Unter der Lupe – die politische Kolumne Der Sternenhimmel der Union

Annegret Kramp-Karrenbauer will in Raten ihr Amt als CDU-Vorsitzende abgeben. Kanzlerkandidatin wäre sie wohl eh nicht geworden. Nun kämpft ein Männertrio um ihre Nachfolge und um die Kanzlerkandidatur. Wenn da nur nicht Angela Merkel wäre, die partout nicht ihre Kanzlerschaft vor den nächsten Wahlen aufgeben will. Eine interessante Konstellation im Unions-Kosmos, die es so noch nicht gab.

Jens Spahn, Armin Laschet und Friedrich Merz, 2018
Das Männertrio aus Jens Spahn (links), Friedrich Merz (Mitte) und Armin Laschet (rechts) kämpft um den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur. Bildrechte: dpa

Momentan schauen Sternenfans in den Himmel, um zu beobachten, was mit dem Stern Beteigeuze passiert. Das ist der Schulterstern ganz links oben im Sternbild Orion. Das Licht von Beteigeuze wird immer schwächer. Wahrscheinlich wird er noch einmal durch eine gigantische Supernova-Explosion sehr hell erstrahlen und dann verglühen.

Das Verglühen der Annegret Kramp-Karrenbauer

Tim Herden
In seiner wöchentlichen Kolumne nimmt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden das politische Geschehen unter die Lupe. Bildrechte: MDR

Was gerade 640 Lichtjahre weit weg von uns passiert , kann man auch auf der Erde im Berliner Regierungsviertel beobachten: Das Verglühen des politischen Sterns Annegret Kramp-Karrenbauer. Er strahlte allerdings nicht einige Millionen Jahre wie Beteigeuze, sondern als CDU-Parteivorsitzende gerade 14 Monate. Ein strahlender Auftritt ist ihr noch gewiss, ähnlich einer Supernova. Wenn sie enthüllt, wer ihr als Parteivorsitzende(r) und Kanzlerkandidat(in) folgen soll. Bisher wollen offenbar drei Männer in der Union nach den Sternen greifen: Jens Spahn, Friedrich Merz und Armin Laschet.

Noch Fixstern der CDU: Angela Merkel

Noch ist aber Angela Merkel  der Fixstern am Sternbild der CDU und AKK kreiste um sie. Sie sollte der Kanzlerin die leidige langweilige Parteiarbeit abnehmen. Zum Beispiel das Schreiben eines neuen Grundsatzprogramms.  Manchmal neigt Merkel allerdings in der Partei noch zu Sonnenstürmen wie in der Thüringen-Krise. Dabei machte sie, sicher unbeabsichtigt, auch Kramp-Karrenbauers Dasein als CDU-Chefin unmöglich.

Angela Merkel
Kanzlerin Angela Merkel Bildrechte: dpa

Ungebremst ist Merkels Lust aufs Regieren. Bis zum Ende der Legislaturperiode will sie die deutschen Geschicke bestimmen. Auch mit einem neuen Parteivorsitzenden. Dafür hat sie drei handfeste Argumente: Die SPD würde - nach jetzigem Stand - keinen anderen aus der CDU zum Kanzler wählen. Die Unionsfraktion schreckt davor zurück, Merkel aus dem Amt zu vertreiben. Es gilt der Satz: "Man liebt den Verrat, aber nicht die Verräter." Und während der EU-Präsidentschaft von Juli bis Dezember 2020 Neuwahlen zu betreiben, wäre unklug.

Allerdings gibt es auch drei Argumente dagegen: Die SPD fürchtet momentan Neuwahlen und würde - natürlich nach einem Kaffeetrinken beim Bundespräsidenten - sich doch umstimmen lassen. Außerdem ist noch nie ein Kanzlerkandidat in Rennen gegangen, während der Altkanzler von der gleichen Partei noch im Amt war. Damit würde die CDU auf den Kanzlerbonus im Wahlkampf verzichten. Und die drei genannten Herren werden sich alle nicht zum Frühstücksdirektor degradieren lassen wie AKK. Sie wollen selbst strahlen.

Der aufgehende Stern: Jens Spahn

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister,
Jens Spahn - dauernder Hoffnungsträger? Bildrechte: dpa

Der aufgehende Stern ist Jens Spahn. Jung, konservativ, strebsam als Gesundheitsminister und ohne Hausmacht in der CDU. Das hat man bei der Abstimmung zur Organspende erlebt. Sein weitreichender Vorschlag der Widerspruchslösung fand vor allem in den eigenen Unionsreihen keine Unterstützung. Zudem wärmt er mit seinen Auftritten nicht das Herz der Basis. Da ähnelt er Merkel. Es bleibt außerdem die Frage, ob die CDU nach einer Frau nun einen Homosexuellen als Vorsitzenden und  Kanzlerkandidaten akzeptiert. Andererseits wäre Spahn das Zeichen für einen Generationswechsel in der CDU, aber er ist eben kein deutscher Sebastian Kurz und könnte mit 39 Jahren noch warten - muss aber aufpassen, nicht zum dauernden Hoffnungsträger zu werden.

