Unter der Lupe | Kolumne Corona – war da was?

Tim Herden, Studioleiter des MDR Fernsehens im ARD-Hauptstadtstudio und Krimi-Autor
Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Erst war alles zu, jetzt (fast) alles wieder auf. Die Politik hat sich vom wachsenden Unmut in der Bevölkerung angesichts niedriger Infektionszahlen zu einer totalen Umkehr in der Corona-Strategie treiben lassen. Möglicherweise hätte sie von Anfang an mit einigen Maßnahmen den "Shutdown" verhindern können. Und noch immer gibt es genügend Defizite in der Bekämpfung der Pandemie.

Menschenansammlung auf großem Platz von oben
Menschen demonstrieren gegen die Corona-Einschränkungen. Bildrechte: imago images/7aktuell

Ich war lange ein Verteidiger der Corona-Maßnahmen. Schon aus Sorge um die eigene Gesundheit. Die allabendlichen Bilder aus Intensivstationen deutscher Krankenhäuser hatten mir so viel Schrecken eingejagt, dass ich mich mit Handschuhen und Maske ausstattete, regelmäßig meine Hände wasche, auf dem Fußweg um jeden einen weiten Bogen mache und mich artig mit Abstand in der Schlange anstelle.

Ich habe akzeptiert, meinen Urlaub nur auf Balkonien zu verbringen und keine Freunde zu treffen. Ich habe es nicht nur für mich getan. In meiner Umgebung gibt es einige Angehörige der unterschiedlichen Risikogruppen. Ich wollte die und mich selbst vor gefährlichen Corona-geschwängerten Aerosolen schützen. So, wie es Angela Merkel wollte.

Und nun? In Fitnesscentern stemmen viele wieder stoßatmend Gewichte. Parks sind so voll, dass man die Bundesliga auch vor vollen Stadien spielen lassen könnte. Freibäder öffnen und Bademeister werden kaum im Wasser als menschliche Boje für genug räumliche Trennung zwischen Schwimmern sorgen. Ordnungsämter kümmern sich wieder um Falschparker, statt um Abstandsgebote.

Aufstand gegen Merkel war Einknicken vor der Ungeduld

Vorausgegangen ist ein handfester politischer Familienkrach. Die zunächst so getreuen sechzehn Ministerpräsidenten pubertierten gegenüber der Erziehungsberechtigten aus dem Kanzleramt. Sie spielten mit den Muskeln ihrer föderalen Macht.

Schon vor der letzten Sitzung des Video-Stuhlkreises am 6. Mai im Kanzleramt fielen vielerorts die strengen Einschränkungen wie Dominosteine. Sachsen hatte schon Gottesdienste erlaubt. Wobei man sich fragt, warum die in Ostdeutschland überhaupt verboten waren. Hier sind die Kirchen nur zu Weihnachten voll.

Sachsen-Anhalt kippte weitgehend die Kontaktbeschränkungen. Niedersachsen kündigte die Öffnung der Biergärten an, bevor man per Telefon zusammen kam. Dieses Wettrennen war wohl weniger den gesunkenen Infektionszahlen geschuldet als vielmehr der laut geäußerten Ungeduld von Teilen der Bevölkerung.

Dabei ist die Mehrheit, immerhin 56 Prozent, auch jetzt noch der Meinung, dass man besser an den Einschränkungen festgehalten hätte. Wie ein einsamer Rufer in der Wüste predigt das Robert Koch-Institut weiter, dass wir noch am Anfang der Pandemie stehen. Aber einige Ministerpräsidenten wollten beim Wahlvolk offenbar Sympathie-Punkte sammeln. Allerdings ist das wohl eher ein Frühstart. Denn die ersten Wahlen finden erst wieder im Frühjahr 2021 statt. Da ist dieses Entgegenkommen längst vergessen.

Maskenpflicht hätte eher kommen sollen

Tim Herden
Bildrechte: MDR

Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir uns nicht bereits wieder zu sehr in Sicherheit wiegen. Aber ich habe nach zwei Corona-Monaten auch einige Fragen an das Krisenmanagement.

In der Vergangenheit – weit vor Corona – habe ich nicht wenige Berichte gemacht, in denen mehr Hygiene in Krankenhäusern gefordert wurde, durch Hände waschen und Maske tragen. Um die Patienten vor Infektionen schützen! Warum wurde also nicht gleich, als das Virus Deutschland erreichte, eine bundesweite öffentliche Maskenpflicht ausgerufen?

Auch damals hätten selbstgenähte Masken vor Ansteckung geschützt. Wenn auch nicht hundertprozentig. Stattdessen erlebten wir einen tagelangen politischen Eiertanz, ob Masken helfen oder nicht. Angela Merkel soll sie sogar "Virenschleudern" genannt haben.

