Kommentar Das tragische Scheitern von AKK

Annegret Kramp-Karrenbauer gibt ihren Lebenstraum auf. Sie kündigt ihren Rücktritt als Parteivorsitzende an und verzichtet auf eine Kanzlerkandidatur. Ihr hilfloses Agieren in der Thüringenkrise war wohl nur noch der letzte Anlass für ihre Entscheidung. Doch die Saarländerin ist nicht nur an der Zerrissenheit ihrer Partei gescheitert, sondern auch an der Übermacht von Angela Merkel.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR Aktuell

Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der CDU
Annegret Kramp-Karrenbauer kündigte an, auf eine Kanzlerkandidatur zu verzichten. Auch den Parteivorsitz will sie abgeben. Bildrechte: dpa

Chefs machen oft den Fehler, sich schwache Nachfolger zu suchen. Damit soll der eigene Ruhm nicht verblassen. Dieser Versuchung konnte offenbar auch Angela Merkel nicht widerstehen. Viele waren überrascht, als sie 2018 nach der Bundestagswahl die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zur Generalsekretärin und damit auch zu ihrer Kronprinzessin erwählte. Sicher hatte sich AKK ein paar Lorbeeren erworben, weil sie eine rot-rot-grüne Koalition im Saarland verhindert hatte. Aber das Saarland, wo sich jeder kennt, ist eben nicht die Bundeshauptstadt Berlin, wo die Steigerung von Parteifreund oft Feind ist.

Kronprinzessin von Merkels Gnaden

Schon ihre Wahl zur Parteivorsitzenden im Dezember 2018 war ein wackliger Kompromiss. Eigentlich wollte schon da die Mehrheit in der CDU eine Kurskorrektur. Weniger politische Mitte, wieder mehr konservatives Profil.

Tim Herden
Tim Herden ist Hauptstadtkorrespondent für MDR AKTUELL. Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Aber Friedrich Merz galt damals zu sehr als Mann der Vergangenheit und noch dazu war er der Intimfeind von Angela Merkel. Seine Wahl zum Parteichef wäre einem Misstrauensvotum gegen die Kanzlerin gleichgekommen. Doch die CDU brauchte Merkel damals noch.

Annegret Kramp-Karrenbauer konnte nie wirklich aus dem Schatten der Kanzlerin heraustreten, wirkte eher wie ihre Vorzimmerchefin. AKK kassierte nun die Niederlagen bei Landtags- und Europawahlen, die immer noch auf das Konto von Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise gingen. Gegen das Erstarken der AfD, besonders in Ostdeutschland, fand sie kein Konzept. Völlig unvorbereitet traf die CDU-Vorsitzende die Klimadebatte. Der Auftritt eines Bloggers warf sie aus der Bahn.

Überforderung durch Doppelbelastung

Merkel hielt sich geschickt aus den Niederungen der CDU-Parteipolitik heraus und ließ Kramp-Karrenbauer machen. Die Kanzlerin hielt AKK auch nicht davon ab, neben dem Amt der Parteivorsitzenden noch das desolate Verteidigungsressort zu übernehmen, an dem schon Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière gescheitert waren. War es Hybris oder der Versuch zu beweisen, dass sie beides kann, Parteivorsitz und Regieren? Sie konnte es nicht. Hilflos wirkte ihr Versuch auf dem CDU-Parteitag in Leipzig, die Partei auf sich einzuschwören. Merkel genoss es unterdessen, weiter die Strippenzieherin in der Union zu sein.

Bloßstellung durch die Kanzlerin

Doch in der Thüringenkrise hat es Merkel dann überzogen und Kramp-Karrenbauer bloßgestellt. Während Kramp-Karrenbauer in endlosen Gesprächen mit der Thüringer CDU versuchte, die Krise zu lösen, zeigte Merkel, wie man es machen muss. Erst flog der Ostbeauftragte für seinen Beifallstweet zur Wahl Kemmerichs aus dem Amt, dann nahm sie den Hörer in die Hand und erklärte FDP-Chef Lindner, dass Kemmerich sofort gehen müsse. Und so lief es dann auch. Das war eine öffentliche Ohrfeige und Demütigung für Kramp-Karrenbauer und Demonstration ihrer Führungsschwäche. Kramp-Karrenbauer hatte keine andere Möglichkeit, als das Handtuch zu werfen.

Neuanfang geht nur ohne Merkel

Annegret Kramp-Karrenbauer hat Recht, wenn sie fordert, Kanzlerschaft und Parteivorsitz müssten zukünftig wieder in einer Hand liegen. Das Projekt "Doppelspitze" ist jedenfalls gescheitert. Für die CDU wäre es klug, diese Zukunft würde bald beginnen und nicht erst nach der nächsten Bundestagswahl, sonst droht der Union weiter eine anhaltende Zerreißprobe.

Deshalb kann ein Neuanfang in der CDU nur ohne Annegret Kramp-Karrenbauer gelingen, und auch nur ohne Angela Merkel. Wer sich der Herausforderung stellt, muss freie Hand haben, die Balance zwischen der politischen Mitte und einem modernen Konservatismus herzustellen und zugleich zeigen können, dass er eine Regierung führen kann, auch wenn das von der SPD abhängt, ob sie einen neuen Kanzler der Union mitwählt. Gelingt das nicht, droht auch der CDU das Ende der Volkspartei.      

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Februar 2020 | 14:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2020, 18:48 Uhr

22 Kommentare

Sachsin vor 6 Wochen

Kanzlerin Merkel sollte sagen: tarallala ich machs noch mal
mit ihr haben wir seit 2005 Wohlstan und Sicherheit, verdopplung der Einkommen bei fast gleichen Ausgaben, Reisen seit Jahren 3 statt 1x und erhöhten Lebensstandard bei höherer Lebenserwartung wenn weiter Frieden bleibt und nie wieder Nazis Deutschlan übernehmen

wo geht es hin vor 6 Wochen

Endlich mal jemand, der die grossen Zusammenhänge anschneidet. Das aber hier weiter zu vertiefen, ist HIER vergebene Liebesmüh, auch weil es viel mühevolle Recherche erfordert. Trozdem klasse Kostanze!

Sachse vor 6 Wochen

@Altmeister 50: Ihr Szenarium besitzt einen sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrad. Denn:
"Es wird ganz Deutschland einstmals Merkel danken.
In jeder Stadt steht Merkels Monument.
Dort wird sie sein, wo sich die Reben ranken,
Und dort in Kiel erkennt sie ein Student.
In Merkels Namen wird sich Deutschland einen.
Sie ist es, die den Frieden uns erhält.
So bleibt sie unser und wir sind die Ihren,
Und Merkel, Merkel heißt das Glück der Welt."
Frei nach Johannes R. Becher