Der Asteroid: Friedrich Merz

Friedrich Merz
Mit Friedrich Merz an der Parteispitze würde die CDU einen konservativeren Weg einschlagen. Bildrechte: dpa

Merz als Parteichef würde einem Asteroideneinschlag im Kanzleramt gleichen. Merkel hat ihn 2002 aus seinem Amt als Fraktionsvorsitzender verdrängt, 2018 seine Wahl als Parteivorsitzender verhindert. Aber nun wäre Merkel auf die Gnade von Merz angewiesen. Er würde darüber bestimmen, wie lange sie noch im Amt bleiben kann oder darf. Merz entspricht dem Wunsch einer Mehrheit in der CDU, wieder einen konservativeren Kurs einzuschlagen, ohne rechtslastig zu sein. Das konnte man schon auf dem Hamburger Parteitag 2018 ablesen. Ohne das Überlaufen der Spahn-Anhänger zu AKK wäre Merz damals schon Parteivorsitzender geworden. Dieser Trend hat sich verstärkt, weil die Union erkennen musste, dass sie mit einem Merkel-Double an der Spitze zwar die Mitte hält, aber von der AfD nichts zurückgewinnen kann. Merz wäre dagegen vielleicht ein probateres Mittel. Doch er wird nicht anderthalb Jahre als König ohne Land neben Merkel sitzen. Das würde seiner Glaubwürdigkeit schaden. Die wird in den nächsten Wochen schon durch viele Geschichten über seine Zeit als Lobbyist nach seinem Abgang aus der Politik leiden.

Auf ruhiger Umlaufbahn: Armin Laschet

Armin Laschet
Armin Laschet ist der Ruhige im Trio. Bildrechte: dpa

Bliebe noch der Dritte im Bunde: Armin Laschet. Er zieht wie ein ferner Planet bisher ruhig seine Bahnen. Nordrhein-Westfalen ist nun mal von Berlin auch weit weg. Er stände für ein "Weiter so" in der Union, könnte sich mit Merkel bis zum Ende der Legislatur anfreunden. Sein Einfluss resultiert nicht unbedingt aus politischer Überzeugungskraft, sondern aus der Macht des stärksten Landesverbandes. Noch hält er sich zurück, beobachtet aus der Distanz, wie sich die Dinge entwickeln.

Auswirkungen auf schwarz-grüne Konstellationen

Armin Laschet wäre auf den ersten Blick kompatibler für eine Koalition mit den Grünen als Friedrich Merz. Nur droht der CDU, dass sie ihr Profil weiter aufweicht. Am Ende könnte sich der Wähler fragen, ob es nicht eigentlich egal ist, ob man nun Laschet oder Habeck/Baerbock wählt, weil man vielleicht nicht dasselbe, aber das Gleiche bekommt. Das schadet dem notwendigen politischen Wettbewerb in der Demokratie. Da wäre Merz besser als Laschet. Er könnte und würde sicher auch mit den Grünen regieren. Seine Wirtschaftsfreunde entdecken gerade den Klimaschutz für sich. Aber er würde mehr darauf achten, das Profil der Partei nicht zu verwässern, trotz Klimaschutz. Robert Habeck oder Annalena Baerbock würden auch für die Grünen darauf achten.

Annegret Kramp-Karrenbauer allerdings wird wie Beteigeuze im Sternbild Orion nur noch einmal kurz aufflackern, wenn sie ihren Nachfolger präsentiert und dann leise verglühen. Als Verteidigungsministerin im Kernschatten von Angela Merkel. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Februar 2020 | 06:30 Uhr

27 Kommentare

Wessi vor 14 Wochen

@ wgeh ...da ich gerne auf Sie eingehe, weil Substanz in Ihren Kommentaren ist: "kann" oder "kann nicht"....(House of Parliament)...Sie machens dto..Und die Kandidaten genauso.

Wessi vor 14 Wochen

@jochen1 ...ich habe mich manches Mal über ihre Kommentare gewundert...nun habe ich wahrscheinlich mal 'ne Antwort: kommen Sie raus aus der "Ostblase", der Westen "tickt" tatsächlich anders....!

jochen1 vor 14 Wochen

Auch wenn die CDU das nicht hören möchte - Ich halte diese Show mit den 3 neuen "Kandidaten" für das letzte Aufgebot der Merkel. Danach geht es nur noch abwärts.