Unter der Lupe Geht's nicht ohne Merkel?

Die potenziellen Kanzlerkandidaten der Union können Angela Merkel bei der Bewältigung und Bekämpfung des Coronavirus an Durchsetzungskraft und Konsequenz kaum folgen, meint Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Ist das Merkels letzter Kampf?

TV-Ansprache von Bundeskanzlerin Merkel auf einem kleinen Fernseher
Präsent in der Krise: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bildrechte: dpa

Heute war Merkels Stunde. Angela Merkel trat im Kanzleramt vor die Kamera, wandte sich an die Deutschen. Es war wohl ihre emotionalste Rede in den 15 Jahren ihrer Amtszeit. Tiefgreifende Maßnahmen, um die Corona-Krise einzudämmen, hatte sie schon am Montag verkündet: Geschäfte zu. Reisen verboten. Kultur lahmgelegt. Kontaktverbot für alle soweit es geht. Nur noch Händewaschen ist erlaubt. Nun geht es ihr um eins und sie sagt es deutlich und emotional wie nie zuvor: Wir Deutschen müssen diese Krise ernst nehmen und die Herausforderung annehmen. Nur gemeinsam werden wir sie bestehen.

Merkel führt Kampf gegen Corona-Epidemie an

Die Kanzlerin hat schon in den letzten Tagen an sich gezogen, was die Aufgabe der Länder gewesen wäre: Der Kampf gegen das Coronavirus. Die Landesregierungen hatten sich zuvor genug blamiert, als es um die Schließung der Schulen und die Absage von Veranstaltungen ging. Kein einheitliches Vorgehen. Da wurde in Mönchengladbach noch vor über 40.000 Zuschauern Fußball gespielt, während es keine 30 Kilometer entfernt, im Kreis Heinsberg, schon ein Risikogebiet gab. Wenn man dort nun das dynamische Infektionsgeschehen sieht, muss das Coronavirus im Stadion viele Opfer gefunden haben.

Tim Herden, Studioleiter des MDR Fernsehens im ARD-Hauptstadtstudio und Krimi-Autor
Tim Herden kommentiert für MDR AKTUELL das politische Tagesgeschehen. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

In Halle wurden wegen einer Häufung von Corona-Infektionen am Freitag letzter Woche die Schulen geschlossen, in Leipzig lief dagegen alles weiter. Ob da der Glaube vorherrschte, das Virus würde an der nahen Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt stehen bleiben? Nicht im Körper manches Pendlers mit der S-Bahn durch Mitteldeutschland weiterreisen? Alles kein Qualitätsnachweis für die Stärke des Föderalismus und die Eigenverantwortung der Länder, auch wenn es sich jetzt mancher Ministerpräsident schön redet. Vielmehr schien man den Ruf zu hören: "Bund! Bitte übernehmen!" Und die Kanzlerin tat es. 

Rückkehr in die Innenpolitik

Angela Merkel schien schon auf politischer Abschiedstour. Das Karriere-Ende mit den nächsten Bundestagswahlen vor Augen reiste sie mehr ins Ausland und trieb sich auf diplomatischem Parkett herum, während sich die gewünschten und selbsternannten Kandidaten um ihre Nachfolge stritten. Aber offensichtlich strapazierten einige Pannen doch sehr ihre Geduld. Nicht zuletzt die Thüringen-Krise. Da nahm Merkel der glücklosen Annegret Kramp-Karrenbauer das Heft des Handelns aus der Hand und die warf auch gleich das Handtuch. Nun in der Corona-Krise ist Merkel seit einer Woche fast täglich auf dem Bildschirm und wendet sich ans Volk. Heute Abend tat sie es gleich wieder mit dem schärfsten Mittel des Regierungschefs: der Fernsehansprache. Neujahrsansprachen mal außer Acht gelassen, weiß nun jeder: Die Krise ist da! Jetzt heißt es zusammenrücken!

Merkel nennt dieses Vorgehen selbst "ungewöhnlich" – und hat bisher noch nie zu dieser rhetorischen Waffe gegriffen. Schon gar nicht in der Emotionalität, die ich bei Merkel noch nie so erlebt und noch nie so empfunden habe. Bei der Finanzkrise 2008 gab es nur ein gemeinsames Statement mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück. Bei der Flüchtlingskrise sogar nur eine Pressekonferenz. Aber heute sendete sie an die Deutschen das klare Signal: Ich führe euch auch durch diese Krise.

Nur Spahn und Söder halten mit Merkel mit

Mancher der eventuellen Nachfolger fürchtete, der letzte Satz hätte lauten können: "Und ich trete wieder an." Gefallen ist er aber nicht. Noch nicht? So hatte es Helmut Kohl 1998 gemacht, nachdem eigentlich schon Wolfgang Schäuble als potenzieller Kanzlerkandidat ausgerufen worden war. Deshalb üben sich die Laschets, Spahns und der mögliche Überraschungskandidat Söder bei ihren Auftritten schon in der Kanzlerpose, nur um klar zu machen: Wir könnten das auch. Merz ist momentan entschuldigt. Ihn hat das Virus schon erwischt. Aber können sie es wirklich? Laschet fällt deutlich ab, Anschluss zu halten und Merkel zu folgen, jetzt in der Krise. Er wirkt nicht sehr tatendurstig in seiner rheinischen Gemütlichkeit. Von einem Politiker mit Machtambitionen erwartet man in diesen Tagen ein anderes Auftreten.

