Fontanedenkmal vom Bildhauer Max Wiese auf dem Fontaneplatz in Neuruppin
Das Fontane-Denkmal auf dem Fontaneplatz in Neuruppin. Bildrechte: imago/Schöning

Unter der Lupe | Kolumne Zum 200. Geburtstag: Auf den Spuren von Theodor Fontane in Berlin

200 Jahre nach der Geburt Theodor Fontanes in Neuruppin eröffnen dort Bundespräsident Steinmeier und Brandenburgs Ministerpräsident Woidke offiziell das Fontanejahr. Die längste Zeit seines Lebens wirkte Fontane allerdings in Berlin. Eine Spurensuche in der Hauptstadt.

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Fontanedenkmal vom Bildhauer Max Wiese auf dem Fontaneplatz in Neuruppin
Das Fontane-Denkmal auf dem Fontaneplatz in Neuruppin. Bildrechte: imago/Schöning

Meine Generation verbindet mit Theodor Fontane zwei Begegnungen im Deutschunterricht. Zuerst war da die Ballade von "John Maynard", die Geschichte vom tapferen Steuermann, der sein Leben opferte, um die Menschen an Bord der "Schwalbe" zu retten. "Noch zwanzig Minuten bis Buffalo" am Ende einer Strophe wurde zum geflügelten Wort. Selbst noch bei uns als Schülern.

Später stand dann "Effi Briest" auf dem Lehrplan. Die traurige Geschichte einer jungen Frau im späten 19. Jahrhundert, die gegen die Konventionen der Zeit und "guten Gesellschaft" verstößt und daran zugrunde geht. Da gibt es sogar einen "Sidekick" nach Dresden.

Denn Vorlage für den Roman war das Schicksal der Großmutter von Manfred von Ardenne, Elisabeth von Ardenne. Im Unterschied zum Roman starb sie aber nicht nach der Scheidung, sondern widmete sich der Krankenpflege. Das Grab von Elisabeth von Ardenne alias Effi Briest kann man auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin besichtigen.

Romancier und Chronist

Aber zurück zu Fontane. Und erstmal zum Ende. Der Weg zu seinem Grab führt in den Norden Berlins. Als der Dichter 1898 auf dem Friedhof der Französischen Gemeinde in der Liesenstraße 7 zu Grabe getragen wurde, war das noch ziemlich "j.w.d.", "janz weit draussen", wie der Berliner so sagt. Das nahe Wedding entwickelte sich gerade zum Industrie- und Arbeiterbezirk.

Grabstein Fontanes
Das Grab Theodor Fontanes in Wedding. Bildrechte: MDR/Tim Herden

Aber die Ruhestätte Fontanes hat damals geradezu Symbolkraft, weil sie sich in der damaligen Zeit an der Nahtstelle zwischen dem bürgerlichen und dem proletarischen Berlin befand. Die Umbrüche jenseits und diesseits dieser Grenze beobachtete Fontane als Chronist seiner Zeit mit seinen Romanen sehr genau.

Er beschrieb durchaus nicht nur das Leben der Aristokratie Preußens und der aufstrebenden gutbürgerlichen Gesellschaft. Auch Menschen aus dem aufstrebenden Proletariat und / oder Verfechter fortschrittlicher Ideen finden sich bei Fontane, der sich aber schon als "Preuße" empfand und sicher nicht gerade ein Revolutionär war.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Fontane-Ausstellung in der Friedhofskapelle der Französischen Gemeinde. Bildrechte: MDR/Tim Herden

Er schrieb: "Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben." Und so gibt es im "Stechlin" einen Pfarrer mit viel Sympathie für die Sozialdemokratie. Der Fabrikmeister Gideon Franke in "Irrungen, Wirrungen" folgt dem Wunsch nach sozialem Aufstieg.

Schon einen Eindruck über diese Vielfältigkeit von Fontanes Werk vermittelt eine schöne kleine Ausstellung in der Kapelle des Friedhofs, nahe des Grabes von Fontane. Sie gibt auch einen Überblick über das Leben dieses literarischen Multitalents. Fontane war Journalist, Theaterkritiker, Chronist, Romancier.

Fontane leibhaftig

Tim Herden
Begab sich auf die Spuren von Fontane: MDR-Korrespondent Tim Herden. Bildrechte: MDR

Aber man kann Fontane im Jubiläumsjahr auch fast leibhaftig begegnen. Im "Theater im Palais" am Festungsgraben, hinter der Neuen Wache Unter den Linden. Wenn man an den Porträts des Dichters im Foyer vorbei spaziert ist und dann den Auftritt von Carl-Martin Spengler auf der Bühne erlebt, glaubt man, Fontane selbst sei erschienen.

