Kulturszene in Chemnitz Von der Bühne zum Arbeitsamt

Bei vielen Künstlern geht es gerade ums Überleben. Wegen der aktuellen Corona-Einschränkungen gibt es keine Aufträge und somit auch keine Honorare. Keine guten Zeiten für Soloselbstständige aus der Kreativ- und Veranstaltungswirtschaft.

Arme Künstler
In der Corona-Krise sind selbst die Puppen arbeitslos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ivonne Fischer ist Puppenspielerin und seit vier Jahren mit ihrem Urania-Puppentheater selbstständig. Im Künstlerhaus "Stadtwirtschaft" in Chemnitz hat sie Räume für ihre Werkstatt und den Fundus gemietet. Ihre Puppen stehen darin fein säuberlich aufgereiht, als würden  sie auf ihren Auftritt warten. Doch ebenso wie Ivonne sind auch sie gerade arbeitslos. Dabei hätten sie im Weihnachtsstück des Theaters "Nuri und die Suche nach dem Weihnachtsmann" ihre Rollen spielen sollen. "Ich hab jetzt die erste Woche unserer Weihnachtstour absagen müssen", erzählt Ivonne. "Und ich vermute, sollten die Maßnahmen verlängert werden, dass auch die restlichen Termine abgesagt werden. Das sind dann noch mal 20 Vorstellungen im Dezember."

Alle Reserven aufgebraucht

Die Weihnachtsvorstellungen waren ihre große Hoffnung, denn schon seit Mitte März blieben viele Kitas und Schulen wegen der Corona-Einschränkungen für ihr Puppentheater geschlossen. Der volle Terminkalender wurde immer dünner. Und nun auch noch die Absagen für das Weihnachtstheater.

Arme Künstler
Die Puppenspielerin Ivonne Fischer musste Hartz IV beantragen, um über die Runden zu kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das ist sehr hart", konstatiert Ivonne. "Mein Broterwerb ist dahin. Letztes Jahr haben wir eine ähnliche Tour gehabt, die ähnlich voll gewesen ist und wir haben von dem Geld, das wir da verdient haben, bis 2020 hinein leben können."

Hartz IV als letzte Option

Ivonne Fischer hat keine finanziellen Rücklagen mehr, eine beunruhigende Vorstellung für die Puppenspielerin. Für ihre Betriebskosten hat sie im März ein Corona-Darlehen und einen Bundeszuschuss bekommen – für ihren Lebensunterhalt gab es bisher nichts. Doch die private Miete und die Krankenversicherung laufen weiter. Auch das Auto bringt Kosten mit sich. Früher konnte sich Ivonne als Beleuchtungsstatistin am Theater noch etwas dazu verdienen, aber auch das ist im Moment kaum noch möglich. Und weil der Minijob im Steuerbüro ihrer Mutter nicht ausreichte, musste sie im Juni dann doch Hartz IV beantragen.

Laut ihrem vorläufigen Bescheid soll sie bis einschließlich November 243 Euro im Monat bekommen. Von den 1,8 Millionen Kunst-und Kreativschaffenden in Deutschland haben bisher nur ca. 170 000 Hartz IV-Zuschüsse beantragt und erhalten. Viele Künstler scheuen den Gang zum Jobcenter, fürchten komplizierte Anträge.

Eine Frage des Überlebens

Viele Künstler wissen nicht, wie es weitergehen soll und suchen verzweifelt nach Auswegen. Die Puppenspielerin Ivonne Fischer berät sich mit ihrem Kollegen und Puppenbauer Michael Schmidt. Auch Rocco Zühlke vom Verein "Kreatives Chemnitz" ist dabei. Er organisiert das Künstlerhaus, das großzügig von der Stadt gefördert wird. Einige Mieter leben von Projektförderungen, die auch während der Corona-Krise fließen. Für die Künstler am freien Markt wird es dagegen eng. "Jetzt geht es darum, wer überlebt", sagt Michael Schmidt. "Jetzt geht es ans Eingemachte."

