Arbeitsbedingungen Autoindustrie: Werkverträge sind funktionierendes System

Noch im Juli will Arbeitsminister Heil ein Gesetz vorlegen, um Werkverträge in der Fleischindustrie zu verbieten. Die Werkvertragsfirmen, heißt es, bezahlen ihre Mitarbeiter in den Schlachtbetrieben miserabel und halten Hygienevorschriften nicht ein. Nun gibt es Werkverträge aber nicht nur in der Fleischbranche.

Ein Kunde in einem Gebrauchtwagenzentrum
Wie läuft das Werkvertragsmodell in der Autoindustrie? Bildrechte: IMAGO

Christian Schäfer sorgt dafür, dass alles passt. Der Leipziger leitet eine Firma, die Teile für die Industrie nachbessert. Mal vergrößern seine Leute Bohrlöcher Tausender fehlerhaft vorbereiteter Bleche, mal ziehen sie Schweißnähte nach. Das machen sie heute in der einen Fabrik und morgen in einer anderen. Das Unternehmen arbeitet auf Werkvertragsbasis.

Werkverträge in der Autobranche

Die öffentliche Debatte darum findet Schäfer einseitig. Die meisten Werkvertragsfirmen seien anständig. Die Diskussion in der Fleischindustrie habe nicht vordergründig etwas mit Werkverträgen zu tun, sagt Schäfer, sondern mit einem "unfairen System" von "möglicherweise unseriösen Subunternehmern." Wegen des schlechten Beispiels in einer Branche werde nun ein seit Jahrzehnten funktionierendes Geschäftsmodell diskriminiert.

Tatsächlich sind Werkverträge weit verbreitet. Vor allem die Autokonzerne beauftragen zahlreiche Fremdfirmen, in ihren Werken Dinge zu erledigen. Zum Beispiel in der Automobilregion Leipzig. Von den 20.000 Beschäftigten arbeiten nur die Hälfte direkt bei Firmen wie Porsche oder BMW. Alle anderen sind Leiharbeiter oder bei einer Werkvertragsfirma angestellt.

IG Metall sieht Vor- und Nachteile

Bernd Kruppa von der IG Metall Leipzig befasst sich damit seit Jahren. "Also erst einmal muss man vorausschicken, dass die Position der IG Metall ist, dass wir nichts gegen Werkverträge an sich haben, auch nichts gegen Leiharbeit". Wenn im Sinne einer modernen Arbeitsteilung für bestimmte spezifische Aufträge und Dienstleistungen auch auf andere Unternehmen zurückgegriffen werde, dann sei das dem heutigen Produktionssystem angemessen.

Werkverträge halten die Konzerne flexibel, denn man kann die beauftragte Firma wieder abbestellen. Sie sparen aber auch Geld. Denn die Beschäftigten, die für eine Werkvertragsfirma in einer Industriehalle stehen, erhalten oft weniger Lohn als die Stammbeschäftigten. Hier, sagt Kruppa, mache die IG Metall seit Jahren Druck. Und sie habe Erfolg: In vielen Werkvertragsfirmen gebe es inzwischen Betriebsräte oder Tarifverträge.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelte aber noch nicht überall, schränkt Kruppa ein. Bei der Arbeitszeit sei man schon sehr erfolgreich gewesen. "Wir wissen, dass wir noch einen langen Weg haben, um gleichwertige Löhne durchzusetzen." Man wolle das mit den Menschen von unten nach oben durchsetzen, sagt der Gewerkschafter. "Im Zweifel auch gegen die Interessen der Großkonzerne."

Auto- und Fleischindustrie nicht vergleichbar

Was Kruppa bei der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen in den Werksvertragsfirmen hilft: selbstbewusste Facharbeiter. Deswegen kann man die Erfahrungen aus der Autoindustrie schwer auf die Fleischindustrie übertragen. Denn dort arbeiten oft Ungelernte, vielfach aus dem Ausland. Doch kann die Politik Werkverträge in der einen Branche verbieten, ohne sie in der anderen zu berühren?

Dirk Vogel vom Netzwerk der Autozulieferer Sachsen befürchtet zumindest keine Nachteile durch den Eingriff der Politik: "Grundsätzlich werden wir neue Regularien natürlich auch in der Branche prüfen müssen. Wir erwarten aber jetzt keine massive Verschlechterung dieses Systems der Werkverträge. Weil relativ viele Themen wie 'Equal Pay' schon mal geklärt wurden."

Auch die IG Metall rechnet nicht damit, dass sich ein Verbot in der Fleischindustrie auf ihre Branche auswirken wird. Regulierungsbedarf sehe man derzeit jedenfalls nicht. Man erkämpfe anständige Bedingungen bei Werkvertragsfirmen lieber selbst mit den Beschäftigten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Juli 2020 | 08:05 Uhr

3 Kommentare

Bernd1951 vor 3 Wochen

Der Einsatz von Leiharbeitern und Arbeitern mit Werksverträgen sollte so gestaltet werden, dass es für die betroffenen Unternehmen teurer ist, als jemanden für diese Tätigkeit selbst einzustellen. Es ist eine elegante Möglichkeit auch mit Hilfe der Gewerkschaft Tarifverträge großflächig zu unterlaufen. Und wer hat das im großen Umfang so ermöglicht ? Führende Mitglieder der Arbeiterpartei bei der Willy Brandt einmal Vorsitzender war. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das die CDU in dieser Zeit auch getraut hätte, wenn sie an der Regierung gewesen wäre.

Ekkehard Kohfeld vor 3 Wochen

100% richtig,für nichts anderes ist es gut und alle sozialen Errungenschaften aus zu hebeln.😡😡😡

Anni22 vor 3 Wochen

Werkverträge haben den Zweck, Menschen für die selbe Arbeit weniger Geld zu zahlen. Das ist nur für die Firma ein "funktionierendes" System.