Dann die Wende. Nun hieß es: Maske auf! Das Sinken der Neuinfektionen nach den ersten Öffnungen Mitte April, verbunden mit einer Maskenpflicht im Einzelhandel und Nahverkehr zeigte den Sinn eines Mund- und Nasen-Schutzes. Warum also nicht von Anfang an? Zusätzlich zu den Abstands- und Hygieneregeln hätte der totale Stillstand wenigstens abgemildert und damit der wirtschaftliche Schaden eingegrenzt werden können. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Es hätte Leben gerettet. Stattdessen traut sich die Politik bis heute nicht, eine Maskenpflicht konsequent durchzusetzen.

Mehr Tests sind nötig

Außerdem frage ich mich, warum wir nicht schon lange testen, testen, testen - wie es immer angekündigt wird. Damit könnten auch Infizierte ohne Symptome identifiziert, unter Quarantäne gestellt und so Ansteckungen verhindert werden.

In Berlin muss man schon den Kopf unterm Arm tragen, bevor man einen Corona-Test bekommt. Dagegen sind für die Bundesliga offenbar genügend Tests vorhanden. Sollten wir es dann wie andere Länder noch über eine entsprechende freiwillige "Tracing App" verfügen, um Kontaktpersonen von Infizierten zu warnen, wäre viel erreicht. Schon aus Neugier und Selbstschutz würden viele mitmachen. Aber wie immer sind wir beim Thema Digitalisierung hinten dran.

Billige Lebensmittel auf Kosten der Gesundheit

Hinzu kommen aktuell die Corona-Infektionen bei Saisonarbeitern in der Landwirtschaft und Fleischindustrie. Was jammerten die Landwirte, bis die Einreisesperre für diese Menschen aus Osteuropa fiel. Warum sorgten sie dann nicht dafür, dass die Arbeitskräfte richtig geschützt und vernünftig untergebracht wurden? Statt in Massenunterkünften in den vielen Pensionen und Hotels auf dem Lande, die gern was verdient hätten. Das hätte mehr Geld gekostet!

Nun kostet es vielleicht Menschenleben und wahrscheinlich noch mehr Geld, weil die betroffenen Betriebe geschlossen werden. Abgesehen davon, wird uns mal bewusst gemacht, wie wir auf Kosten anderer unser vermeintliches Recht auf billige Lebensmittel durchsetzen.  

Antworten wird es wohl kaum geben. Wie sagt die Politik gern: Wir müssen nach vorn schauen. Also: Maske aufsetzen und Abstand halten!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2020 | 05:00 Uhr

44 Kommentare

MDR-Team vor 12 Wochen

Liebe Nutzer, bitte entfernen Sie sich nicht allzuweit vom Thema des Artikels. Es soll hier nicht um eine Grundsatzdiskussion der chinesischen Regierung und dessen Politik gehen, sondern die politischen Maßnahmen und Entscheidungen aller beteiligten Länder während der Corona-Pandemie.
Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

CrizzleMyNizzle vor 12 Wochen

Ja das ist so, wenngleich China nicht mal ansatzweise das Siegel "kommunistisch" bekommen kann. Eher hart kapitalistisch.

Ist halt die Frage wo man ansetzt bezüglich solcher Staaten (ob Lieferanten für Öl, Metalle, Kleidung und all den Kram den wir so importieren). Dann wiederum verkaufen wir unsere Produkte auch fleißig in solche Länder.

Klar man könnte eine Linie fahren und konsequent sein, den "Preis" will wohl so gut wie niemand zahlen. Auf manche Länder hat man ja auch Einfluss, aber bei China wohl komplett gar nicht, eine Welt in der Welt.

Norbert 56 NRW vor 12 Wochen

Für mich ist es seit Jahrzehnten ein Riesenfehler, China als verlängerte Werkbank der gesamten Welt zu machen. Ich persönlich glaube diesem Regime kein Wort. Nur da traut sich ja keiner ran, dafür machen alle viel zu gute Geschäfte mit diesen Kommunisten. Somit macht man diese Leute salonfähig und auch deren Umgang mit solchen Ereignissen. z.B Türen zu schweißen damit die Bewohner nicht mehr raus können hat wenig mit Demokratie und Menschenrechten zu tun. Es wird einfach Zeit viele Erzeugnisse wieder hier oder in Europa her zu stellen um die Abhängigkeit und den Umgang mit China so klein wie möglich zu halten. Das wird zwar sicher nicht passieren wäre aber dringend nötig.