Arme Künstler
Ein Mieter hat das Chemnitzer Künstlerhaus bereits im Sommer verlassen müssen. Das Zentrum für Darstellende Kunst hat schon den ersten Lockdown finanziell nicht verkraftet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Mieter im Künstlerhaus musste bereits im Sommer das Handtuch werfen. Früher wurden im Zentrum für Darstellende Kunst Theaterstücke geprobt und aufgeführt. Jetzt stehen die Räume leer. Rocco Zühlke erklärt: "In Folge der Konstellation, dass keine Soforthilfen zu bekommen waren und dass der gesamte Betrieb im März, April eingebrochen ist, hat er das Proberaumzentrum dann aufgegeben."

69 Prozent der Kulturschaffenden betroffen

Mittlerweile geben 69 Prozent aller Kulturschaffenden an, wegen der Corona-Einschränkungen keine Arbeit mehr zu haben. So auch die Theater-Regisseurin Sabine Sterken. Seit März dieses Jahres hat sie keine Aufträge mehr und damit auch keinerlei Einnahmen. Hartz IV fällt für sie aus, weil sie in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft lebt und ihr Mann ein Gehalt bezieht.

Die beruflichen Corona-Einschränkungen treffen Sabine hart: "Im Moment lebe ich von dem, was ich die ersten drei, vier Monate erarbeitet habe, teile mir das taff ein. Ansonsten habe ich jetzt die Chance genutzt, monatsweise finanziell von Insel zu Insel zu springen, indem ich bei der Deutschen Post jobbe. Im Moment müssen 23 Euro am Tag reichen, aber da ist alles dabei, auch Tanken, zum Beispiel."

Endlich Hilfe von der Regierung?

Lediglich 200 Euro aus der Corona-Soforthilfe hat sie für ihr Arbeitszimmer erhalten. Staatliche Hilfen für entgangene Honorare und für den Lebensunterhalt bisher Fehlanzeige. "Ja, da ist einfach nichts", sagt Sabine. "Das finde ich schade, dass es für Soloselbstständige oder Freischaffende so gar keine Förderung gab. Das ist schon bitter."

Arme Künstler
Die Theater-Regisseurin Sabine Sterken hat in der Corona-Krise gar keine Einnahmen mehr. Selbst Hartz IV kommt nicht in Frage, weil sie in einer Bedarfsgemeinschaft lebt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das soll jetzt besser werden. Zum zweiten Lockdown hat die Bundesregierung neue Corona-Fördertöpfe bereitgestellt. Jetzt soll auch die freischaffende Kunstszene etwas abbekommen – für ihren Lebensunterhalt – aus dem Förderprogramm "Neustart".

Mangelnde Wertschätzung der Kreativwirtschaft

Grundlage ist der Jahresumsatz von 2019. Aufgrund eines komplizierten Berechnungsverfahrens fällt die Förderung bei jedem Antragsteller individuell aus. Im Fall der Puppenspielerin Ivonne Fischer wäre der Höchstbetrag von 714 Euro monatlich drin, der jedoch versteuert werden müsste. Sabine Sterken dagegen würde lediglich 270 Euro im Monat bekommen.

Immerhin ein Zuschuss, geschenktes Geld. Die Regisseurin fühlt sich damit aber einfach nicht wertgeschätzt. "Da weiß man, wo man steht", sagt sie. "Mich ärgert einfach, dass die Kulturbranche, die Kreativwirtschaft so schnell in den Müll gedrückt wird. Dass  man ihnen als Gesellschaft sagt, okay, wir möchten, dass ihr jetzt nicht mehr arbeitet, aus den und den Gründen, was ich hygienemäßig völlig nachvollziehen kann, aber ihnen dann keine Alternative anzubieten, das finde ich nicht gerecht."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 25. November 2020 | 20:15 Uhr