Unter der Lupe | Kolumne Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs

Pünktlich zur Grünen Woche laufen Landwirte erneut Sturm gegen die Agrarpolitik. Sie fühlen sich zu Unrecht als Umweltzerstörer verurteilt. Auf der anderen Seite: Stadtmenschen, die gern billig im Supermarkt einkaufen.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Ein Wolf läuft durch sein Gehege im Tierpark Hellabrunn in München.
Wir Menschen sind für Nutztiere sehr viel gefährlicher als der Wolf - findet Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Bildrechte: dpa

Wie nah geht es uns, wenn ein Wolf Schafe reißt? Der Wolf gilt somit als böses Tier und soll deshalb zum Abschuss freigegeben werden. Die Schäfer dürfen unseres Mitleids sicher sein, obwohl wir die weiche Baumwolle der kratzigen Schafwolle vorziehen. Am Markt wird deshalb meist nicht mehr ein Euro für das Kilo Wolle gezahlt. Aber wir haben trotzdem ein gutes Gewissen.

Der Wolf in uns

Der Wolf folgt nur seiner Natur. Dabei gibt es noch eine weit größere Gefahr für die Nutztiere in deutschen Ställen. Uns selbst. Den Menschen. Denn auch wir folgen unserer Natur und dem ständigen Appetit auf Fleisch.

Tim Herden
In seiner wöchentlichen Kolumne nimmt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden das politische Geschehen unter die Lupe. Bildrechte: MDR

Doch von diesen traurigen Tatorten und Tierschicksalen wollen wir nicht so viel erfahren und uns den Appetit verderben lassen, obwohl hunderttausendfach dort täglich Tieren Schlimmes angetan wird: In viel zu engen Ställen. Auf langen Fahrten zum Schlachthof. Mit der Beschneidung von Schnäbeln und Schwänzen.

Ich will hier aber nicht – wie so oft – die Bauern dafür auf die Anklagebank setzen. Natürlich könnten sie ihre Ställe so bauen, dass Schweinen, Rindern und Hühnern ein erträgliches Leben als Nutztiere geschenkt wird. Sie könnten auf ihren Feldern auch Blühstreifen ansäen, damit die Bienen Nahrung finden. Sie könnten auch Hecken um die Felder anpflanzen, damit die Bodenerosion auf großen Schlägen geringer wird. Und sie könnten weniger auf Monokulturen wie Mais setzen, die Äcker auslaugen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Deutsche sind "Sparhans" beim Essen

Wir selbst sind die Schuldigen für viele beklagenswerte Zustände in den Ställen. Die Beweise werden uns jede Woche frei Haus geliefert, wenn die Werbeprospekte der Supermärkte ins Haus flattern. Vier Hähnchenschenkel noch einmal 24 Prozent billiger bei Netto und jetzt nur noch für 2,19 Euro. 3,44 Euro spare ich bei Edeka und so kostet das Kilo Schweineschnitzel nur noch 5,55 Euro. 400 Gramm Bio-Hackfleisch sind bei Aldi für 2,99 Euro zu haben. Noch mal 16 Prozent gespart. Wir Deutsche sind im wahrsten Worte Sparhänse bei der Ernährung. Nicht mehr als zehn Prozent geben wir für Essen aus und liegen damit als reiche Nation am Ende der Rangliste der Europäischen Union. Stolz sollten wir darauf nicht sein. 

Tierleben wenig wert

Bleiben wir mal bei den Hähnchen. Bei Netto zahlt man diese Woche für zwei Brüste 2,95 Euro, also für eine knapp 1,50 Euro.

