Unter der Lupe | Kolumne Die Wiederentdeckung der Langsamkeit?

Besonders im Verkehrsbereich soll zukünftig Kohlendioxid eingespart werden und zu mehr Klimaschutz beitragen. Nur haben die geplanten Maßnahmen wenig, wahrscheinlich sogar keinen Effekt. Zugleich setzt man weitgehend nur auf Elektromobilität mit all ihren Nachteilen statt auch die Wasserstofftechnologie zu fördern. Eine Politik ohne Weitsicht.

Tim Herden
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"Probier's mal mit Gemütlichkeit …" Der Song von Balu, dem Bär im Film "Dschungelbuch" könnte der Slogan für die Autobahnraststätten im Zeitalter der Elektromobilität werden. Wer mit seinem Elektromobil dann unterwegs ist, muss ein gutes Weilchen für den Ladezyklus einplanen. Erstmal eine freie Ladesäule finden, dann warten bis die Batterie wieder voll ist. Das kann Stunden dauern. Also müssen die Raststätten mehr bieten als schlechtes Essen und halbwegs saubere Toiletten. Achterbahnen, Spielbanken, Wasserrutschen. Das gibt Reisen einen ganz neuen Sinn.

Stiefkind Bahn

Wer das nicht will, soll die Bahn nehmen. Kleines Problem:  Sie steuert die beliebten deutschen Urlaubsgebiete wie Nord- und Ostsee oder Alpen, wenn überhaupt, meist nur mit Regionalzügen an. Zum Darß gäbe es als Alternative nur den Bus - auch nicht allzu oft. Zu den Ostseebädern auf Rügen mit Ausnahme von Binz ginge es nur mit den Dampflokzügen des Rasenden Roland. Wenn die dann nicht auch verboten sind. Wohin dann aber mit Koffern, Kinderwagen, Zelt und Ski?

Andreas Scheuer
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer steht derzeit wegen Mio.-Verlusten durch die geplatzte Pkw-Maut in der Kritik. Bildrechte: dpa

Die Klimawandelwende im Verkehrsbereich ist nicht sehr durchdacht. Schuld ist die Kurzsichtigkeit der drei letzten Bundesverkehrsminister - alle von der CSU: Ramsauer, Dobrindt und Scheuer. Sie setzten nur auf die Straße. Die Bahn mutierte zum verkehrspolitischen Stiefkind. Verkehrsminister wird man auch nicht aufgrund von Kompetenz, sondern für treue Dienste als Parteisoldat. Auch wenn es da um den wichtigsten Bereich für eine funktionierende Volkswirtschaft geht: Die Infrastruktur!

Ein Güterzug
Seit langem fordern Umweltschützer: mehr Güter auf die Schiene. Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Keine Frage: Wir werden uns umstellen müssen, auch wenn es schwerfällt. Unser Leben wird sich wieder verlangsamen. Wenn uns wieder mehr Güter auf der Schiene statt auf der Straße erreichen sollen, wird es vielleicht nicht weiter über Nacht passieren. Und wir werden nicht daran sterben. Vielleicht überlegen wir dann wieder öfter, in ein Geschäft zu gehen, um nach dem Gesuchten zu fahnden. Das könnte auch unseren Innenstädten helfen.  

Umerziehung an der Tankstelle und am Flughafen

Ansonsten setzt die Regierung auf Umerziehung: Damit wir weniger fliegen und tanken, soll beides teurer werden. Doch die Erhöhung der Luftverkehrssteuer um ein paar Euro und des Spritpreises wird kaum etwas bringen. Wir werden uns trotzdem ins Flugzeug setzen und die Pendler werden zähneknirschend die höheren Spritpreise zahlen. So kaufen wir uns zwar von unserem schlechten Gewissen frei, aber es wird nicht ein Gramm Kohlendioxid eingespart. Welch‘ weitsichtige Politik.

Kohlendioxid könnte man allerdings einsparen, wenn die Bahn auf Fernverkehrsstrecken richtig funktionieren würde und man deshalb den  Inlandsflugverkehr einstellen könnte. Mit Kontrollen, Wartezeiten, Verspätungen sowie der An- und Abreise zum und vom Flughafen ist man sowieso oft nur von der reinen Flugzeit im Inland schneller als mit dem Zug. So würde auch wirklich CO2 eingespart werden. Nur tut das die Bahn nicht. Verspätungen und Zugausfälle sind der Normalfall.

