Zweiter Weltkrieg - Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht-Führung am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst
Feldmarschall Wilhelm Keitel (Mitte), Oberkommandierender der Wehrmacht, unterschrieb am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde der deutschen Wehrmacht. Zwei Tage zuvor hatte Alfred Jodl im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, die am 8. Mai in Kraft trat und damit den Zweiten Weltkrieg in Europa beendet. Der Akt wurde in Berlin von Feldmarschall Keitel mit den sowjetischen Vertretern wiederholt. Russland feiert deshalb das Kriegsende am 9. Mai. Bildrechte: IMAGO

Unter der Lupe | Kolumne 8. Mai: Weniger Säbelrasseln, mehr miteinander reden

Vor 74 Jahren wurde in Berlin die Kapitulation Deutschlands besiegelt. Der 8. Mai gilt seitdem für die einen als Tag des Kriegsendes, für die anderen als Tag der Befreiung. So ein richtiges Verhältnis haben die Deutschen zu diesem Ereignis noch nicht gefunden, auch weil es immer um das schwierige Verhältnis zu Russland geht. Gerade aber in einer Zeit, wo wieder viel über Kriegsgefahr und Bedrohung geredet wird, sollten wir Deutschen eher auf Dialog statt auf Konfrontation setzen.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Zweiter Weltkrieg - Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht-Führung am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst
Feldmarschall Wilhelm Keitel (Mitte), Oberkommandierender der Wehrmacht, unterschrieb am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde der deutschen Wehrmacht. Zwei Tage zuvor hatte Alfred Jodl im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, die am 8. Mai in Kraft trat und damit den Zweiten Weltkrieg in Europa beendet. Der Akt wurde in Berlin von Feldmarschall Keitel mit den sowjetischen Vertretern wiederholt. Russland feiert deshalb das Kriegsende am 9. Mai. Bildrechte: IMAGO

Vor zwanzig Jahren lernte ich Wassili Ustjugow kennen. Es war der 18. April 1999. Die Eröffnung des neu gestalteten Reichstags fand am nächsten Tag, statt. Berlin wurde wieder zur deutschen Hauptstadt.  Wir hatten in der ARD die Idee, einen der letzten sowjetischen Soldaten nach Deutschland zu holen, die den Reichstag in den letzten Apriltagen 1945 erobert hatten. 

Begegnung mit sowjetischem Veteran

Wassili Ustjugow war mit 200 Kameraden an der Prenzlauer Allee mit seiner Panzerjägereinheit in diese letzte Schlacht des Krieges geschickt worden. Vier Soldaten erreichten den Reichstag. Ich sah seine Tränen in der Gedenkstätte Berlin-Schönholz, wo die Toten seiner Einheit beerdigt worden waren.

Ein Soldat hisst 1945 die sowjetische Flagge auf dem Reichstag
Ein Rotarmist hisst 1945 die sowjetische Flagge auf dem Reichstag. Bildrechte: dpa

Als wir vor dem Reichstag standen, wusste er noch ganz genau, wo seine Kanone gestanden hatte. Er erinnerte sich, wie er die letzten Stufen zum Westportal des Reichstags im Sturmangriff nahm, unter der Inschrift "Dem deutschen Volke". Sicher dachte Wassili Ustjugow im Kampf mehr an sich, an sein Land. Aber er eroberte dieses Gebäude auch für das deutsche Volk zurück.

Als wir dann den sanierten Reichstag besichtigten, strich er mit zitternder Hand über die Inschriften sowjetischer Soldaten im Nordflügel aus den Maitagen des Jahres 1945. Über ihren Erhalt war lange gestritten worden. Ustjugow hatte sich dort nicht verewigen dürfen, weil die Kampfeinheiten sofort nach der Eroberung des Reichstags abgezogen worden waren. Es war einer der emotionalsten Drehs als Journalist. Es war, als würde ein Stück Geschichte noch einmal lebendig werden.

Entfremdung zwischen Deutschland und Russland

Das ist lange her. Heute ist uns oft Russland ferner als damals in den Neunzigern, als Gorbatschow unser Held war, Jelzin nicht gerade nüchtern in Berlin Orchester dirigierte und etwas später Putin im Bundestag sprach. Doch nun haben wir uns entfremdet.

