Unter der Lupe 8. Mai: Tag der Befreiung, Trauertag oder Niederlage?

Am 8. Mai 1945, dem Kriegsende in Europa, scheiden sich 75 Jahre danach die Geister. War es ein "Tag der Befreiung" oder doch eine militärische Niederlage? Ist es ein Feiertag, wie in diesem Jahr in Berlin, oder doch nur ein Trauertag, vor allem um die deutschen Opfer? Viele sind für einen Schlussstrich, wollen nicht weiter allein die Deutschen für den Zweiten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten verantwortlich machen. Da ist was schief gelaufen in der deutschen Erinnerungskultur.

Nach den heftigen Kämpfen um die Reichshauptstadt Berlin im April 1945 stehen Soldaten der siegreichen Roten Armee vor dem Brandenburger Tor.
Nach den heftigen Kämpfen um die Reichshauptstadt Berlin im April 1945 stehen Soldaten der siegreichen Roten Armee vor dem Brandenburger Tor. Bildrechte: dpa

In diesem Jahr ist am 8. Mai alles anders. Wegen Corona. Zum runden Jubiläum kein Staatsakt mit Staatsoberhäuptern der Siegermächte. Nur eine stille Kranzniederlegung an der Neuen Wache "Unter den Linden" und kurze Ansprache des Bundespräsidenten ohne Publikum. Im deutsch-russischen Museum in Karlshorst, wo die Kapitulationsurkunde unterschrieben wurde, stößt 23.15 Uhr niemand an auf den Frieden. Auch in Moskau einen Tag später keine waffenrasselnde Parade.

Ist es vielleicht ein Wink des Schicksals? Ohne die Rituale könnte man darüber nachdenken, was uns der 8. Mai noch bedeutet. War es ein "Tag der Befreiung", wie es schon in der DDR hieß, lange bevor ihn 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag so nannte? Oder ist es nur der Tag der Niederlage der Wehrmacht gegenüber einer übermächtigen Streitmacht der Alliierten? Das rechtfertigte besonders für die Bundeswehr lange die Verehrung deutscher Wehrmachts-Heerführer als Helden, auch wenn dabei ihre Verbrechen einfach ausgeblendet wurden. Oder ist es einfach ein Tag der Trauer, über die Verluste von Menschenleben oder auch von Heimat?

Eine neue Schlussstrich-Debatte?

Eine knappe Mehrheit der Deutschen will darüber offenbar nicht mehr nachdenken. In einer Umfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" sprechen sich 53 Prozent dafür aus, einen Schlussstrich zu ziehen. Das Ergebnis stellt unsere Erinnerungskultur in Frage. Offenbar erreichen die vielen Appelle, Mahnungen und Verweise auf die deutsche Schuld viele Menschen nicht mehr. Überraschend ist dabei die Zustimmung besonders in der Generation der 22- bis 44-Jährigen. Sie hat sich ja nun in der Schule ausgiebig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt. Vielleicht war aber die Methode falsch. Jemand meinte letztens, man habe sie mit dem Thema ermüdet.

Altbundespräsident Joachim Gauck hat bereits 2019 in einem "Spiegel"-Interview gewarnt, eine unschuldige Generation mit Schuld zu infizieren: "Die Jungen müssen wissen, was geschah … aber du sollst ihnen nicht das Gefühl der Scham oder der Schuld implementieren, weil Schuld individuell ist. Die Nachgeborenen aber haben keine Schuld. Sie sind junge Deutsche, andere Deutsche." Als Folge sieht er, dass viele Deutsche basale Fähigkeiten des Selbstvertrauens eingebüßt haben. Das Gefährliche daran: Ihre Unsicherheit macht diese Menschen anfällig für neue falsche Heilsversprechen.

