Ossi-Power steht auf der Heckscheibe eines Trabanten geschrieben.
Ossi-Power steht auf der Heckscheibe eines Trabanten geschrieben. Bildrechte: imago/Steinach

Unter der Lupe | Kolumne Warum ich gegen eine Ost-Quote bin

Welche Chancen haben Ostdeutsche in Beruf und Karriere? Der Anteil der "Ossis" in Führungspositionen auf Ämtern und in Verwaltungen ist jedenfalls ausnehmend gering. Einige Politiker wollen mit einer Ostquote Abhilfe schaffen. Doch das ist der falsche Weg.

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Ossi-Power steht auf der Heckscheibe eines Trabanten geschrieben.
Ossi-Power steht auf der Heckscheibe eines Trabanten geschrieben. Bildrechte: imago/Steinach

Ich war ein "Quoten-Ossi". Als ich 1999 in die Fernseh-Gemeinschaftsredaktion des neuen ARD-Hauptstadtstudios Berlin wechselte, waren eine Kollegin und ich die einzigen ostdeutschen Korrespondenten von insgesamt 22. Die Kollegin warf nach wenigen Monaten hin.

Erfahrungen als "Quoten-Ossi"

Studioleiter Jürgen Engert begrüßte mich immer mit "Freundschaft", was ich ziemlich blöd fand. Mein direkter Chef, Ulrich Deppendorf, behandelte mich von Anfang an sehr fair, erkannte meine Fähigkeiten an, förderte mich und vertraute mir. Die westdeutschen Kollegen waren zumeist prominente ARD-Korrespondenten. Sie kannten sich alle. Nur mich, den Ossi, kannten sie nicht. So weigerte sich eine Kollegin vom WDR auf einem Parteitag, von mir als Chef vom Dienst einen Beitrag abnehmen zu lassen, weil ich der Ossi war.

Tim Herden
MDR-Korrespondent Tim Herden Bildrechte: MDR

Meine journalistische Erfahrung nach acht Jahren im Beruf zählte nicht. Nur die Herkunft. Unser Krach war so laut, dass ein nebenan produziertes Interview nicht gesendet werden konnte. Aber Deppendorf gab mir recht. Trotzdem schmerzte es. Ich legte mich noch mehr ins Zeug, um mir auch bei den West-Kollegen Respekt zu verschaffen und nicht auf die Rückendeckung des Chefs angewiesen zu sein. Es funktionierte.

Ost gegen West - kein Thema bei MDR AKTUELL

Das alles kannte ich aus meiner bisherigen Redaktion MDR AKTUELL nicht. Wir waren von Anfang 1992 an eine "gemischte" Redaktion. Klar erzählte man sich gegenseitig die Geschichten von Ost und West. Woher man kam, wohin man wollte. Aber in der täglichen Arbeit spielte die Herkunft weitgehend keine Rolle. Aber der MDR war ein Sonderfall.

Westblockade in den Ostämtern ...

An vielen anderen Stellen in Ostdeutschland lief und läuft es anders. Bis heute kommen in vielen Behörden, Verwaltungen und Unternehmen die Chefs aus dem Westen. Im "Maschinenraum" arbeiten die Ostdeutschen. Egal, ob in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst wurde das kurz nach der Wende und deutschen Einheit gern mit mangelnder Kenntnis von Gesetzen und Managementerfahrung gerechtfertigt.

Gerade in Unternehmen und Betrieben ging das oft trotzdem schief und führte in den Bankrott. In den Ämtern organisierten westdeutsche Beamte mit sogenannter Buschzulage die Abläufe. Und hier entstand dann das Problem. Statt sie nach einer Frist zurück in die westdeutsche Heimat zu schicken, blieben sie, zogen andere Kollegen aus den alten Ländern nach, nutzten dazu ihre Netzwerke.

Wenn Ostdeutsche Ähnliches taten, nannte man das abschätzig Seilschaften. Die einen übersprangen durch den Wechsel ins Beitrittsgebiet einige Beförderungsstufen. Die anderen, die Ortskräfte, leiden bis heute unter einem Beförderungsstau. Denn wer damals mit Anfang dreißig in den Osten kam, ist heute noch da und sitzt auch noch ein paar Jahre auf seinem Stuhl. Das wurde praktiziert von der Bundesregierung und den Regierungen in den Ländern - bis hinunter in die letzte nachgeordnete Behörde, in Kommunen und Verwaltungen. Und es passiert noch heute. 

... und im Bundestag

Ein Beispiel: Laut einer Recherche meines Kollegen Markus Decker vom Redaktionsnetzwerk Deutschland gibt es im Bundestag keinen ostdeutschen Abteilungsleiter. Von 14 Unterabteilungen wird eine von einem Ostdeutschen geleitet. Außerdem kommen von 101 Referats-, Fachbereichs- und Sekretariatsleiterinnen und -leitern nur vier aus Ostdeutschland. Nun hätte man das ändern können. Drei neue Abteilungsleiterposten waren zu besetzen.

