Intercity (IC) bei der Ausfahrt aus dem Erfurter Hauptbahnhof.
In seiner Kolumne "Unter der Lupe" beschäftigt sich Hauptstadtkorrespondent Tim Herden diesmal mit dem maroden Bahnsystem. Bildrechte: Deutsche Bahn AG/Christian Bedeschinski

Unter der Lupe | Kolumne Störung im Betriebsablauf

Legendär ist der Witz über die vier Feinde der Deutschen Reichsbahn: "Frühling, Sommer, Herbst, Winter". Bei der Deutschen Bahn ist es nicht besser. Mittlerweile gibt es viele Feinde mehr: kaputte Brücken, defekte Züge, fehlendes Personal und besonders die deutsche Verkehrspolitik. Lange Zeit wurde die Bahn vernachlässigt zugunsten der Straße und des Flugverkehrs. Nun rächen sich Versäumnisse. Denn ohne Bahn werden die Klimaziele kaum zu erreichen sein.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Intercity (IC) bei der Ausfahrt aus dem Erfurter Hauptbahnhof.
In seiner Kolumne "Unter der Lupe" beschäftigt sich Hauptstadtkorrespondent Tim Herden diesmal mit dem maroden Bahnsystem. Bildrechte: Deutsche Bahn AG/Christian Bedeschinski

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wer mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, kann ganze Bücher damit füllen. Bahnfahren ist ein echtes Abenteuer. Und ich bin süchtig nach dem Nervenkitzel. Im Juni war ich innerhalb von einer Woche dreimal unterwegs auf der neuen Paradestrecke Berlin – München. Dreimal sah ich beim Betreten des Bahnsteigs auf die Anzeige "Zug fällt aus". Diese Woche gab es im Bordbistro kein Geschirr. Also beschmierte man sich das Croissant mit Nutella und Butter auf der Tischdecke. In der Woche davor waren die Toiletten von zwei Waggons verstopft. War auf der kurzen Strecke zwischen dem Einsatzbahnhof Berlin-Gesundbrunnen und Berlin Hauptbahnhof eine schwere Diarrhöe-Epidemie im Zug  ausgebrochen?

Tim Herden
Unser Hauptstadtkorrespondent Tim Herden kommentiert das Berliner Politikgeschäft. Bildrechte: MDR

Ein Kollege saß im ICE von Mainz nach Berlin sprichwörtlich im Regen, denn es regnete durchs Dach. Auch nicht vertrauenswürdig wirkte auf mich die Ansage bei der Umleitung einer Fahrt nach Hamburg über Stendal, dass man einen Lokführer gefunden habe, der die Strecke kenne. Und nicht zu vergessen, die Verspätungen, die wir Reisenden aber mittlerweile gleichmütig hinnehmen. Man kommt also einiges geboten für sein Geld.

Schiene ist verkehrspolitisches Stiefkind

Lange scheinen diese Missstände bei der Bahn nicht aufgefallen zu sein. Erstaunlich, denn jeder Bundestagsabgeordnete verfügt über eine Bahncard 100, 1. Klasse. Und Verkehrsminister Scheuer reist meist per Flugzeug vom Heimatort München nach Berlin und dann mit dem Dienstwagen durch die Stadt. Da ist das Elend auf der Schiene weit weg.

Deutschland war einmal das Eisenbahnland Europas. Als "Ostkind" mit schmerzhafter Reichsbahnerfahrung als täglicher Pendler zwischen Halle und Leipzig begeisterte ich mich für den Westslogan "Intercity jede Stunde, Intercity jeden Tag, Intercity – das Taxi der Bahn." Doch die Verpackung versprach mehr als der Inhalt hergab. Auch dort war damals schon die Bahn auf dem absteigenden Ast. Mit der Bahnreform von 1994 wurde dann richtig gesägt: Streckenstilllegungen, Sparen bis nicht nur die Bremsen quietschten, Personalabbau, Vernachlässigung von Gleisen, Brücken und Bahnhöfen, fehlende Züge. Egal ob die Verkehrsminister von der SPD, CDU oder CSU kamen: die Schiene war das verkehrspolitische Stiefkind.

Bahnfahren für den Klimaschutz

Nun braucht man die Bahn dringend für den Klimaschutz. Pendler und Güter sollen von der Straße auf die Schiene wechseln. Schnell will man neue Strecken bauen und alte reaktivieren. Schnell heißt allerdings 20 bis 25 Jahre für einen Streckenneubau. Zum Beispiel für eine ICE-Anbindung der zukünftigen Ex-Kohlegebiete in der Lausitz. Damit käme die Bahn für den beschworenen Strukturwandel zu spät. Schnelle ICE-Züge brauchen Strom. Aber die Elektrifizierung einer Strecke wie von Weimar nach Gößnitz, damit wie früher Fernzüge das Ruhrgebiet mit Mitteldeutschland bis nach Görlitz verbinden, soll doch schon 2028 abgeschlossen sein. Werden die Strommasten für die 103 Kilometer in Manufaktur hergestellt?

