Tim Herden
Nimmt das Geschehen in Berlin unter die Lupe: Tim Herden. Bildrechte: MDR

Unter der Lupe | Kolumne Eine bleierne Zeit

In einer Woche wird in Hessen gewählt. In Berlin ruht in den folgenden Tagen die Politik, denn die Politiker schwärmen aus, um ihre jeweiligen Wahlkämpfer vor Ort zu unterstützen. Es könnte eine Schicksalswahl werden. Besonders für Angela Merkel. Obwohl sie sich einst von Helmut Kohl distanzierte, gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Tim Herden
Nimmt das Geschehen in Berlin unter die Lupe: Tim Herden. Bildrechte: MDR

Die Berliner Landespolitik debattiert gerade über einen Helmut-Kohl-Platz. Die örtliche CDU will da nicht kleckern, sondern klotzen. Der Große Stern mit der Siegessäule soll es sein. Der Vorgänger als Einheitskanzler, Otto von Bismarck, steht da bereits am Rand in einer Nische im Tiergarten, mehr in der zweiten Reihe. Amtsvorgänger Kohls müssen sich mit kleineren Brötchen in der Hauptstadt begnügen. Der Adenauerplatz ist eine hässliche Kreuzung am Kurfürstendamm, der Willy-Brandt-Platz die Zufahrt zum Kanzleramt.

Allerdings gibt es ein typisches Berliner Genderproblem: Bevor Kohl zum Zuge kommen kann, müssen erst im zuständigen Bezirk Tiergarten mehr Straßen mit Frauennamen getauft werden, als es bereits Wege mit Männernamen gibt. Also eine Hannelore-Kohl-Straße ginge durchaus. Der Helmut-Kohl-Platz ist in weiter Ferne.

Aber ich schweife ab. Bei mir rief diese Debatte ins Gedächtnis, dass es jetzt genau 20 Jahre her ist, dass der ewige Kanzler Helmut Kohl im September 1998 abgewählt wurde und gut einen Monat später die Amtsgeschäfte an Gerhard Schröder übergab. Damals war ich als Korrespondent in Bonn. Ich weiß noch, welche Emotionen bei manchem westdeutschen Kollegen (es gab kaum ostdeutsche Journalisten) freigesetzt wurden, als Kohls Abgang am Wahlabend klar war. Die einen waren zu Tode betrübt, die anderen "himmelhoch jauchzend". Immerhin hatte Kohl 16 Jahre dieses Land, erst nur in der alten Bundesrepublik, dann im geeinten Deutschland, geprägt.

Parallelen zwischen Kohl und Merkel

Bundeskanzler Helmut Kohl 1990
20 Jahre ist es her, dass Helmut Kohl im September 1998 abgewählt wurde. Bildrechte: IMAGO

Wenn ich heute zurückblicke auf Kohls Amtszeit, entdecke ich vermeintliche Parallelen zur Gegenwart Angela Merkels. So neigen konservative Regierungschefs offenbar zu langen Regierungszeiten: Adenauer 14 Jahre, Kohl 16, Merkel bereits 13. Sie scheinen auch ungern von der Macht zu lassen, selbst wenn sie bereits fühlen, dass ihre Zeit zu Ende geht.

Helmut Kohl verkündete auf dem CDU-Parteitag in Leipzig 1997, Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl ein Jahr später vorzuschlagen, machte dann aber die Entscheidung wieder rückgängig. Angela Merkel hat öffentlich gemacht, dass sie vor der letzten Bundestagswahl lange gezögert habe noch einmal anzutreten, um dann doch Spitzenkandidatin zu werden. Ähnlich auch, dass die vierten Amtszeiten, bei Kohl 1994 bis 1998, bei Merkel jetzt gerade, eine bleierne Zeit waren oder gerade werden.

Beiden hängt jeweils ein bestimmter Satz an. Bei Helmut Kohl waren es die "blühenden Landschaften" zur ostdeutschen Zukunft 1990, bei Angela Merkel ihr "Wir schaffen das" in der Flüchtlingskrise 2015. Auch eint sie, zunächst in den neuen Ländern gefeiert und gewählt worden, um später bei vielen dort verhasst zu sein. 

Keine Vorsorge für das politische Vermächtnis

Am Ende hatte Kohl sein politisches Erbe nicht geregelt, keinen Vollstrecker seines politischen Testaments aufgebaut. Wolfgang Schäuble schien Kohl durch seine körperliche Behinderung dem Amt des Kanzlers nicht gewachsen, was der heutige Bundestagspräsident durch sein aktives politisches Wirken bis heute widerlegt hat. Zuvor hatte Kohl 1989 auf dem Bremer Parteitag den Aufstand der innerparteilichen Opposition um Heiner Geißler und Lothar Späth im Keim erstickt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
Seit 13 Jahren im Amt: Bundeskanzlerin Merkel Bildrechte: dpa

Auch Merkel fehlt ein wirklicher Nachfolger. Sie hat um sich herum mögliche Konkurrenten nacheinander kalt gestellt, die ihrem Plan, aus einer konservativen CDU eine Partei der Mitte zu machen, im Wege standen - wie Roland Koch oder Friedrich Merz.

