Deutsche Fußballfans beim Public Viewing
Deutsche Fußballfans beim Public Viewing (Archivbild): Beim Fußball pflegen die Deutschen noch am ehesten einen uverkrampften Umgang mit der Flagge. Bildrechte: imago/IPON

Kolumne Unter der Lupe in Schwarz-Rot-Gold

In seiner Rede zum 100. Jahrestag der Weimarer Republik hat Bundespräsident Steinmeier einen Patriotismus der "leisen Töne und gemischten Gefühle" gefordert. Das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land spiegelt sich auch im Umgang mit der schwarz-rot-goldenen Flagge wider. Geschwenkt wird sie vor allem von Anhängern der AfD, obwohl sie doch ein Symbol für alle Demokraten in diesem Land sein sollte. Wir müssten also dringend über einen modernen deutschen Patriotismus diskutieren.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Deutsche Fußballfans beim Public Viewing
Deutsche Fußballfans beim Public Viewing (Archivbild): Beim Fußball pflegen die Deutschen noch am ehesten einen uverkrampften Umgang mit der Flagge. Bildrechte: imago/IPON

Letztens an der Bushaltestelle. Ich schaute nach oben. Auf der Dachterrasse auf dem Haus gegenüber wehte eine deutsche Fahne straff im Wind. Das erinnerte mich an einen Satz, den ich wenige Tage zuvor in Weimar vom Bundespräsidenten gehört hatte: "Schwarz-Rot-Gold, das sind unsere Farben! Sie sind das Wahrzeichen unserer Demokratie! Überlassen wir sie niemals den Verächtern der Freiheit!" Und wie es der Zufall wollte, fand ich in meinen Mails am gleichen Tag im Büro einen Terminhinweis auf eine Gespräch zwischen den Fraktionsvorsitzenden von Union und Grünen, Brinkhaus und Göring-Eckardt zum Thema "Was bedeutet uns Schwarz-Rot-Gold?"

Schwieriges Verhältnis zur Bundesflagge

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Festakt 100 Jahre Weimarer Verfassung.
Bundespräsident Steinmeier forderte in Weimar einen "demokratischen Patriotismus". Bildrechte: dpa

Gute Frage finde ich, denn die deutsche Fahne auf dem Dach ist in Berlin schon eher eine Rarität, mal abgesehen von den wehenden Bannern auf den Regierungsgebäuden. Selbst zum Tag der deutschen Einheit wird privat kaum geflaggt. Auf der Festmeile am Brandenburger Tor tragen die Besucher auch keine schwarz-rot-goldenen Papierfähnchen in der Hand, sondern Bier in Plastikbechern oder Bratwurst mit Brötchen. Sicher auch deutsche Symbole. Aber sollte man an einem deutschen Glückstag, denn nichts anderes war die deutsche Wiedervereinigung, nicht am Haus flaggen oder auf der Festmeile die Fahne schwenken?

Nur wenn die Fußball-Nationalmannschaft auftritt, schwenken wir sie enthusiastisch, selbst in Kreuzberg oder im Prenzlauer Berg. Aber ansonsten üben wir Deutschen im Gegensatz zu anderen Ländern ein deutliches Understatement gegenüber unserer Fahne. Selbst die Briten, die gegen den Brexit sind, aber für die EU, schleppen auf ihren Demonstrationen den Union Jack mit sich herum. Die Tricolore ist den Franzosen heilig. In der Schweiz begegnet man aller Orten der roten Fahne mit dem Schweizer Kreuz.

Patriotismus häufig verkrampft

Das Problem mit Schwarz-Rot-Gold liegt tiefer. Es geht um unser Verhältnis zum Patriotismus und damit auch um unser Verhältnis zu unserem Land. Jetzt bewege ich mich gleich auf ganz dünnem Eis. Ich bemerke es schon beim Schreiben und nehme noch eine Anleihe beim Bundespräsidenten und seiner Rede in Weimar am 6. Februar: "Ein demokratischer Patriotismus in unserem Land kann also immer nur ein Patriotismus der leisen Töne und der gemischten Gefühle sein." Sicher sind Steinmeiers Worte verständlich mit Blick auf die deutsche Geschichte und was wir im letzten Jahrhundert an Schuld auf uns geladen haben. Militärparaden wie in Frankreich zum Nationalfeiertag sind am 3. Oktober undenkbar, abgesehen davon, dass es ja kaum noch Panzer gibt, die fahrtüchtig sind.

