Unter der Lupe | Kolumne Und jährlich grüßt der Einheitsbericht

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Jedes Jahr das gleiche Ritual: Zum Tag der Deutschen Einheit wird das deutsch-deutsche Gefühlsbarometer befragt. Die Ergebnisse ähneln sich seit 30 Jahren. Der Osten hinkt dem Westen hinterher. Die Menschen von hier und da sollten sich besser verstehen. Die Politik lobt Besserung, ohne wirkliche Lösung. Deshalb sollten wir mit dieser Nabelschau aufhören, weil es viel wichtigere Probleme für Deutschland gibt.

Eine besprühte Wand zeigt das Wort Freiheit
Graffity-Aktion zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Die deutsche Einheit ist vollendet. Jedenfalls bei den Ruhetagen. Vergangenes Jahr habe ich mit einer deutsch-deutschen Wandergruppe den Brocken erklommen. Auf dem Rückweg wollten wir im Ort Schierke, am Fuße des Bergs, noch etwas zu uns nehmen. Aber Dienstag war überall Ruhetag. In diesem Jahr waren wir im Schwarzwald auf dem Westweg unterwegs. Aber auch hier waren auf der Hauptroute und dem Alternativkurs alle bewirtschafteten Hütten am Dienstag geschlossen. Pech für die gesamtdeutschen Wanderer bei 26 Grad Celsius.

Immer gleiche Rituale zum Tag der Einheit

Die Studien zum Stand der Deutschen Einheit, die jedes Jahr ab Mitte September in die Redaktion flattern, sehen das natürlich ganz anders. Sie ziehen stets das Fazit: Noch lange nicht ist Deutschland einig Vaterland. Bei der Wirtschaftskraft, bei den Löhnen und nicht zuletzt bei den Renten. Aber wie soll das auch passieren? Soll der Westen stehenbleiben, damit ihn der Osten einholt? Schon Walter Ulbricht ist am Überholen ohne Einzuholen gescheitert.

Ich bin diese Studien und Berichte leid. Wir müssen die Fakten anerkennen. Es wird keine Konzernzentrale aus dem Westen in den Osten verlegt. Kein neuer Treuhand-Untersuchungsausschuss wird einen alten stillgelegten VEB wieder zum Laufen bringen. Und die meisten der abgewanderten zwei Millionen Ostdeutschen kommen auch nicht wieder zurück.

Gern wird jährlich auch die sinnlose Debatte über eine Ostquote in Führungspositionen belebt.  In den nächsten Jahren wird eine neue Generation in die deutschen Chefetagen streben, wenn sie nicht schon da ist, deren Eltern von Ost nach West oder von West nach Ost gezogen sind und sich oft auch gesamtdeutsch verpaart haben. Für sie ist die DDR nur eine Episode im Geschichtsbuch, wenn sie als  Schüler in der Abiturstufe im Geschichtsunterricht überhaupt so weit gekommen sind.

Die Geschichten von Ost und West sind auserzählt        

Ebenso kann ich es nicht mehr hören, wir sollten uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen. Die Westgeschichten kenne ich. Von Kindesbeinen an nahm ich durch Westfernsehen und Westrundfunk an den westdeutschen Zeitläufen teil: Von Willy Brandt über RAF-Terror und Friedensbewegung bis zur Fußballweltmeisterschaft im Sommer 1990. Auch über das Leben in der DDR konnten die "Brüder und Schwestern im andern Teil Deutschlands" – und wir selbst – eine ganze Menge erfahren.

Tim Herden
Bildrechte: MDR

Wir konnten am Fernseher oder Radiogerät sogar wählen zwischen der verklärten Sicht des sogenannten realen Sozialismus oder dem realistischen Blick des kritischen westdeutschen Journalismus.

Seien wir doch ehrlich: Wir wollen auch nicht mehr die alten DDR-Geschichten erzählen – und die anderen wollen sie nicht mehr hören. Schön beschreibt es der Journalist Birk Meinhardt in seinem Buch "Wie ich meine Zeitung verlor": "… aber wenn man es dann tut, und es ist schon eine riesige Entblößung, es zu tun, dann wird abgewunken und gesagt, lass doch dein Moralisieren." Man kann es sich also sparen.

Kein Einheitsdenkmal nach 30 Jahren

Wir haben es in 30 Jahren nicht einmal geschafft, ein Denkmal zu Ehren der Deutschen Einheit zu errichten. Und wenn nun doch, warum soll es nur ein Denkmal im ehemaligen Ost-Berlin geben und nicht auch eins vielleicht in der westdeutschen Althauptstadt Bonn? Ist die Einheit nur dem Osten des Gedenkens wert? Bisher reichte es jedenfalls nur zur Grundsteinlegung vor dem neu errichteten Berliner Stadtschloss.       

Deutschland tritt seit der Einheit auf der Stelle

Das ist für mich ein Symbol für das eigentliche gesamtdeutsche Problem: Wir bauen ein altes Schloss wieder auf, anstatt auf diesem tollen Bauplatz mitten in Berlin ein modernes futuristisches Gebäude zu errichten. Denn wir Deutschen sind seit der deutschen Einheit vor 30 Jahren erstarrt wie ein Fischlein unterm Eis.

Das unterzeichnete Vertragswerk zur deutsche Einheit, 1990
Das unterzeichnete Vertragswerk zur deutschen Einheit. Bildrechte: dpa

Das pure Kopieren des erprobten bundesdeutschen Systems, statt eines gemeinsamen gesamtdeutschen Neustarts, führte zu einem "Weiter so", nach der beliebten Formel: "Das haben wir schon immer so gemacht. Das haben wir noch nie so gemacht. Da könnte ja jeder kommen."