Nun droht ihr Ähnliches wie Kohl. Sie traut sich nicht, Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wenigstens den Parteivorsitz zu übergeben, die auch eher eine CDU in der Mitte positionieren will. Merkel hat Angst, dann als Kanzlerin von der Unionsfraktion abhängig zu sein und somit nach außen als "lame duck" zu wirken. Tut sie es aber jetzt nicht, dann steigen die Chancen für Jens Spahn, in ein oder zwei Jahren die Partei zu übernehmen und ihr wieder ein stärkeres konservatives Profil zu geben.

Nachwuchs vermeidet Machtprobe

Apropos Spahn. Er gehört zu den "jungen Wilden" in der Union, die den Machtanspruch der Kanzlerin und Parteivorsitzenden durchaus in Frage stellen, wie der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung Carsten Linnemann, JU-Chef Paul Ziemiak oder Christian von Stetten. Einen Erfolg können sie verbuchen: die Abwahl von Volker Kauder. Mehr aber bisher nicht.

Bei Kohl war es der sogenannte "Andenpakt", ein Männerbündnis damals junger CDU-Politiker, wie Christian Wulff, Peter Müller, Günter Oettinger. Damals wie heute werden die "jungen Wilden" von uns als Presse hochgeschrieben, aber es fehlt der Mut zur Palastrevolution. 

Die Konstante: Wolfgang Schäuble

Und es gibt auch eine Konstante: Wolfgang Schäuble, die graue Eminenz der CDU. Kohl hielt er als Kanzleramtsminister und Fraktionsvorsitzender den Rücken frei. Auch Merkel diente er als Innen- und Finanzminister loyal. Beide haben ihn auch gedemütigt: Kohl verweigerte ihm die Kanzlerkandidatur, Merkel das Amt des Bundespräsidenten.

Nun scheint seine Loyalität gegenüber Merkel wie einst bei Kohl aufgebraucht. Helmut Kohl zwang er im Zuge der CDU-Spendenaffäre zur Aufgabe des Ehrenvorsitzes der Partei. Angela Merkel bescheinigte er vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem SWR-Hörfunk, dass sie "nicht mehr so unbestritten wie sie über drei Legislaturperioden oder über zweieinhalb Legislaturperioden gewesen ist" um ihr danach deutlich zu drohen: "Wir wissen, es liegen Landtagswahlen vor uns. Die Ergebnisse sind offen. Sie können größere Veränderungen haben." Das wird sich nach den Wahlen in Hessen zeigen.

Angela Merkel schrieb 1999 mit Blick auf Helmut Kohl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlachtross ... den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen."

Das, anders als Helmut Kohl selbst zu erkennen, darin könnte sich Angela Merkel von ihm unterscheiden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 20. Oktober 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018, 06:30 Uhr

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24 Kommentare

22.10.2018 12:20 REXt 24

So isses Dieter, bei Kohl Wiedervereinigung ist zwar einiges schief gelaufen, aber ansonsten, alles gut, bei Merkel, kommen mehr Probleme, als sie je gelöst hat!

22.10.2018 10:13 Dieter 23

Der Vergleich Merkel-Kohl lässt das Wichtigste außen vor: während Kohl mit der Durchführung der Einheit Gewaltiges für unser Land geleistet hat, hat Merkel diesem gewaltigen Schaden zugefügt, unter auch kommende Generationen leiden werden. Der Urteil der Geschichte wird vernichtend ausfallen.

21.10.2018 12:52 Jakob 22

Vielleicht jubeln wir Ossis ja auch einfach zu schnell, um dann plötzlich das Übermaß im Gegenteil zu pflegen. Von wegen "gefeiert und verhasst". So schlecht regiert die Merkel jetzt auch wieder nicht. Und die Äußerungen Schäubles muss man auch nicht als "Drohung" verstehen. Das war schlicht eine nüchterne Analyse der Situation. Schäuble hat es nicht mehr nötig, zu "drohen". Im Gegenteil. Ich bewundere ihn dafür, wie gelassen er während all der Jahre mit jeder Art von Intrigen umgegangen ist und wie wenig er selbst mit irgendeiner Art von "Rache" zu reagieren scheint. Das nennt man Charakter.