Bundestag in Berlin
Die Bundestagsverwaltung ist die oberste Bundesbehörde. Keine ihrer Abteilungen wird von einem oder einer Ostdeutschen geleitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einem Fall kam ein ostdeutscher Bewerber trotz guter Voraussetzungen nicht zum Zug: Magisterstudium an der Humboldt-Universität in den Fächern Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft, Dozent für politische Bildung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büroleiter des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD), Leiter der 70-köpfigen Unterabteilung Europa.

Es wurde der Büroleiter von Parlamentspräsident Schäuble berufen. Begründung der Ablehnung des Ostdeutschen: zu jung - mit 49 Jahren (!) - und kein Jurist. Schäuble hatte übrigens einst den Einigungsvertrag  ausgehandelt und lobte zuletzt am 3. Oktober 2018 in einer Festrede die Ostdeutschen für ihre  friedliche Revolution und ihren Beitrag zur Deutschen Einheit. Nur scheint für die "Revolutionäre" kein Platz in der Demokratiezentrale.

Argumente gegen die Ost-Quote

Trotzdem bin ich gegen eine Ostquote. Denn eine Quote hat immer einen Beigeschmack. Man habe den Posten nur aufgrund seiner Herkunft bekommen und nicht aufgrund seiner Kompetenz. Frauen können davon ein Lied singen. Wie oft hört man in den letzten Jahren den Satz, wir brauchen für den Job eine Frau wegen der Quote. Das klingt erniedrigend. Um sich dieses Eindrucks zu erwehren, müssen dann "Quotenfrau" oder "Quotenossi" doppelt so gut sein und doppelt so viel arbeiten.

Unterwandern die Ossis den Westen?

Auch stimmt nur bedingt die Rechnung, es gäbe zu wenige Ostdeutsche in Führungspositionen. Vielleicht gilt es für die DAX-Unternehmen. Und es stimmt, wenn man nur auf die neuen Länder schaut. Doch der Osten unterwandert längst den Westen. Eine steile These! Aber zwei Millionen Menschen haben seit der Wende "rüber gemacht". Besonders die Jungen zog es nach drüben.

So ist die Tochter eines Freundes Richterin in Karlsruhe. Der Sohn einer Freundin arbeitet in einer renommierten Anwaltskanzlei in Köln. Eine Ostdeutsche ist Bürgermeisterin von Flensburg, der drittgrößten Stadt Schleswig-Holsteins. Und das sind keine Einzelfälle. Diese Ossis werden auch nicht zurückkommen, sondern Karriere im Westen machen und dort bleiben. Weil sie mehr verdienen und Wurzeln geschlagen haben. Weil sie dort zu Hause sind.

Wandel kann man nicht mit einer Quote steuern

Zu Hause: Wahrscheinlich sind das viele Westdeutsche nach drei Jahrzehnten im Osten auch hier. Ich erlebe gerade auch unter meinen westdeutschen Kollegen in der Redaktion von MDR AKTUELL, dass sie Ostdeutschland gegen westdeutsche Vorurteile verteidigen, weil sie seit Jahren hier leben und arbeiten.

Eine gute Frage wäre, als was sich die Kinder der Ostdeutschen im Westen und der Westdeutschen im Osten fühlen werden, wenn sie in Leverkusen oder in Leipzig geboren werden. Als Wessis, als Ossis oder als Wossis? Ich weiß es nicht. Jedenfalls zeigt sich, wie sich die einst gespaltene deutsche Gesellschaft wandelt, auch wenn es noch Generationen dauern wird. Man kann es wahrscheinlich nicht beschleunigen. Da hilft auch keine Ostquote.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. März 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2019, 05:00 Uhr

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32 Kommentare

16.03.2019 08:40 andreas1058 32

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den MDR unter Generalverdacht der Meinungsmanipulation stellen. Mich beschleicht aber in dieser Diskussion das Gefühl, dass hier bewusst zwischen Menschen ein Keil getrieben werden soll. Funktioniert offensichtlich gut!

15.03.2019 13:27 Andy 31

@ 3 0 , das war nicht die 2 Klasse sondern die 5 Klasse die nach dem osten kam, deswegen sind wir auch nach der Wende sofort zum arbeiten in den westen und diese Bürger dort sagten stets jetzt haben wir unsere nichtsbringenden Großkotze los die sind jetzt bei euch, viel freude damit , daran können wir uns noch erinnern.

05.03.2019 08:15 Leonard 30

Beamte 2. Klasse gingen nach 1990 in den Osten und kassierten hier richtig ab, auch mit sogenannter Buschzulage. Sie verstanden die Menschen hier nicht und manche spielten sich hier auf wie Gutsherren. Das Fußvolk waren die Menschen hier, die die Revolution gestaltet haben.

05.03.2019 07:21 Kiel_oben 29

gaynau #24 das denken Steinsalz-Werker seit Jahren.