Besonders die Regierungsphase von Angela Merkel steht für diesen permanenten Stillstand statt notwendiger Modernisierung. Erstaunlich für eine Naturwissenschaftlerin, bei der man Entdeckergeist und Risikobereitschaft vermuten sollte. Das Ergebnis: Wir leben aus der Substanz. Deutschland ist schon im europäischen Vergleich nur noch Mittelmaß, zeigt der diesjährige Digital Economy and Society Index (DESI). Vom globalen Maßstab mal ganz zu schweigen. Da kann man aus vielen Statistiken ablesen. Dafür halten wir aber die Nase noch ziemlich hoch im Wind.

Nur noch Mittelmaß?

Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook könnten in Deutschland aufgrund des Datenschutzes gar nicht entstehen. Dabei tragen wir ihn nur wie eine Monstranz vor uns her, während wir unsere Daten durch die Nutzung unserer Smartphones fleißig wem auch immer ausliefern.

Kommt ein Investor wie Tesla gibt es gleich Proteste gegen die Ansiedlung. Wer mangelnde direkte Demokratie in Deutschland beklagt, sollte sich mal mit den langwierigen Planfeststellungsverfahren vor dem ersten Spatenstich für Infrastrukturprojekte beschäftigen, die einzelne Bürger zu Fall bringen können. Wir wollen Strom aus der Steckdose, aber bitte nicht aus Atomkraft, Kohle oder Windkraft. Aber woher denn dann?

Bei der Digitalisierung ist selbst Portugal weiter als Deutschland. Die Steuerung des öffentlichen Nahverkehrs, auch mit autonomen Fahrzeugen, auf der Basis von Daten gehört in chinesischen Städten zum Alltag. In den baltischen und nordeuropäischen Ländern passiert fast alles an Behördenkontakt und medizinischer Versorgung im ländlichen Raum auf digitaler Basis und Telemedizin, während wir noch Corona-Daten mit dem Stift notieren und per Fax ans Robert Koch-Institut schicken.

Modernisierung ist wichtiger als Nabelschau

Wir schauen an jedem 3. Oktober zurück, was nicht gut gelaufen ist, statt nach vorn, was wir zusammen als Deutsche schaffen müssen, wenn wir nicht weiter abrutschen wollen. Kein Investor, kein Handelspartner beschäftigt sich vor einem Engagement in Deutschland mit unserer inneren Nabelschau. Sie wollen eine gute Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte, ein leistungsfähiges digitales Netz – und vor allem nicht Jahrzehnte auf all das warten.

Wir brauchen nicht noch den 31. Bericht zum Stand der deutschen Einheit, sondern den ersten ehrlichen Bericht zum Stand der Modernisierung Deutschlands. Da würde wahrscheinlich drin stehen: Weder im Harz noch im Schwarzwald gibt es auf den Gipfelwegen und "nicht an jeder Milchkanne" ein stabiles Mobilfunknetz. Da sind wir "Deutschland einig Vaterland".

Zeiten des Umbruchs 60 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. August 2020 | 11:25 Uhr

88 Kommentare

Chemnitzer vor 3 Wochen

@Heimatloser
Anscheinend war der Plan, hier im Osten den Reibach zu machen. Es ging darum, die zu ihnen antagonistische Gesellschaft Sozialismus zu beseitigen und das sozialistische System mit der Wurzel auszureissen. Warum wurden in Berlin ect. zuerst die Medien " gewandelt"? Warum wurden sofort die VVB aufgelöst? Dann ging es an die konsequente Privatisierung oder Zerstörung der VEB. Die Ökonomie als Primat ...alles Andere ist nachgeordnet, Bildungsinhalte usw. Trotzdem bin ich froh,dass wir wieder ein Volk sind. Über alle Schwierigkeiten hinweg. Der Westen wusste, dass es schnell gehen musste, bevor die Ostler zur Besinnung kommen, dass sie eigentlich was anderes wollten.( Siehe Bürgerrechtler, Runder Tisch!) Ich bin trotzdem froh.Schönen Abend!

Heimatloser vor 3 Wochen

zenkimaus,
jo,...."wir lachend in die Zukunft schauen"das wollte die Generation meiner Elltern
und meine Generatio wollte das auch noch.Ich möchte es für meine Kinder und
Enkelkinder.Doch dazu müssen wir viele "Bremsklötze"aus den Weg schaffen!

Heimatloser vor 3 Wochen

@Wessi,
"Das ist letztendlich CDU-Ost-Fehler!"Mag vielleicht so sein.Ich habe für
das Verhalten der Ost-CDU eine andere Definition.Die ich aber hier nicht
verraten darf (kann).Anders,besser und schneller konnte doch die "Ver-
einigung für den Westen im deutschen Land nicht laufen.Kohl möge es
ja bei seinen Wahlkämpfen (auf dem Boden der DDR (?) "gut" gemeint
haben.Und trotzdem nahm er den Mund zu voll.Nur eben die Hintermänner haben bei den Verhandlungen das durchgesetzt, was das Finanzkapital und Wirtschaftmächtigen wollten.
Die Hintermänner könnte ich Ihnen aufzählen.Aus Eigenschutz aber nicht.
Sicher verstehen Sie das."ordinärem Wessi"?Wisse Sie,ich habe 25 Jahre im
Westen in einer öffentlichen Einrichtung gearbeitet.Habe also diesen und
jenen Wessi kennengelernt.Es war eine schöne Zeit mit den "Westkollegen"!
Ordinär geht anders!Wenn Sie mögen,lassen Sie sich meine E-Mail vom MDR
geben. (?)