Sicher hat es auch mit der russischen Politik zu tun. Die Annektion der Krim, die Auseinandersetzungen mit der Ukraine. Aber es hat vielleicht auch mit unserem Selbstverständnis zu tun. In der Politik, gerade in der Union, tun sich viele immer schwer mit dem Wort "Befreiung", wenn es um den 8. Mai 1945 geht.

Der Schauspieler Christian Grashoff, selbst Kriegskind und Flüchtling, aber auch Beobachter der Gesellschaft, charakterisierte vor Kurzem in einer Veranstaltung sehr treffend die vorherrschende deutsche Sicht auf den Zweiten Weltkrieg: "Man habe den Krieg nicht verloren, sondern nur nicht gewonnen."

Fehlende Sensibilität für russische Bedenken

Gerade was Russland angeht, fehlt es dabei auch für mich an Sensibilität. Vor einigen Jahren gab es im Bundestag eine Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Libanon. Viele Abgeordnete bewegte, ob man mit Blick auf unsere deutsche Vergangenheit wirklich deutsche Soldaten so nah an Israels Grenzen stationieren könne.

Tim Herden
MDR-Hauptstadtkorrespondent Tim Herden Bildrechte: MDR

Diese Debatten gab es nicht, als es darum ging, Bundeswehrsoldaten in die baltischen Länder zu entsenden, nah der russischen Grenze. Da spielten 20 Millionen Tote auf sowjetischer Seite im Zweiten Weltkrieg in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Aber dieses Trauma der Russen spielt bei ihren sicherheitspolitischen Überlegungen immer eine Rolle.

Deshalb wäre es besser, statt Truppen an der Ostgrenze der Nato zu stationieren, im Nato-Russland-Rat darüber zu reden, wie man das Verhältnis wieder entspannen könnte - ohne Diktat von Vorbedingungen. Doch es herrsche ein neuer Kalter Krieg, bilanziert Horst Teltschik, ehemaliger Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, früher Berater im Kanzleramt von Helmut Kohl.

Die Krim sei nicht Problem Nummer eins, meinte er im Deutschlandfunk, "sondern was mir am meisten Sorge macht ist, dass wir vor einem gewaltigen neuen Wettrüsten stehen". Und da legen nicht unbedingt die Russen vor. Sie haben im letzten Jahr ihre Rüstungsausgaben um 3,5 Prozent gekürzt.

Verhandlungen statt weiterer Konfrontation

Wie im letzten Kalten Krieg in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts müssen Nato und Russland über Abrüstung verhandeln. Auch nur über Verhandlungen wird man die Probleme zwischen der Ukraine und Russland aus der Welt schaffen können.

Allerdings sollten da nicht nur die Sicherheitsinteressen der Ukraine, sondern auch Russlands eine Rolle spielen. Zum anderen braucht man Russland, um internationale Konflikte wie in Syrien zu lösen. Jedes Ignorieren dieser Tatsache kostet Menschenleben, weil es die Kriege dort oder anderswo verlängert.   

Besondere deutsche Verantwortung

Gerade wir Deutschen sollten dabei vorangehen, um das Verhältnis zu Russland wieder zu normalisieren. Und dabei nicht nur mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg. 1990 sprang Michail Gorbatschow über seinen Schatten als Staatschef der damaligen Sowjetunion und hat uns durch sein Einverständnis und mit sehr großem persönlichen Risiko bei den Strickjackentreffen auf der Krim mit Helmut Kohl - wie man es auch immer sehen mag - zum zweiten Mal befreit: von der deutschen Teilung. Aber wir sind es auch heute noch Wassili Ustjugow schuldig, weil er 1945 sein Leben für die Befreiung Deutschlands riskierte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Mai 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2019, 05:00 Uhr

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43 Kommentare

09.05.2019 19:35 Wessi @ Tim Herden 43

In gewisser Weise hat hier "Anton" nicht so ganz Unrecht.Ich verweise ausdrücklich darauf, daß das Wort "collaboration" (eigentlich heisst das nur "Zusammenarbeit") bis heute für "Zusammenarbeit" ein nogo-Wort für viele Franzosen ist und durch das Wort "cooperation" ersetzt wird, denn es hat den Sinn der bedingungslosen Mitarbeit vieler Franzosen mit den Besatzern derzeit bekommen.Über die moralische Legitimation Pétains (Mehrheitsdenke)+den histor. Antisemitismus ließe sich streiten.Völlig falsch ist die Behauptung der Franzosen, alle wären in der Résistance gewesen. Völlig richtig allerdings, daß durch vielfache Unterstützung der Mitbürger prozentual v.allen besetzten Länder die wenigstens Juden deportiert wurden.(Semlin) - Die Haltung zu Russland westlich d.Elbe ist sehr zwiespältig.Adenauer wirkt nach.

