Kommentar | Rettungspakete Leben retten und Wirtschaft am Leben erhalten

Der Kampf gegen das Coronavirus ist ein Kampf um die Gesundheit der Menschen und der Versuch, die wirtschaftlichen Grundlagen unserer Gesellschaft am Leben zu erhalten. Für mehr als drei Milliarden Menschen weltweit und Millionen bei uns ist "shutdown". Ein enormer Kraftakt, bei dem sich erweisen wird, wie stabil die demokratische Kultur und die wirtschaftliche Struktur unseres Landes sind. Zeit ist der entscheidende Faktor.

Wolfgang Brinkschulte, MDR aktuell Wirtschaftsexperte
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von Wolfgang Brinkschulte, MDR-Wirtschaftsexperte

Container auf einem Containerbahnhof
Die Gesundheit der Menschen bestimmt die Zukunft unserer Wirtschaft. Bildrechte: imago images/Sven Simon

Noch breitet sich das Coronavirus weiter aus. Die vielen Infizierten, die zunehmenden Toten sind eine humanitäre Tragödie. Eine, die unsere hochentwickelte und erfolgreiche Volkswirtschaft unvorbereitet und ins Mark trifft. Auch wenn wir über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt verfügen und seit Jahren Exportweltmeister sind, hängt unsere Zukunft am seidenen Faden von Zahlen und Zeit, Infektionsraten und Krisendauer.

Gesundheitspolitisch können wir nur hoffen, dass es unseren Kliniken gelingt, den erwarteten Ansturm an Patienten zu bewältigen. Dass das Krankenhauspersonal durchhält, Ersatz und zusätzliche Kräfte rekrutiert und Medikamente und Beatmungstechnik herbeigeschafft werden können. Die sogenannten italienischen Verhältnisse unbedingt verhindert werden können.

Noch nie stand die Gesundheit unserer Bevölkerung so zur Disposition, war sie in Friedenszeiten so entscheidend für das Wohlergehen unserer Volkswirtschaft. Wer hätte noch vor wenigen Wochen geglaubt, dass der größte Autokonzern der Welt, der mobile Nucleus der deutschen Industrie, die Produktion im eigenen Land einstellt. Dass Handel, Gewerbe und Dienstleistung fast völlig zum Erliegen kommen. Deutschland im Stillstand.

Existenzielle Fragen

Das Coronavirus konfrontiert uns mit existenziellen Fragen. Die Gesundheit der Menschen bestimmt die Zukunft unserer Wirtschaft. Eine einfache Logik, deren Tragweite täglich neu unter Beweis gestellt wird.

Derzeit müssen Ärzte nicht nur in Frankreich entscheiden, dass Patienten über 80 nicht mehr künstlich beatmet werden. Die entsetzlichen Bilder aus Italien mit den Militärlastern, die Leichen abtransportieren, bringen unsere Vorstellung von einem guten Leben ins Wanken.

Und es geht profan um die eigene berufliche und private Existenz und um die Leistungsfähigkeit und wirtschaftliche Zukunft unserer Gesellschaft.

Notwendige Hilfsmaßnahmen

Da ist es gut, dass die Bundesregierung in einem nie dagewesenen Tempo und in großer Einigkeit Liquiditätshilfen für drei Millionen Solo-Selbstständige, Handwerker und Freiberufler beschlossen hat. "Arbeit für zehn Millionen Menschen", wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Deutschen Bundestag vortrug.

Ein Schutzschirm von 50 Milliarden Euro. Richtig. Kredite und Garantien für Firmen, die dazu beitragen, "dass die Pandemie am Ende nicht Strukturen zerstört, die über 70 Jahre gewachsen sind", wie Altmaier sagte.

Milliardenzusagen an Unternehmen

Da ist es auch allzu verständlich, dass ein Nachtragshaushalt beschlossen wurde. 156 Milliarden Euro. Ein Novum, geschuldet der Aufgabe und der Vorsorge, Infrastruktur und Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft stabil zu halten.

An diesem Freitag wird der Bundesrat, die Länderkammer, in einer weiteren Sondersitzung die Gesetze zur Corona-Krise billigen. Soviel Einigkeit war nie. Und das ist gut so.

Solidarität und Konsens

Das Coronavirus ist ein Ereignis von einer atemberaubenden Größenordnung. Selbst in Kriegszeiten blieben Kinos, Cafés und Kaufhäuser geöffnet. Jetzt haben sich unsere Städte in Geisterstädte verwandelt. Entscheidende Grundrechte sind vorübergehend außer Kraft gesetzt. Die Bewegungsfreiheit und Wirtschaftstätigkeit sind eingeschränkt, der Warenverkehr noch intakt.

Ist die jetzige Pandemie eine Bedrohung, vor der uns Wissenschaftler, auch bei uns, seit mindestens zehn Jahren gewarnt haben? Eine Bedrohung durch unbekannte Viren? Ist die jetzige Krise der Preis dafür, dass unsere hochentwickelten Gesellschaften zu sehr damit beschäftigt waren, nach Gewinn zu streben, Land und Arbeit auszubeuten, wo immer sie konnten?

In den letzten Wochen wird immer öfter auf die Finanzwelt verwiesen, die im letzten Jahrzehnt zusammenbrach und zeigt, dass der Kreislauf des Geldes auf der Welt von einer Selbstverständlichkeit abhängt: der Gesundheit der Bürger.