21.10.2018 12:47 Marion Detzler 21

Das Problem der heutigen Parteien ist meines Erachtens darin begründet,- dass nicht nur die soziale Frage ; z.B. Rentenpolitik,- Mindestlohn, - Erhalt zukünftiger Arbeitsplätze eine große Rolle bei den Wählern spielen, - sondern auch die Frage einer Gestaltung unserer Zukunft - nicht nur in Deutschland und Europa! Ökonomie und Ökologie müssen dringend neu verhandelt werden,- um bereits eingetrete Schäden,- die unsere Erde betreffen, - zu ändern bzw. durch sinnvolles Handeln,- und der daraus folgenden Erkenntnisse neu zu denken!
Wenn die Menschen diese durchaus möglich- sinnvolle Richtung,- und damit verbundenen pragmatischen Lösungen, an der sich ALLE, - ich benenne dies ausdrücklich,- beteiligen würden,- wäre viel gewonnen! Es sind die Menschen sowie die Politik aufgerufen,- daran mitzuwirken!

21.10.2018 12:27 lummox 20

viel lärmens um nichts hat der aufklärer wieland den shakespeare übersetzt :)

21.10.2018 11:09 Fragender Rentner 19

Habe eher den Verdacht, dass so manche SPD-Wähler im Moment eher den Grünen ihre Stimme geben als der SPD und die Linken wollen sie auch nicht wählen, warum auch immer?

Vielleicht auch wegen Oskar?

Die Grünen sind doch auch nicht mehr diese Partei wie sie mal waren, sind doch schon bei den Besserverdienenden angelangt. :-(

21.10.2018 08:55 observer 18

Ohne das von Schröder angerichtete neoliberal-antisoziale Desaster hätte niemand je von Angela Dorothea M. Notiz zu nehmen brauchen. Aber die Enttäuschung 2005 darüber, was der Kanzlerwechsel 1998 von einem CDU- zu einem SPD- Machtpolitiker erbracht hatte, war riesig , rief den Wunsch nach Rückkehr unter die Vormacht des Kondad-Adenauer-Hauses hervor, und die Stunde Merkels schlug. Vorherrschend war von da an der Wunsch, niemals wieder einen Sozen als Regierungschef ertragen zu müssen, und sämtliche SPD-Kanzlerkandidaten, von Steinmeier und Steinbrück bis Schulz scheiterten. Erst wenn sich eine akzeptable Alternative zu Merkel abzeichnet, wird sie verspielt haben.

20.10.2018 20:03 Klaus 17

@ { 20.10.2018 18:54 Tim Herden ... Ich glaube sowohl die Grünen als auch Angela Merkel (inkl. Viele in ihrer Partei - siehe Politbarometer gestern) haben sich aufeinander zu bewegt. ... }
Das sehe ich auch so und der Aufschwung der Grünen in den Wahlumfragen belegt ja auch, dass das so gewünscht wird.

20.10.2018 18:54 Tim Herden 16

@wo geht es hin
Sicher sind beide Themen Nebenkriegsschauplätze und ich frage mich bis heute, warum die SPD letztes Jahr die Ehe für alle so in den Vordergrund geschoben hat. Aber die Kanzlerin hat diese Positionen jedenfalls gehalten - bisher. Sie ist sicher auch keine klassische Konservative wie Schäuble.
Ich stimme Ihnen auch zu, dass Angela Merkel lieber mit den Grünen regiert hätte. Ob sie jetzt links/grün ist, ziehe ich allerdings in Zweifel. Ich glaube sowohl die Grünen als auch Angela Merkel (inkl. Viele in ihrer Partei - siehe Politbarometer gestern) haben sich aufeinander zu bewegt.

20.10.2018 18:51 Klaus 15

@ { 20.10.2018 16:58 Marie }
Wieso wird Seehofer für die Verluste anderer Parteien verantwortlich gemacht? Er ist doch immer noch CSU-Vorsitzender und seine Partei hat jetzt das zweitschlechteste Wahlergebnis in der über 60jährigen Parteigeschchte eingefahren. Und dafür kann die Kanzlerin sicherlich nichts, denn sie verfolgt vollkommen zu recht eine etwas andere Politik. Dass das unseren Besorgten missfällt, ist klar.
Und gerade in den letzten Monaten haben ja die Grünen einen besonders angestiegenen Zuspruch bekommen. Daran kann man auch erkennen wohin die Reise bei einer eventuellen Neuwahl gehen könnte. Zumindest wenn die SPD nach einer Neuwahl bewusst in die Opposition geht, geht es nur noch mit Jamaika, wenn es bei den aktuellen Umfragen bleiben wird. D.h., populistische Politik wird in Deutschland auch ohne Merkel keine Chance haben, was auch so gut ist. Das gilt übrigens auch, wenn die SPD nicht in die Opposition geht. :-))