Die Medienschau

Deutsche Kommentare zum Merkel-Besuch bei Erdogan

"Es gibt kein Entrinnen aus diesem Dilemma", schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung : "Europa und damit auch Deutschland sind und bleiben in der Flüchtlingsfrage erpressbar. Entweder sie beugen sich den türkischen Forderungen nach mehr Geld, so wie jetzt Angela Merkel in Ankara, oder es droht womöglich eine Fluchtwelle. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat es in der Hand."

Ähnlich argumentiert das Neue Deutschland : "Erdogan weiß um die geostrategisch wichtige Lage der Türkei. Damit pokert er, und er lässt sich das Abkommen mit 6 Milliarden Euro von der EU bezahlen. Von Zeit zu Zeit fordert er Nachschlag."

Anders sieht es der Reutlinger Generalanzeiger : "Natürlich darf man sich nicht täuschen lassen. Erdogan ist ein Nationalist. Er wird auch in Zukunft immer wieder auf die Pauke hauen. [...] Doch zur Wahrheit gehört auch, dass sich die Türkei trotz aller Drohungen in Richtung Europa an den Flüchtlingspakt hält."

Und die Stuttgarter Nachrichten kommentieren: "Erdogan versucht, die Europäer wachzurütteln. Das kann man ihm angesichts der Geht-mich-nichts-an-Haltung Europas in den ersten Jahren des Syrien-Krieges nicht verdenken. In Libyen hat Europa ähnlich versagt. Zuerst wirkten viele EU-Staaten am Gaddafi-Sturz mit, dann überließen sie das Land seinem Schicksal und wachten erst auf, als die ersten Flüchtlingsboote kamen."

Auf Spiegel.de ist Folgendes zu lesen: "Den Europäern hilft, dass Erdogan von ihnen mindestens genauso abhängig ist wie sie von ihm. Der türkische Präsident ist in der Außenpolitik ein Scheinriese. Er droht damit, den Flüchtlingsdeal mit der EU aufzukündigen, obwohl seine Regierung das Geld dringend braucht, um die rund dreieinhalb Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei zu versorgen."

Daran schließt die Freie Presse aus Chemnitz an: "Will Erdogan mehr Investitionen aus den EU-Staaten, muss er die Gerichte reformieren, Meinungsfreiheit gewähren und das Land zurück in die Demokratie führen. Das eine kann er nicht ohne das andere haben."

Abschließend die Frankfurter Allgemeine Zeitung : "Wer wie Merkel der Türkei Hilfe in Aussicht stellt, um das Elend der Flüchtlinge in der Türkei oder auch schon in Syrien zu lindern, verrät weder die eigenen Werte, noch schadet er seinen Interessen. Doch muss Erdogan bei jeder Gelegenheit verdeutlicht werden, dass Deutschland wieder Grenzen kennt - auch des Entgegenkommens."

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2020, 22:50 Uhr