Fragen wir uns manchmal, was uns so ein Hähnchenleben Wert ist nach Abzug von Aufzucht, Schlachtung, Verarbeitung, Verpackung, Transport und Verkauf? Oder umgekehrt:  Wie sollen für diese Preise für ein Hähnchenleben im Cent-Bereich die Bauern wirklich dem Tierwohl entsprechend produzieren? So bekommen Milchbauern für den Liter Milch kaum mehr als 30 Cent. Molkereien feilschen zum Teil um den Viertel- und halben Cent. Bei Netto kostet der teuerste Liter Milch 99 Cent. Wer da als Bauer ein wenig Gewinn machen will, kann das nur über die Menge machen, bei der die Kühe zu Melkmaschinen werden. Die anerkannte Rinderzüchterin Anja Hradetzky geht davon aus, dass der Liter Milch mindestens 2,80 Euro kosten müsste. Doch wären wir bereit, das zu bezahlen? Für Rindfleisch ruft sie einen Mindestpreis von 18 Euro pro Kilo auf. Aber das Kilo Rouladen kostet momentan nicht mehr als 8,79 Euro bei Netto.

Tierwohlabgabe wäre ein Anfang

Greenpeace fordert nun eine Fleischsteuer von 50 Cent pro Kilo Fleisch und rechnet mit zehn Euro pro Verbraucher im Monat mehr, wenn diese "Tierwohlabgabe" eingeführt werden würde. Ich hätte damit kein Problem, wenn wir damit vielleicht erreichen, dass es in deutschen Ställen – fast möchte ich sagen – etwas menschlicher zugehen würde. Vielleicht ist es für uns einfach zu selbstverständlich geworden, dass jeden Mittag in der Kantine ein Stück Fleisch auf dem Teller liegen muss zu moderaten Preisen und wir zugleich in unseren Köpfen gern die Idylle vom fröhlichen Leben auf dem Lande wie in Bullerbü pflegen. Die Bauern können beim besten Willen bei den niedrigen Preisen diesen Spagat nicht hinbekommen.

Wir selbst müssen mehr Bewusstsein haben für das, was mit den Tieren passiert, bevor wir sie aufessen, und auch bereit sein, mehr für ihr Wohl bis zur Schlachtung auszugeben. In der Bibel gibt es dafür einen klaren Satz: "Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs." Denn wir sind keine Wölfe.      

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 17. Januar 2020 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 05:00 Uhr

117 Kommentare

part vor 11 Wochen

Unsere Poltiker bereiten nun ja auch schon wieder das nächste Freihandelsabkommen vor, Mersocur genannt. Im sogenannten Freihandel geht es in Wirklichkeit eben nicht vor allem darum, Zölle zu senken und freien Handel zu treiben, sondern darum, gezielt den Abbau von Schutzmaßnahmen für Umwelt und Menschenrechte voranzutreiben. Abkommen wie Mercosur führen zu hemmungsloser Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen. In einer Freihandelszone können die Großen immer günstiger anbieten, was die lokale und regionale Landwirtschaft sowohl in Europa als auch in den Mercosur-Staaten einem ruinösen Preisdruck aussetzen würde. Wer sich am Tierwohl orientiert oder ökologisch produziert, kann da nicht mehr mithalten. Mersocur Es würde mittelbar den Export von Agrarprodukten wie Soja und Rindfleisch aus Südamerika forcieren. Das würde wiederum einer weiteren Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes Vorschub leisten. Treibhausemissionen durch Warentransporte werden sich verfünffachen.

Ekkehard Kohfeld vor 11 Wochen

"7,14 Millionen Personen, die in den letzten 12 Monaten an die Ostsee in den Urlaub gefahren waren."
Wir scheinen ein wohlhabendes Land zu sein. Oder: Ihre Behauptung ist schon wieder Unfug."

Komisch wir haben aber über 82 Million Bürger.
7,14 von 82 sind: 8,70732 % (gerundet: 8,71 %)
Und damit wolle sie beweisen das die Deutsch reich sind.
🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣🤣

Ekkehard Kohfeld vor 11 Wochen

"Ich mag ein Stadtkind sein, welches fast alle Ferien in den 70ern auf dem 3 Seitenhof seiner Großeltern verbracht hat."

Und deshalb sind sie natürlich ein Experte,und warum haben sie in dem Job
keinen hoch bezahlten Posten?Was einige hier von sich geben ist echt putzig.
😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉😉