wortungetüm "Auszubildende" ausgedacht ? Das sind Lehrlinge !

09.04.2019 07:39 frank d 2

Das wird nicht nur dort so sein. Die uns regierenden und deren Berichterstatter vom MDR sollten einmal nachlesen. Der Staat bestimmt inzwischen nicht nur die Steuern und abgaben, nein auch die Löhne. Die ersten Preise werden auch bestimmt es wird über Enteignung besprochen. Alles zusammen nenne ich Weg in den Sozialismus! Zu der Frage der Entlohnung von Auszubildenden. Warum bezahlen eigentlich die Universitäten ihre Studenten nicht? Wäre doch nur gerecht, wenn ich einen Azubi gut ausbilde dann kann er davon sein ganzes leben auskömmlich bestreiten. Er sie oder auch es schuldet mir dann etwas und nicht umgekehrt. Das Haushaltsabgabenabhängige den Sozialismus für alle wollen deutet auf einen immanenten Widerspruch zum GG dieses Landes.

09.04.2019 06:51 Lilly 1

"Deshalb hat das Christliche Sozialwerk sich mit einem Brief ans Bundessozialministerium"

die haben alle so viel Kohle,
die Kirche sowieso, der Staat erst recht,
der subventioniert mit einem hohen zweistelligen Mrd Betrag junge kräftige Männer aus der ganzen Welt.

Aber hier wird gespart.

Pfui Teufel!