Ein roter Regionalexpress auf der Strecke. 3 min
Bildrechte: Deutsche Bahn AG

So ganz neu ist die Erkenntnis vom ökologischen Verkehrsmittel Bahn eigentlich nicht. Vor knapp einem halben Jahrhundert, Anfang der 70er Jahre gab es bereits weit vor dem Klimawandel die erste Ölkrise. Schon da hätte die alte Bundesrepublik umsteuern können. Im Osten fuhr damals die Bahn noch fast überall hin, da nicht jeder über ein Auto verfügte. Die Ölvorräte sanken zwar weiter, aber trotzdem musste sich die Bahn zugunsten des Autoverkehrs aus der Fläche zurückziehen, nach 1990 überall in Deutschland. Auch verfügten damals in beiden deutschen Ländern viele Unternehmen über Bahnanschlüsse. Auch diese Gleise sind tot. Von den vielen Gewerbegebieten auf der grünen Wiese fährt kein Zug, dafür aber immer mehr Trucks über die Autobahnen. Es gab also alles schon einmal, was man heute wieder braucht.

Umsteuern im Schneckentempo

Insgesamt wurden in den letzten dreißig Jahren 6.467 Kilometer Bahnstrecke stillgelegt. In Ostdeutschland betraf es 40 Prozent der vorhandenen Gleise. Damit begann an vielen Orten die Entwicklung zur abgehängten Region. Für die Politik spielte es keine Rolle, dass in den betroffenen Dörfern und Kleinstädten viele Menschen, besonders Ältere und Jugendliche lebten, die auf öffentlichen Nahverkehr auch mit der Bahn angewiesen waren, um am Leben teilzunehmen. Wenn ich in Brandenburg über Land fahre, kann ich am Erscheinungsbild der Orte erkennen, ob sie über einen Bahnanschluss verfügen oder nicht. Pendler mit Familie lockt es immer weniger dahin, wo kein Zug fährt. Dafür wächst ein Ort wie Lübben im Spreewald, weil man mit dem Regioexpress in 50 Minuten am Berliner Alexanderplatz ist.

Umsteuern wird schwierig und dauert viel zu lange. Bis 2030 - man höre und staune - also immerhin schon in elf Jahren, will die Bahn alle Städte über Hunderttausend Einwohner an das ICE-Netz anschließen und den Taktverkehr einführen. Magdeburg und Chemnitz dürfen also hoffen. Zudem gibt es mittlerweile eine ausufernde Planungsbürokratie, die eine schnelle Umsetzung von Verkehrsprojekten unmöglich macht. Auch wir Bürger müssen uns da an die eigene Nase fassen. In einem Land, dass wirtschaftlich schnelle, funktionierende Verkehrswege benötigt, wird oft jede Möglichkeit genutzt, um gegen den Bau oder auch nur den Ausbau von Schienenwegen Einspruch zu erheben und damit zu verzögern, wenn nicht sogar zu verhindern. Wenn dann alle Genehmigungen erteilt sind, gleicht der Baufortschritt dem Tempo einer Schnecke. Sollten wir die Chinesen holen, damit es schneller vorangeht? Bitte jetzt nicht mit dem Einwurf kommen, dass ihre Bauqualität nicht deutschen Maßstäben entspreche. Ich sage nur BER.

Gottseidank gibt es nun für den umweltbewussten Verkehrsteilnehmer und genervten Bahnfahrer endlich eine Alternative: Den Tretroller, auch bekannt als E-Scooter. Danke, Andreas Scheuer!

MDR AKTUELL RADIO

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2019, 12:19 Uhr

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9 Kommentare

18.08.2019 21:08 Dampfnudel 9

Entlang der heutigen Autobahnen gab und gibt es Bahnstrecken die Infrastrucktur wurde seit den 1960ziger
zugunsten der Straße zurückgebaut oder vernachlässigt.
Trozdem fährt die Verkehrsplanung zweispurig und will nun die Schiene atraktiver machen aber auch gleichzeitig den Straßen Neubau ausweiten. Wir retten die Umwelt nicht indem wir sie platt machen. Der Klimawandel ist nur ein Syntom der globalen Zerstörung
noch glauben wir das wir mit Geld der Apocalypse entkommen so eine Art Klimawandel Ablass.

18.08.2019 20:56 Gandalf 8

Die Versäumnisse rächen sich nicht. Was wir bei der Bahn erleben ist das Ergebnis zielgerichteter politischer Entscheidungen. Ehemalige Automanager in Führungspositionen bei der Bahn und entsprechende Lobbyisten haben Bahn und Streckennetz absichtlich ruiniert. Darüber jetzt zu jammern ist lächerlich. Wir haben schließlich eine Autokanzlerin.

