Täter, Opfer und Strukturen Fakten zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

Die Deutsche Bischofskonferenz stellt die Ergebnisse einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie zum sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche vor. Einige Zahlen sind bereits bekannt.


Wann startete die Studie, wer ist beteiligt?

Die Bischofskonferenz vergab 2014 das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung von sexueller Gewalt durch Geistliche innerhalb der Katholischen Kirche an sieben Wissenschaftler um den forensischen Psychiater Harald Dreßing. Die Forscher aus Mannheim, Heidelberg und Gießen werteten über 38.000 Personal- und Handakten aus allen 27 katholischen Diözesen aus.

Die Untersuchung sollte jene Zahlen liefern, die ein von der Kirche 2010 an den Kriminologen Christian Pfeiffer vergebener Auftrag nicht erbrachte. 2013 beendeten die Bischöfe die Zusammenarbeit. Begründung: Das Vertrauensverhältnis sei zerrüttet. Pfeiffer beklagte Zensur und Aktenvernichtung. Zuvor hatte es bereits 2010 eine erste wissenschaftliche Aufarbeitung gegeben.

Diese Studie kam 2012 zu dem Schluss, dass Priester, die Minderjährige missbrauchen, in den seltensten Fällen pädophil seien. Die Taten würden meist aus einer persönlichen Krise begangen.


Wie viele Opfer wurden ermittelt?

Die neue Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass in den Jahren 1946 bis 2014 insgesamt mindestens 3.677 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Vergehen durch Geistliche in der katholischen Kirche geworden sind. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen. Die Opfer waren demnach überwiegend minderjährige Jungen. Wie die "Zeit" vorab berichtete, war mehr als ein Viertel von ihnen Ministranten.


Wie viele Täter gibt es?

Die neue Studie listet rund 1.670 Priester, Diakone und Ordensleute als aktenkundige Beschuldigte auf. Auch hier wird eine höhere Dunkelziffer angenommen, da etwa Ordensgemeinschaften oder Ordensschulen nicht in die Studie einbezogen wurden. Nach Vorabinformationen der "Zeit" liegt der Anteil der mutmaßlichen Täter an der Gesamtzahl aller katholischen Geistlichen in deutschen Bistümern bei über vier Prozent, bei Priestern sogar über fünf Prozent.


Wer sind die Täter?

Zum "Täterprofil" hatte das Forscherteam bereits 2016 erste Aussagen gemacht, die sich offenbar bestätigten: Bei den Beschuldigten handelte es sich in erster Linie um Priester, weniger um Diakone. Bei vielen Beschuldigten wurde eine emotionale oder sexuelle Unreife festgestellt. Bei einigen Beschuldigten fand sich eine Persönlichkeitsstörung, bei einem eher geringen Teil wurde Pädophilie erkannt.


Wie ging die Kirche mit Hinweisen auf Missbrauch um?

Wie die "Zeit" unter Berufung auf die Studie vorab meldete, wurde nur gegen etwa ein Drittel der 1.670 Beschuldigten ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. 154 davon hätten ohne Strafe oder Sanktionen geendet. In 103 Fällen habe es eine Ermahnung gegeben.

Gegen knapp 38 Prozent der Beschuldigten sei Strafanzeige gestellt worden, meist von den Betroffenen oder ihren Familien. Repräsentanten der Kirche hätten nur in 122 Fällen die staatliche Justiz eingeschaltet. Zudem gibt es offenbar in einigen Fällen eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation, in zwei Bistümern seien Akten mit Bezug zu sexuellem Missbrauch in früheren Jahren vernichtet worden.


Welchen Einfluss haben Kirchenstrukturen?

Die Forscher untersuchten gemäß Auftrag der Bischofskonferenz auch, welche Strukturen und Besonderheiten der katholischen Kirche Missbrauch begünstigen. Stichworte sind dabei Klerikalismus und Machtmissbrauch. Außerdem müsse man die Auswirkungen des Zölibats und die Einstellung zur Homosexualität kritisch hinterfragen.


Ziel der Studie und Methodik

Die Forscher verknüpften nach eigenen Angaben mehrere Methoden, um ein "möglichst umfängliches Bild" von den Vorgängen zu liefern. Zugleich mussten sie Datenschutz-Vorgaben einhalten und bekamen keinen direkten Zugang zu den Originalakten. Neben der quantitativen Untersuchung bildeten deshalb längere Interviews mit Opfern und Beschuldigten einen Schwerpunkt.

Um mögliche Besonderheiten herauszufiltern, wurden kirchliche mit anderen Missbrauchsfällen verglichen sowie mit Studien in anderen Ländern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 25. September 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2018, 05:00 Uhr