VEB Polstermöbel Variant in Oelsa-Rabenau
Wer nach dem Mauerfall keine DDR-Produkte mehr wollte, trug auch mit zur Deindustrialisierung des Ostens bei, findet Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Bildrechte: imago/Dieter Matthes

Unter der Lupe | Kolumne Die Auswilderung

Geradezu überschwänglich wird gerade das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls begangen. Jeder erzählt, wo er an jenem 9. November war und wo er die Nachricht von der geöffneten Grenze erfahren habe. Für die Ostdeutschen war es der Anfang einer rasanten und zugleich sehr wechselhaften Entwicklung. Laut aktuellem Deutschlandtrend glauben nur noch 60 Prozent der Ostdeutschen, dass ihnen die Wiedervereinigung Vorteile gebracht hätte. Manchmal ist aber unser Blick auch getrübt.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

VEB Polstermöbel Variant in Oelsa-Rabenau
Wer nach dem Mauerfall keine DDR-Produkte mehr wollte, trug auch mit zur Deindustrialisierung des Ostens bei, findet Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Bildrechte: imago/Dieter Matthes

Vor wenigen Tagen endete in Leipzig im Museum der bildenden Künste die Ausstellung „Point of no return“, eine Werkschau ostdeutscher Künstler mit Bildern, Plastiken und Installationen aus der Zeit vor, während und nach der Wende. Der „Point of no return“ war der Mauerfall. Danach gab es nach Ansicht der Kuratoren keine Chance mehr, auf dem Weg zur deutschen Einheit umzukehren.

Tim Herden
Unser Hauptstadtkorrespondent Tim Herden kommentiert das Berliner Politikgeschäft. Bildrechte: MDR

Eine Installation traf die Situation und Gefühlslage vieler ehemaliger DDR-Bürger sehr treffend: Sighard Gille "Auswildern". So kann man es sehen: Die Ostdeutschen wurden aus der behüteten und abgeschlossenen Welt der DDR weitgehend unvorbereitet ausgewildert in die soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland. Aber es wird unterschlagen, dass wir diese Auswilderung auch wollten, dass die Mauern fallen sollten. Durch die Gitterstäbe hatte man zwar immer fast überall schon vor dem Mauerfall Gelegenheit nach Westen zu schauen, allerdings oft nur durch das Schaufenster des "Westfernsehens". Da sah man zwar auch nicht nur die Sonnenseite. Vielleicht glaubten viele deshalb, gut vorbereitet zu sein. Doch dann erfuhren wir, dass es etwas anderes ist, eine Gesellschaft nur als Zuschauer zu betrachten als in ihr wirklich zu leben.

Harte Landung in der Marktwirtschaft

Jedenfalls war der Aufbruch für viele Ostdeutsche in die freie Wildbahn der Bundesrepublik ein ziemlicher Schock. Nachdem sie kurz als Hauptdarsteller auf der Bühne der Weltgeschichte mit der friedlichen Revolution gestanden hatten, wurden sie in die Kulissen zurück gedrängt. Der Westen übernahm die Regie. Erster Härtetest war das Wirken der Treuhand. Da ging es mehr um Marktwirtschaft, statt um Soziales. Die Ostdeutschen erlebten die Deindustrialisierung ihres ehemaligen Landes. Allerdings wäre unser Rückblick verstellt, wenn man das Wirken der Treuhand immer nur als Beseitigen unliebsamer Konkurrenz sieht und sich so viele als Opfer sehen.

Zur Marktwirtschaft gehört nun mal das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Davon hatten wir theoretisch im Fach Politische Ökonomie Kapitalismus gehört. Nun erlebten wir den praktischen Beweis. Auch weil wir DDR-Produkte nicht mehr nachfragten und lieber die Westprodukte wollten, verschwanden viele Betriebe. Die Folgen sind bekannt. Mancher blieb ganz auf der Strecke. Viele trugen Wunden davon, während sie sich der neuen Umwelt anpassten.