Bei allen Fragen, auf die eine adäquate Antwort noch gesucht werden muss, scheint klar: die Bewältigung der Krise gelingt nur, wenn neben einem weitgehenden Konsens in der Politik, auch Solidarität bei den Sozialpartnern funktioniert. Das Bemühen der Unternehmen, die Mitarbeiterschaft zu halten, trotz Umsatzeinbußen und drohender Verluste, ist ein gutes, notwendiges Zeichen.

Es kommt der Tag, an dem Werkstore und Kaufhäuser wieder öffnen. Bis dahin braucht es das Durchhaltevermögen, das Bundes- und Landesregierungen in Form von Finanzhilfen, Bürgschaften und Krediten unterstützen wollen.

Krisenbewältigung und Demokratievertrauen

Dank der heldenhaften Arbeit von ÄrztInnen, Pflegern und Wissenschaftlern werden wir diese Krise überstehen. Noch bleibt die Frage, zu welchen Kosten. Volkswirtschaftlich, betriebswirtschaftlich, vor allem aber auch demokratiepolitisch.

Wie leben, arbeiten und wirtschaften wir nach Corona? Viele meinen jetzt schon, nach Corona könne nicht so sein wie vorher. Die Krisenbewältigung ginge weiter. Vieles spricht dafür. Schock und Unsicherheiten auf der einen Seite und Nachholbedarf einer auf dauerhaften Konsum ausgerichteten Gesellschaft auf der anderen. Doch womöglich stellen sich für manche Branchen die Zukunftsfragen noch brennender als vielleicht vor einem Jahr.

Die besondere Herausforderung wird darin bestehen, die Zeit bis nach Corona politisch zu bewältigen. Da ist nicht nur die Frage nach der Dauer. Da geht es vor allem darum, welche Kultur in Unternehmen die Mitarbeiter durch diese Krise lotst. Und wie Politik und Politiker die noch wachsenden wirtschaftlichen Probleme bewältigen. Wie transparent sie kommuniziert werden, und ob die vielbeschworene Solidarität bei den Bürgern ankommt. Eine historische Chance, mit der einmal mehr bewiesen werden kann, dass nur der demokratische Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft in der Lage sind, eine solche Krise zu meistern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. März 2020 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 11:05 Uhr

21 Kommentare

Werner Original vor 1 Wochen

In dieser, auch jeder x-beliebigen Krise, zeigt sich, wer in der jeweiligen Regierung nach Sachverstand, und wer nach Gefolgschaft den Posten erhalten hat. Das wirkt wie ein Sieb(*). Widerspruch & Kritik, Normalität in einer Demokratie, hat in einem Konstrukt, wo nach Gefolgschaft und "Haltung" ausgewählt wird, egal in welchem Land, kaum Chancen, und wird mit bekannten Mitteln bekämpft. Hatte in der DDR auch so funktioniert - mit "Westfernsehen", den bekannten Behinderungen und dem Schwarzen Kanal als Gegenpropaganda. Auch in dieser Krise dürfte es egal sein, ob man sie auf die politisch-ideologische Ebene verlagern will - es zählt die fachliche Fähigkeit von Personen einer Regierung, eine Krise im Sinne ihrer Bevölkerung & Wähler, möglichst unbeschadet zu überstehen - dafür sind sie gewählt. Ideologie und "Haltung" sind dabei unwichtig - es zählen Gemeinschaftssinn und Solidarität - und was am Ende rauskommt. Kann das die Regierung?: JA / NEIN. (*) der erste Spahn liegt schon Quer...

Klaus vor 1 Wochen

Nein, das sind nicht meine Worte.
Und das was Sie sonst schreiben, sind Ihre komische Gedanken und nicht meine.
Aber das ist Ihr Problem.
Zwischenzeitlich sind die Corona-Zahlen weiter gestiegen und deshalb möchte ich mich bei unseren Helden nochmals bedanken. Ihr macht eine guten Job, seid stolz auf eure Leistungen und lasst euch durch die Besorgten nicht demotivieren. Die sind gerade etwas nervös, weil die Zustimmung doch arg bröckelt.
Umso mehr werden die Maßnahmen unserer Regierung gelobt und das ist auch gut so.
Wir schaffen das, weil wir zusammen stehen. 😊😊😊

wo geht es hin vor 1 Wochen

Da der Kommentar sich ja auch auf die "Erhaltung der Wirtschaft" bezieht: der MDR sollte sich mal in die Spur begeben und die angeblichen "Soforthilfen" für kleine und mittelständische Betriebe genauer unter die Lupe nehmen. Ich habe heute mal spasseshalber die Seite der SAB besucht. Eine unglaubliche Menge an Voraussetzungen und Fragen sind da zu erfüllen, mit dem Ergebnis, dass man sowieso keinen Kredit bewilligt bekommt. Wo wir bei der Frage KREDIT wären. Ein Kredit muss ja eigentlich irgendwann mal zurückgezahlt werden. WIE bitte soll das funktionieren? Zeit zum arbeiten, die ungenutzt weg ist, kann man nicht mehr zurückholen. Oder doch? Laut Altmaier wäre es ja möglich, das mit Überstunden/Doppelschichten ja wieder aufzuholen. Ich lade Altmaier herzlich in meinen Betrieb ein, mir das vorzumachen. Vielleicht schmilzt da die Wohlstandswampe. Und noch eins: Dresden zahlt jedem Kleinstunternehmer mit Sitz IN DRESDEN 1000 € Zuschuss. Die im Umland gucken in die Röhre. Danke für nichts!