Laschets Reden ans nordrhein-westfälische Volk leben dagegen nicht gerade von der dynamischen Art des Vortrages. Da macht Gesundheitsminister Spahn mehr her. Er gibt den Macher, sammelt Schutzausrüstungen ein, bestellt Beatmungsgeräte und kann erstaunlich gut über die Sorge für die Risikogruppe der Älteren reden, denen er früher die Rente kürzen wollte. Jeder lernt eben dazu. Aber er hat harte Konkurrenz: den Bayern Markus Söder. Der gibt den starken Landesvater mit düsterem Blick aber Kraft in der Stimme. Manchmal sieht man ihn fast schon hoch zu Ross auf einem Denkmalssockel, das Schwert gegen den unsichtbaren Feind – das Coronavirus – erhoben, mit dem Schild die Bayern schützend. Über Norbert Röttgen schweigen wir an dieser Stelle mal still.   

Staatsfraulich und zugleich nah bei den Menschen

Aber noch führt Merkel das Volk an und lässt sich ähnlich der englischen Queen nicht das Ruder aus der Hand nehmen. Sie scheint geradezu aufzuleben, zeigt sich nah bei den Menschen, aber zugleich fürsorglich wie ein Familienoberhaupt. Ob es ihre Idee war, die Garten- und Baumärkte offen zu halten? Vielleicht weil sie aus Templin und der Uckermark weiß, wie der Deutsche seinen Vorgarten liebt. Inklusive Gartenzwerg.

So wären die Tage zuhause in Quarantäne oder beruflicher Untätigkeit wenigstens nicht umsonst, wenn einer neben der Tiefkühlpizza noch ein paar Stiefmütterchen und Storchschnäbel vorbeibringt. Da Merkel eigentlich nicht gern reist und nicht jeden ihrer weltpolitischen Mitstreiter mag, kommt es ihr auch entgegen, nicht stundenlang mit Macron, Trump und Co. an einem Tisch zu sitzen, sondern alles per Videokonferenz abzuklären. Wird's ihr zu viel, könnte sie einfach die Leitung kappen. Ist ja bekannt, dass die Deutschen bei der Breitbandversorgung hinten dran sind.

Es ist Merkels Stunde. In Amerika würde man dazu einen entsprechenden Blockbuster drehen. In Deutschland fragen sich immer mehr, etwas respektierlich, wie soll es nach 2021 eigentlich ohne "Mutti" Merkel gehen?

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. März 2020 | 20:30 Uhr

102 Kommentare

wo geht es hin vor 9 Wochen

"neigt nicht zu Hysterie+Pathetik" ...lol....Also viel mehr Pathos ging ja nun wirklich nicht mehr. Oder wir haben verschiedenen Reden gehört. Und es wäre also illegal gewesen, Desinfektionsmittel, Schutzanzüge etc. vorsorglich in großen Mengen zu produzieren und zu bevorraten? Merken Sie eigentlich selber, was Sie für Stuss schreiben? Und nun auf ein Mal verteidigen Sie Merkel, weil sie ja Physikerin war, dass sie ja gar keine Ahnung von der Materie haben muss? Ich kann mich gut erinnern, dass Sie bei der Kritik so mancher User hier an der Fachfremdheit verschiedenster Minister vehement behauptet haben, dass müsse ja auch gar nicht sein. Sie sollten sich schon mal entscheiden. Und Sie sind im Ernst der Meinung, dass z. Bsp. ein Spahn "hervorragend gearbeitet" hat? Dann sollten Sie sich mal in den Krankenhäusern und Arztpraxen umhören - da bleibt Ihnen wahrscheinlich die Luft weg, was Sie dort über Spahn zu hören bekommen! PS: Meine Schwiegerkinder arbeiten allesamt im Krankenhaus!

wo geht es hin vor 9 Wochen

"Welche Fehler"? Echt jetzt - so eine Frage stellen Sie hier? Um mal Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen: Im Januar hat sich ein gelernter Bankkaufmann vor die Mikros gestellt und was von "wir sind gut vorbereitet" und "alles kein Problem für Deutschland" gefaselt. Und? Was ist eingetreten? Kliniken schreien verzweifelt nach einfachsten Dingen wie Schutzausrüstung, Desinfektionsmaterial, Beatmungsgeräten, Personal, geeigneten Räumlichkeiten und und und. Schon wieder vergessen? Und wo haben Sie die von Ihnen hier so hochgelobte Kanzlerette denn im Dezember, Januar oder Februar ENTSCHLOSSEN HANDELN sehen? Die war unsichtbar und abgetaucht! Erst, als die Kacke am dampfen war und sie sich nicht länger verleugnen KONNTE - DA AUF EINMAL wendet sie sich an das von ihr ungeliebte Volk mit der Aufforderung zur "Solidarität". Und wenn die "Solidaität" fordert, heisst das für den kleinen Mann, die Zeche für die Unfähigkeiten der Regierung zu zahlen. Und wer hat schuld? Corona natürlich!

Wessi vor 9 Wochen

@ Guter Schwabe ...nocheinmal: bitte nennen Sie die, wo ALLE Virologen bezgl. des "Fehlers" einer Meinung sind.Welcher medizinischen Fakultät gehören Sie an, daß Sie das so absolut behaupten dürfen? Ich persönlich sehe Ausgangssperren bei "uns" z.B. nur als so notwenidg wenn sich an die Vorgaben nicht gehalten wird.Söder hat keinen "Druck" aus A. bekommen.Was Sie da so von sich geben+wie, empfinde ich als "Hysterie".Und meine Empfindungen lasse ich mir nicht vorschreiben.Unsere Demokratie lässt eben soetwas wie in China+ganz schnell nicht zu.Sehen wir mal.Ich bin Risikogruppe, altersmäßig und plus.Schon mal "Freund Hein" "von der Schippe" gesprungen...ich bleibe darum unaufgeregt.