04.03.2019 12:26 Mediator an Frank (27) 28

Entschuldigung, aber sie lügen wenn sie behaupten, dass man im Osten mehr Rentenbeiträge zahlt als im Westen und dafür weniger Rente erhält als dort. Es verhält sich doch genau umgekehrt. Für das Jahr 2018 wurden alle Rentenbeiträge Ost um den Faktor 1,1248 hochgerechnet. Anders ausgedrückt bekam der Arbeitnehmer Ost 2018 bei gleichem Brutto 12% mehr Rentenpunkte. (siehe SGB VI Anlage 1 und Anlage 10)

Ansonsten ist es wohl selbstverständlich, dass ein gewisser Teil der älteren ehemaligen Osteliten einfach nicht 1:1 ihre Karrieren fortsetzen konnten. Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen Plan- und Marktwirtschaft. Für eine jüngere Generation kommt es wohl mehr auf den persönlichen Werdegang an als auf die Herkunft. Wer natürlich glaubt er müsse nie umziehen und sich vor den vielen Ausländern im Ausland fürchtet, der wird wohl nicht über das mittlere Management hinauskommen. Sich zu vernetzen, dass kann einem jungen Menschen keiner abnehmen.

04.03.2019 11:10 Frank 27

Eine Quote ist ein Weg um Gleichberechtigung her zustellen, vielleicht nicht der beste aber immerhin einer, wenn es keine Quote gibt haben die Ossis überhaupt keine Chance in Führungspositionen zu kommen, (Ausnamen bestätigen die Regel) das bestätigen ja auch die letzen 30 Jahre, die Wessi sind die Sieger und führen sich auch so auf, die Ossi gelten auch per Gesetz als minderwertig denn sie müßen mehr Geld bezahlen für weniger Leistung (Rente) selbst die Löhne sind um die hälfte weniger nur beim Mindestlohn da ist Ossi und Wessi gleich aber diese Menschen sind auch im Westen von den Politikern abgeschrieben, ...........

04.03.2019 11:03 Simone 26

@Bronko 25: Ich kann über deine Behauptungen nur lachen! Der Ossi als das fleißige Wundertier, dass den dummen und faulen Westlern erst mal gezeigt hat wie man richtig arbeitet? In Ost und West gibt es dumme, faule, fleißige, kriminelle und überhebliche Menschen und an Überheblichkeit scheint es dir ja nicht zu mangeln, wenn du dich zum Sprecher der Ostdeutschen aufbläst und solche Behauptungen loslässt!

Es wurde übrigens niemand aus dem Osten weggelockt, sondern die Menschen sind dorthin gezogen, wo es Lohn und Brot gab und das war nun einmal lange Zeit der Westen. Ansonsten ist es wohl Sache jeder Frau, wie viele Kinder sie bekommen will und wie sie ihr Leben gestalten mag. Ich finde es immer amüsant wenn jemand wie du so tut, als wäre nicht die DDR pleite gewesen, sondern der Westen hätte nur dank der DDR überlebt.

03.03.2019 21:48 Bronko 25

Ich lese immer wieder, die Wessis akzeptieren nun die Ossis usw. Nein, Wessis haben nur Verkaufen gelernt.

Komisch, es wurde hier eine Wegzugsprämie gezahlt, damit die Jugend verschwindet. Und nun lamentiert man rum. ICH war selbst im Westen und habe dort gearbeitet. Den aufgeblasenen "wir können alles" Faulpelzen haben WIR beigebracht, die wir mit meinem Kollegen nach der Wende gelernt haben, wie man effizient arbeitet. Jetzt haben wir hier das Problem, dass uns hier der Nachwuchs fehlt, der durch gesellschaftliche Fehlentwicklungen im Westen abhanden gekommen ist. Denn der Westen hatte damals schon keinen Nachwuchs, hat sich mit importierten Ossis über Wasser gehalten. Das ist Tatsache.Und wenn diese Regierung weiter denkt, es ginge mit "Zuwanderung",statt eigener Jugend, wird dieses Land absehbar gegen die Wand fahren, GEGENSTEUERN JETZT! Ungarn machts vor, was man Leuten bieten kann, ähnliches gabs in der DDR auch.

03.03.2019 21:39 Mediator 24

Was für ein seltsames Verständnis von ostdeutscher Herzlichkeit und Integration:

Da arbeitet also einer schon seit 30 Jahren in den neuen Bundesländern und muss sich dann sagen lassen, dass er einer von "drüben" ist und angeblich jemanden den Job wegnimmt.

Inzwischen wird man irgendwo geboren, studiert an ganz anderer Stelle und verbringt sein Berufleben auch an unterschiedlichsten Stationen. Einen venünftigen Menschen interessiert es inzwischen kein bischen, ob jemand östlich oder westlich der Elbe geboren wurde. Es soll soga prima Deutsche geben die in Kasachstan, der Türkei oder Afrika ihre Wurzeln haben.

03.03.2019 21:14 Spottdrossel 23

Der bedingungslose Beitritt der DDR zur BRD war der grösste Fehler deutscher Geschichte.