Tempolimit wäre sinnvoll

Dann wäre da noch ein Tempolimit von 120 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen und 80 Kilometer pro Stunde auf Landstraßen. Laut Umweltbundesamt spart das zehn bis 30 Prozent der Emissionen im Straßenverkehr. Aber wie hat Winfried Kretschmann treffend gesagt: "Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen." Es hat schon fast schizophrene Züge, wenn der Scheuer-Andi zwar mit einer  Verkehrssicherheitskampagne dafür wirbt, "Runter vom Gas" zu gehen, ein Tempolimit für ihn "gegen jeden Menschenverstand" spreche und zu einem "Wohlstandsverlust" führen würde.

Wäre es wirklich so schlimm, wenn man eine Viertelstunde früher aufstehen müsste, um seinen Arbeitsplatz, dazu auch noch sicherer, zu erreichen? Doch mit Vernunft ist es in der Verkehrspolitik in Zeiten des Klimawandels nicht weit her.

Alternative Wasserstoff

Natürlich gäbe es eine Alternative zum Dogma der Elektromobilität: die Wasserstofftechnologie mit der Brennstoffzelle. Damit könnten wir weitgehend unsere gewohnte Mobilität erhalten. Natürlich gibt es auch hier Risiken. Man braucht für die Erzeugung des Wasserstoffs viel Energie. Die Deponierung des entstehenden Kohlenstoffs ist ungeklärt. Die Vorteile: Wasserstoff-Autos könnten das Tankstellennetz weiter nutzen - ohne Wartezeit. Der Treibstoff wird teurer sein als Benzin oder Diesel, aber er ist sauberer. Wasserstoffzüge würden auf regionalen oder reaktivierten Strecken die teure Elektrifizierung ersparen.

Doch die Bundesregierung drückt für diese Technologie kaum aufs Gas. Gerade mal mit 23 Millionen fördert der Verkehrsminister die Entwicklung der entsprechenden Fahrzeuge während er gerade hunderte Millionen in die abgesagte PKW-Maut versenkt hat.

Die "Frankfurter Rundschau" hat Andreas Scheuer als "trübste Zündkerze" in Merkels Kabinett bezeichnet. Normalerweise tauscht man verbrauchte Zündkerzen aus.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Oktober 2019 | 12:00 Uhr

14 Kommentare

Armin C. vor 47 Wochen

Wieder eine Ihrer tollen Statistiken, an denen Sie sich selbst ergötzen?!
Falls Sie's noch nicht bemerkt haben:
Ihre Antwort auf diesen Kommentar ist vollkommen unpassend
und fehl am Platze!
Passen würde sie allerdings zu Ihrer zerbröselnden SPD.
Von denen würde wohl eine ähnliche, wahrscheinlich aber gar keine Antwort kommen. Weil sie erstens hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind,
und zweitens überhaupt keinen Plan haben, wie die desolate Sicherheitslage in den Griff zu bekommen sei???
(Wenn es Sie tröstet: Der "Seniorpartner" macht es auch nicht besser).
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Und sicher kann nicht jeder so gescheit sein wie Sie, aber wenn Sie es genau wissen wollen, dann fragen Sie doch die über 30 Millionen Deutschen,
ob sie alle Deppen sind... :-) :-) :-)

kleinerfrontkaempfer vor 47 Wochen

Elektro und Individualverkehr. Das Individuum bekommt sein E Spielzeug. Schon heute steht ein Auto mehr als es fährt. Und dann wird meist der Fahrer (80 kg Nutzlast) bewegt. Braucht es in Ballungsgebieten und insgesamt nicht etwas zukunftsorientierteres als das umweltfreundliche mobile Gummi+Blech+Glas Mobil, genannt Auto?
Was ist mit Landwirtschaft, Bau, Kommunaldiensten, Logistik, ÖPNV, Rettung,........ Alles Elektro? So aberwitzig, aber profitabel, kann man sich industriell-politische (Alp)träume schon vorstellen.

Peter vor 47 Wochen

Echt jetzt, allerdings nutzen pro Tag über 30 Millionen Deutsche Bus und Bahn.
Jeden Tag und jeden Tag und jeden Tag.
Und tatsächlich, es werden von Jahr zu Jahr mehr.
Sind das alles Deppen?