18.08.2019 18:17 Klemmi 7

Bravo Herr Herden, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ob CDU/CSU oder SPD, alle feierten, die am Ziel vorbeigehende Bahnreform, die bundeseigene AG, als reine Bilanzkosmetik, ist ein Sanierungsfall. Egal welches politisches Couleur: Die Bahn wurde jahrzehntelang einem unfairen Wettbewerb ausgesetzt und heute jammert man über verfehlte Klimaziele. Der „Wow-Effekt“ auf der Schiene lässt mit Sicherheit weiter auf sich warten, denn es fehlt an Kompetenz und Willen in den Ministerien. Das letzte was Deutschland gebrauchen kann, ist ein weiterer Verkehrsminister aus dem Hause CSU.

18.08.2019 13:53 Bernd1951 6

Zum wiederholten Male eine in die Tiefe gehende Kolumne von Herrn Herden.
Ironie an
Ich frage mich immer wieder, ob der Niedergang der Bahn etwas mit dem Autoland Deutschland zu tun hat ?
Vielleicht werden so die vielen Arbeitsplätze in der Automobilindustrie gesichert ?
Ironie aus
Ich war vor kurzem in der Schweiz. Dort funktioniert der ÖPNV (Postbus, Schiene) mit seinen Anbindungen so was von gut, da ist Deutschland Lichtjahre entfernt.
Dort hat man allerdings auch nicht in einem "Privatisierungswahn" Einrichtungen der Daseinsvorsorge für kurzzeitige Gewinne in der Staatskasse auf den Markt geworfen.

18.08.2019 10:59 Mane 5

Deutschland hat genug Geld ,aber für andere Sachen. Und das weiß jeder wofür.

18.08.2019 10:12 MaP 4

Eine wunderbare Kolumne, die alles das mit sehr viel Sarkasmus sagt, was jeder halbwegs mitdenkende Bürger kennt und weiß und was symptomatisch für so vieles im Land ist. Warum nur erkennen offenbar die entsprechenden verantwortlichen Politiker nicht die Probleme und gehen vor allem daran, diese zu lösen? Alles Gerede von Klimawandel bringt nur immer abstrusere Ideen hervor, was man den Bürgern alles verbieten könnte bzw. welche neue Abgabe plausibel gemacht werden könnte. Wahrscheinlich soll das nur davon ablenken, dass man zur Lösung der tatsächlichen Probleme nicht (mehr) in der Lage ist - die knapper werdenden Steuergelder können schließlich nur einmal ausgegeben werden, da muss man eben Prioritäten setzen, nicht wahr ihr Damen und Herren von CDUSPDLINKSGRÜN?!

18.08.2019 10:09 Michael Möller 3

einmal mehr eine sehr gute Analyse von Ihnen Herr Heiden. ihre Kolumne zu diesen Thema geht sehr tief und auf den Punkt würde ich sagen. es zeigt aber auch auf wie diese Politiker auf ganze Linie über die Jahrzehnte hinweg eine falsche Politik betrieben haben und dadurch die Umwelt und das Klima geschädigt haben. und nun soll die Bevölkerung die dadurch angefallenen Kosten übernehmen. was aber auch auffällt ist das die grünen dies alles mitgetragen haben und jetzt nichts mehr davon wiesen wollen .

18.08.2019 09:37 Anton 2

Sehr viele Bahnstrecken wurden deaktiviert. Ich glaube nicht, dass D. genug Geld hat, um sie alle zu reaktivieren. Somit sind Menschen im Land auf ein PKW angewiesen. Klimaziele? Muß man sie unbedingt erreichen? Ich glaube nicht, dass das machbar ist. Auch wenn ganze Deutschlang Null CO2 produziert, machen Chinesen und Russen zusammen mit Amerika genug davon.

18.08.2019 09:31 Erich 1

Als unmittelbarer Zeitzeuge weiß Ich, daß nach der Wende das Ticket für die Bahn im Nahverkehr doppelt so teuer war als für den Bus. Dann fuhr auch keiner mehr mit. Die Schiene, seit 150 Jahren im ländlichen Raum gelegen, wich der westdeutschen Unsitte eines asphaltierten Fahrradweges. Da haben sie mit dem Alteisen mal wieder den Reibach gemacht. Das Ende vom Lied, freie Fahrt für freie Autofahrer ohne Bahnschranken und ein konkurrenzlos teurer Bus, am Wochenend auch gern mal gar keiner auf weiter Flur. Es lebe die unverbrüchliche Treue zwischen Bahn und Aktienwahn ! "HOCH HOCH HOCH " ( Lang anhaltender, stehender Applaus)