Der deutsche Blick richtet sich zu sehr auf die eigenen Opfer

Eine andere Beobachtung: Die Deutschen sehen sich immer mehr als Opfer dieses Krieges, weniger durch das Nazi-Regime, sondern vielmehr durch die Sieger. Natürlich müssen die Verbrechen durch die russische Armee an deutschen Frauen zum Ende des Krieges benannt werden. Aber warum redet kaum jemand in Deutschland über die Hunderttausenden, wenn nicht sogar Millionen wehrlosen sowjetischen Frauen, Kinder und Alten, die auf dem Weg der Wehrmacht nach Moskau und wieder zurück verschleppt, gefoltert und ermordet wurden? Wir reden viel über den 13. Februar 1945 in Dresden, aber sehr selten über die Opfer der deutschen Bombardements auf englische Städte. Es gewinnt die Legende Zulauf, dass die Deutschen nicht mehr Verantwortung für den Nationalsozialismus, für Diktatur, für Kriege und Verbrechen als andere Länder tragen.  Laut Umfrage in "Die Zeit" stimmt dem eine Mehrheit von 58 Prozent voll und ganz oder eher zu. Das deutsche Mitgefühl mit den Opfern fokussiert sich vor allem  auf den Holocaust und die Millionen jüdischer Opfer. Aber der zunehmende Antisemitismus in unserer Gesellschaft spricht dafür, dass auch da unsere Art zu Gedenken nicht richtig funktioniert. Es sind meist nicht arabisch-stämmige Zuwanderer, die Hakenkreuze auf jüdische Gräber schmieren, sondern verblendete Deutsche. Und die Theorie von der angeblichen jüdischen Weltverschwörung findet neuerdings wieder mehr Anhänger in Deutschland.

Möglicherweise ist es die weitgehende Reduzierung unseres deutschen Geschichtsbildes auf diese furchtbaren zwölf Jahre des Nationalsozialismus mit seinen weltweiten Auswirkungen. Ohne Frage: Diese Verbrechen sind singulär und einmalig, eben kein "Vogelschiss". Sie dürfen auch nicht relativiert werden. Aber vielleicht würde uns Deutschen dieser unverzeihliche Zivilisationsbruch eher bewusst werden, wenn wir uns – und zwar nicht nur durch den Geschichtsunterricht in der Schule oder als Debatte im Feuilleton der Zeitungen – klar machen, was Deutschland davor ausmachte - nicht nur als Plattitüde "Land der Dichter und Denker". Da hatten wir 2017 das Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation" inklusive Feiertag, aber wen hat es interessiert und wem ist wirklich noch bewusst, was Luthers Thesenanschlag von 1517 für die Weiterentwicklung des Weltbildes bedeutete? Es reicht eben auch nicht, die Anfangszeilen von Goethes "Osterspaziergang" zitieren zu können und gleichzeitig nicht zu wissen, was die deutsche Aufklärung und Klassik für ein kultureller Aufbruch war. Das betrifft auch den Stolz auf deutschen Erfinder- und Forschergeist. Ohne Lilienthal wäre die Geburt der Luftfahrt nicht denkbar, ohne Bertha Benz Deutschland keine Auto-Nation. Oft wird jetzt in der Corona-Krise das Paul-Ehrlich-Institut erwähnt, aber wer weiß noch, dass sein Namensgeber jüdischer Herkunft die moderne Chemotherapie begründete? Man kann die Aufzählung endlos fortsetzen.  

Tim Herden, Studioleiter des MDR Fernsehens im ARD-Hauptstadtstudio und Krimi-Autor
Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Man muss diese deutsche Geschichte vom Mittelalter bis 1933 wieder mehr erlebbar machen. Man muss sie einfach kennen. Es geht auch. Längst sind viele Museen nicht nur Lagerhallen für verstaubte Glasvitrinen, sondern visuelle Erlebniswelten. Nur finden wenige dorthin. Digitale Lernlandschaften können aus Klassenzimmern stupiden Frontalunterricht vertreiben. Aber sie werden kaum genutzt oder wie wir gerade erleben, können kaum genutzt werden. Stolz auf das Deutschland vor dem Nationalsozialismus zu sein, ist nicht falsch, sondern richtig: Ein Stück gesunder Patriotismus, der uns fehlt und sich nicht auf die deutsche Fußballnationalmannschaft reduziert. Damit könnten besonders die jungen Generationen, wenn es demnächst keine Zeitzeugen mehr gibt, besser nachempfinden, was durch den Nationalsozialismus verloren ging, verbrochen wurde und warum der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war. Dazu gehört auch die bittere Erkenntnis,

dass die Deutschen damals von sich selbst befreit werden mussten und in dem Moment sich alles andere als befreit fühlten.

Jörg Morré deutsch-russisches Museum in Berlin-Karlshorst

Es war so auch eine Niederlage der früheren eigenen moralischen Ansprüche und Traditionen der Deutschen, die viele Millionen Opfer forderte, auch in Deutschland. Um die es zu trauern gilt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Mai 2020 | 09:05 Uhr