09.05.2019 11:10 Mentor an #38 42

Nachtrag: Im Übrigen gehören diese Gebiete zu Weißrußland und der Ukraine. Wollen Sie Weißrußland und die Ukraine verkleinern, damit Polen Gebiete bekommt, die ihm nicht zustehen?

09.05.2019 09:54 Mentor an Gerd Müller #38 41

Die Rechnung geht insofern nicht auf, als daß Polen östlich der Curzon-Linie (Sprachgrenze) nichts verloren hat. Sie wollen doch wohl nicht die Gebiete, die Polen im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919-21 mit Waffengewalt annektiert hat, und die sich die Sowjets 1939 kampflos zurückgeholt haben, Polen zuschlagen?

09.05.2019 08:49 Mentor an Peter #35 40

"fragen Sie sich manchmal, warum die Esten, Letten, Litauer und Polen eine solche Angst vor ..." Ja klar. Die lassen sich Ihre Angst gut bezahlen. Haben Sie das nicht mitbekommen? Putins Großmachtstreben? Komplett indoktriniert? Nicht Putin hat den Warschauer Vertrag ausgeweitet, sondern die Nato hat sich bis vor die Petersburger Haustür ausgeweitet. Wer praktiziert denn hier Großmachtstreben???

09.05.2019 07:59 Mentor 39

Wenn das Verhältnis zu Rußland belastet ist, liegt das nicht an Rußland sondern an deutscher Propaganda. Nicht Rußland hat Deutschland angegriffen sondern 3 mal haben Deutsche Rußland angegriffen (1812 unter Napoleon, 02.08.1914 Kalisch, Tschenstochau, Bendzin sowie 1941 mit einem Vernichtungskrieg). Verschlechtert hat sich das Verhältnis, nachdem Putin die Plünderung der Bodenschätze durch westliche Konzerne beendet hat. Dem Jelzin mit seinem Dauer-Ischias, der seine zweite Amtzeit bekanntlich der CIA verdankte, war das egal. Was die Rüstung angeht: einfach mal die Zahlen ansehen: USA 649 Mrd, Rußland 61 Mrd. Da sind die übrigen Natostaaten noch nicht mal erwähnt. Wer treibt denn hier die Rüstungsspirale weiter an, indem er dafür 2 % des BIP verheizen wil???

09.05.2019 07:44 Gerd Müller 38

Polen kann doch ihre Gebiete von Russland zurück fordern, wir von Polen. Russland bekommt das Baltikum wieder und schon sind alle zu frieden.
Dann ist die Geschichte wieder in Ordnung.
@Peter, das wäre doch eine gute Lösung auch für Sie

08.05.2019 23:13 real_silver 37

Sollte daran erinnern, was wir dem Sozialismus bislang so zu "verdanken" haben, egal ob er sich links oder rechts nennt. Wobei sich ja bekanntermaßen führende Nazis damals selbst nie als rechts bezeichnet hatten, aber das wird ja heute gerne "vergessen". Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, wenn er sich die Antifa anschaut.

08.05.2019 22:24 Halligalli 36

An35 Peter, auch hier aktiv, die Russen unsere Befreier? Oh man, von einer Diktatur zur nächsten, zu der von unseren Befreiern?

08.05.2019 21:44 Peter 35

@32 MarcIlm: "Feindbild Russland hart im Visier"
Fragen Sie sich manchmal, warum die Esten, Letten, Litauer und Polen eine solche Angst vor Putins Großmachtstreben haben.
Für uns sind die Sowjets Befreier. Die Menschen im Baltikum und in Polen haben ganz andere Erfahrungen.

08.05.2019 21:01 pkeszler 34

@Colditzer: "...und wer mehr die amerikanischen Interessen vertritt ist hier bei uns fehl am Platze."
Warum soll ich das ergänzen, denn das haben Sie doch schon gemacht. Ich halte auch nicht mehr von den amerikanischen Interessen, als von den russischen, sondern viel mehr von den EU-Interessen.