Aber die Narben schmerzen noch, wenn zuletzt in Thüringen 70 Prozent angeben, Ostdeutsche seien an vielen Stellen noch Bürger zweiter Klasse. Allerdings vergessen wir dabei, dass rund 3,6 Millionen, also fast ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung seit 1990 die neuen Länder in Richtung Westen verlassen haben und dort vom Arbeitsmarkt aufgesaugt wurden. Sie sind nicht in prekären Arbeitsverhältnissen, sondern auch als Facharbeiter, Richter oder Forscher tätig und sogar als Bürgermeister in einer Stadt wie Flensburg. Das relativiert meines Erachtens das Bild von der deutschen Zweiklassengesellschaft.

Der Staat ist keine Vollversicherung

Es gibt auch nicht wenige, die sich die alte Schutzzone zurück wünschen, wenn sich 41 Prozent vor der Wahl in Thüringen beklagen, dass der Staat zu DDR-Zeiten mehr für sie getan hätte. Das Problem der DDR war aber auch eine Erziehung zur Unselbständigkeit. Unser Problem jetzt ist, dass der gesamtdeutsche Staat oder besser die Regierenden vorgaukeln, er würde von der Schule bis zur Pflege im Alter viele Probleme für die Menschen lösen. Und sich die Menschen darauf verlassen.

Eine geschlossene Bäckerei in einem leerstehenden Gebäude
Der Staat hat eine Verantwortung für strukturschwache Regionen - aber nicht die alleinige. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Aber es wird nicht wie früher in Dörfern Läden oder Kneipen geben, deren Verluste der Staat ausgleicht. Der Staat muss sicher mehr als bisher besonders in strukturschwachen Regionen Daseinsvorsorge betreiben: mit öffentlichem Nahverkehr, Schule, Internetversorgung, kurz gesagt Infrastruktur.

Wer mehr will, muss nicht nur über das Fehlende klagen, sondern selbst etwas tun. Und das haben viele von uns Ostdeutschen nicht gelernt oder verlernt. Die Zustände in strukturschwachen Regionen sind aber kein rein ostdeutsches Phänomen. Da sehen wir manchmal den Wald vor Bäumen nicht und verlieren aus dem Blick, dass es sie auch in Bayern, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gibt.

Mehr Eigenverantwortung wahrnehmen

Meines Erachtens reden wir uns auch in eine Abwärtsspirale hinein, ohne stolz auf das Erreichte zu sein. Dabei geht es nicht nur um die sanierten Innenstädte. Immerhin hat sich die jährliche durchschnittliche Arbeitslosenquote in Sachsen zwischen 2009 und 2018  von 12,9 auf 6,0 % mehr als halbiert und liegt damit unter den Erwerbslosenquoten von Nordrhein-Westfalen und Hamburg. 75 Prozent der Sachsen bezeichnen ihre wirtschaftliche Lage als gut. Natürlich schmerzt es, dass die Löhne in Ostdeutschland immer noch weit unter den Durchschnittslöhnen in Westdeutschland liegen. Allerdings fehlt es wohl auch an Engagement, über Mitgliedschaft in den Gewerkschaften mehr Unternehmer in Tarifverträge zu zwingen. Die Gewerkschaften müssen aufhören, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall immer noch für Ost und West unterschiedliche Tarife auszuhandeln.

Bruch war die Flüchtlingskrise

Ein wirklicher Bruch war für viele sicher die Flüchtlingskrise 2015. Während viele Westdeutsche die Ostdeutschen über den Solidaritätszuschlag (den Ostdeutsche genauso zahlen) nur als lästige Kostgänger sahen, öffneten sie zunächst weit ihre Arme für die ankommenden Flüchtlinge. Neidvoll blickten die Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge auf die Ankommenden, die in ihren Augen vieles sofort bekamen, was sie sich hart erarbeiten oder beim Amt sogar erkämpfen mussten. Diese Vorbehalte, auch gegenüber Zuwanderern aus der islamischen Welt, wurden oft zu wenig hinterfragt, sondern sehr schnell in der öffentlichen, westdeutsch dominierten Debatte als falsch abgestempelt. Es endet bis heute nicht selten in einer pauschalen Ausgrenzung der Ostdeutschen als Rechtsradikale und „dunkel Deutschland“.