Sekundiert wird Spengler beim Programm "Gelacht, geweint: Fontane" von Gabriele Streichhahn und Jens-Uwe Bogadtke. Das Trio präsentiert Ansichten Fontanes zu Leben im Wilheminischen Preußen und Auszüge aus seinen bekannten "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Manches, was Fontane vor rund 150 Jahren zu sagen hatte, scheint heute noch aktuell. Fallbeispiele:

Die ganze Welt, man könnte beinah sagen: die Sozialdemokratie mit eingerechnet, hat sich durch gesteigerten Besitz und durch gesteigerte Lebensansprüche bis zu einer gewissen Bourgeoishöhe, vielfach von greulichstem Protzentum begleitet, entwickelt.

Theodor Fontane "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

Drei Schauspieler auf einer Bühne
Jens-Uwe Bogadtke, Gabriele Streichhahn und Carl-Martin Spengler im Theaterstück "Gelacht, geweint: Fontane" (v.l.n.r.) Bildrechte: MDR/Julia Bornkesse

Alles dient dem Äußerlichen; auf den ersten Ruck ist dadurch was gewonnen, die Sinne werden befriedigter, aber so wie man ein bisschen schärfer zusieht, nimmt man eine Äußerlichkeitsherrschaft wahr, die mit einer Verrohung Hand in Hand geht.

Theodor Fontane "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

Geradezu anrührend spielt das Trio Fontanes Beschreibung der "Katte-Tragödie" nach. Heute ist der junge Offizier fast vergessen, der dem jungen Friedrich, als er noch Kronprinz und nicht der Große war, die Flucht vor dem strengen Vater ermöglichen wollte und dafür mit seinem Leben bezahlte. Wenn Kattes Kopf auf der Bühne fällt, darf durchaus eine Träne gedrückt werden. Ein schöner, nachdenklicher Theaterabend.

Spaziergang zu Fontanes Helden

Tagsüber kann man durch Berlin der Fontane-App des RBB folgen und seinen Figuren nachspüren. Man findet mit der kostenlosen App nicht nur die Orte, an denen Fontanes Romanhelden lebten. Durch Hörbeispiele aus den Büchern wird das Berlin des späten 19. Jahrhunderts wieder lebendig.

Gebäudeaußenansicht des Auswärtigen Amts in Berlin
Das Auswärtige Amt in Berlin. Bildrechte: MDR/Tim Herden

Vieles ist durch den Wandel der Zeit und durch Zerstörungen des Krieges weitgehend verschwunden. So ist das Geburtshaus der Commerzienrätin Jenny Treibel in der Adlerstraße, wo sie sich heftige Wortgefechte mit der emanzipierten Professorentochter Corinna Schmidt lieferte, unter den Fundamenten des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt verschwunden.

Häuserzeile
In der Keithstraße in Berlin wohnte in Fontanes Roman Effi Briest. Bildrechte: MDR/Tim Herden

Kaum vorstellbar, dass um 1880 hinter der Gedächtniskirche zum Teil noch grüne Wiese war. Dort ließ Fontane in "Irrungen, Wirrungen" in der "Dörrschen Gärtnerei" die Wäscherin Lene Nimpsch wohnen, unglücklich verliebt in den mittellosen Adligen Botho von Rienäcker.

Um die Ecke in der Keithstraße findet man wenigstens noch eines dieser alten Bürgerhäuser, in das Effi Briest nach ihrem Umzug nach Berlin mit ihrem Mann Baron von Instetten eingezogen ist.

Fontane ist durchaus noch aktuell

Frauenfiguren aus seinen Romanen wie Effi Briest, Corinna Schmidt oder Lene Nimpsch machen Fontane fast wieder aktuell. Er hatte ein Faible, auch wenn sie im Kampf für den eigenen Lebensanspruch und gegen Konventionen scheiterten.

Das ist uns heute nicht so fern, in den Debatten um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Vielleicht ist es gut, noch einmal nach diesen Romanen zu greifen, um zu verstehen, dass der Fortschritt auf diesem Gebiet eine Schnecke war und ist.

Oder um es mit dem letzten Satz aus "Effi Briest" zu sagen: "Das ist ein 'zu' weites Feld".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. März 2019, 08:39 Uhr

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1 Kommentar

30.03.2019 10:16 GRUEN UNSERE ZUKUNFT 1

eigentlich könnte unser Robert Habeck wegen seiner aktuellen Beliebtheit (Angela Merkel die Bundeskanzlerin wurde vom Grünenchef Robert Habeck abgelöst), den Fontane für unsere grüne Bewegung einspannen und sich als künftigen Außenminister und Vizekanzler, profilieren.