Oft wird dabei von den Kommentatoren vergessen, dass die Wurzel für die islamkritische Haltung die eigene Berichterstattung war. Seit dem Anschlag vom 11. September 2001 wurde der Islam pauschal als Gefahr für die demokratischen Gesellschaften beschrieben. Gegen das Gefühl der ungerechten Behandlung sehen rund ein Viertel der Ostdeutschen als Mittel den Stimmzettel und das Kreuz bei der AfD. So machen sie ihrer Unzufriedenheit nicht nur über die Zuwanderungspolitik, sondern auch den fehlenden Bus bis hin zum Gendersternchen Luft. Und so dokumentieren sie das Gefühl, dass sich die Politik nicht um die wirklichen Probleme kümmert. Auch das ist kein rein ostdeutsches Problem.

Zweifel am Rechtsstaat sind Gefahr für Demokratie

Aber es geht hier tiefer. Die Menschen zweifeln zunehmend an wesentlichen Werten der bundesdeutschen Demokratie, die einst für sie Freiheit bedeuteten: dem Rechtsstaat und der Meinungsfreiheit.

Diese Enttäuschung ist wirklich gefährlich. Sie ist ein fruchtbarer Boden für die Sucht nach durchaus autokratischen Strukturen. In Ungarn oder Polen sind sie schon Realität, demokratisch durch Wahlergebnisse legitimiert.

Wenn man Äußerungen in den sozialen Netzwerken liest, würden wahrscheinlich viele begrüßen, wenn liberale Richter aus ihren Ämtern verdrängt werden, öffentlich-rechtliche Medien abgeschafft werden. Schnell kann sich dann das Recht gegen die wenden, die es ändern wollten, wenn die Justiz nicht mehr unabhängig ist und es keine Pressefreiheit mehr gibt, der alltägliche Lebensraum und auch die Meinungsfreiheit stärkerer Kontrolle unterliegen. Auch das kann man in Polen und Ungarn beobachten. Und wollen wir das wirklich wieder?

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. November 2019 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 12:54 Uhr

53 Kommentare

Silver Ager vor 3 Tagen

DANKE für's Erinnern. Sarazin, ein Strippenzieher im Hintergrund schadete vereintes Deutschland nachhaltig Ostdeutshland. Verblendete Na.. mögn keine Tatsachen und polarisieren hetzend vor allem gegen Demokraten, Migranten und Juden. Daumen hoch AnitaT

Klaus vor 3 Tagen

@ AnitaT
Ich kann Ihrem Beitrag voll zustimmen.
Wir arbeiten hier mit Türken ebenso wie mit Ostdeutschen zusammen.
Gleiches gilt für meine Kinder in Schule und Beruf.
Bei uns gibt es einfach keine Mauern.
Und die innerdeutsche Mauer kennen meine Kinder sowieso nur aus Erzählungen und dem Geschichtsunterricht.
Mein Sohn hat sogar eine Ostdeutsche Frau geheiratet. Beide verstehen sich wunderbar und das zweite Enkelkind ist schon unterwegs.
Bei uns ist die deutsche Einheit jedenfalls sogar familiär vollendet.
Und der Bruder meiner Schwiegertochter arbeitet mittlerweile auch bei uns.
Alle verstehen sich und haben gute Laune. 😊

Klaus vor 3 Tagen

Wieso Fehler der Gesamtpolitik?
Uns geht es allen gut und Umfragen zeigen, dass das in Ostdeutschland von der großen Mehrheit auch so gesehen wird.
Und wenn ich mir andere Staaten anschaue, dann kann ich Ihnen absolut zustimmen, wir leben tatsächlich in einem Schlaraffenland.
Und gerade in letzter Zeit wurden ja viele Berichte gezeigt, wi Menschen in der DDR drangsaliert wurden, nur weil die nicht die Staatsmeinung nicht mittragen wollten. Auch bei diesem Vergleich, und das sieht die große Mehrheit in Ostdeutschland ebenso, geht es uns heute besonders gut.