Tim Herden
MDR-Korrespondent Tim Herden. Bildrechte: MDR

Ich selbst erlebe einen sehr verkrampften Patriotismus. Dass zu ändern, fällt schwer angesichts der deutschen Verbrechen im 20. Jahrhundert, die ich auch keinesfalls relativieren will – wie es von rechtsnationaler Seite mittlerweile gern getan wird, um auch rechtsextreme Wähler an sich zu binden. Aber wenn wir diese Diskussion nicht führen, treiben wir Menschen, die sich zwar als Patrioten fühlen, aber glauben, ihren Patriotismus nicht ausleben zu können, genau dorthin: in die Arme der Nationalisten und auch der Rechtsextremen.

Vielleicht ist gerade das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls ein guter Anlass. Ende 1989 wurden auf den Demonstrationen immer öfter schwarz-rot-goldene Fahnen ohne Hammer und Zirkel geschwenkt. Der Wunsch der Ostdeutschen, sich darunter zu vereinen, war vielleicht größer als bei den Westdeutschen. Doch auch an dieser Zäsur in unserer Geschichte haben wir es versäumt, unser Verhältnis zum Patriotismus mit dem Blick auf unsere Geschichte zu klären .

Weimar als Beispiel für einen modernen Patriotismus

Deshalb zurück nach Weimar. Diese Stadt könnte das Brennglas sein für einen modernen deutschen Patriotismus. Keine andere Stadt zeigt so die wechselvolle Geschichte dieses Landes.

Da sind die Wirkungsstätten von Goethe und Schiller mit ihren wunderbaren Gedichten. Wie heißt es im "Osterspaziergang" in Goethes "Faust":

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang v. Goethe Osterspaziergang, Faust I

Da ist die Bauhaus-Universität, demnächst das neue Bauhaus-Museum. Auf dem Freischwinger, der von Bauhaus-Künstlern erfunden wurde, sitzen weltweit heute Hunderttausende Menschen in ihren Büros oder Wohnzimmern. Er ist Ausdruck des deutschen Erfindergeistes im 19. und 20. Jahrhundert.

Da steht das Nationaltheater. Hier wurde die erste deutsche Demokratie 1919 geboren, aber wenige Jahre später mit einem Parteitag die NSDAP auch ihr Abgesang eingeleitet. Und von dort führt die Straße heraus aus der Stadt zum Abzweig zur Nationalen Gedenkstätte Buchenwald. Hunderttausende wurden dort Opfer des NS-Regimes. Das alles gehört zu Deutschland. Das ist unsere Geschichte. Das alles muss sich in einem modernen deutschen Patriotismus wiederfinden. Das Gefühl, immer weiter an die Schuld zu erinnern, aber auch nicht den Stolz – ein sicher umstrittenes Wort – zu vergessen. Den Stolz auf Positives, wie Erfindungen, wissenschaftliche Leistungen oder Werke in Kunst und Kultur sowie auf die Freiheits- und Demokratiebewegungen im 19. Jahrhundert.

In Weimar kann man diese Debatte gerade jetzt im doppelten Jubiläumsjahr der Weimarer Republik und des Bauhauses mit Händen greifen. Da verändert sich der Blick auf die Weimarer Verfassung. Differenzierter wird die Verfassung gesehen, die mit ihren Schwächen der NSDAP den Weg an die Macht bahnte, aber zugleich modern war in ihren Werten und Grundrechten. Das Bauhaus-Museum wird aus dem verstaubten Kulissenhaus des Nationaltheaters ins Licht eines neuen Museums geholt und damit seine Bedeutung, nicht nur für die Kultur, sondern mit seinen Ideen auch für den Alltag, besser gewürdigt. Durch die Nähe der Gedenkstätte bleibt trotzdem auch die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus präsent. Ihre Bedeutung für unsere Erinnerung wird umgekehrt nicht geschmälert.

Ein letzter Satz: Dieser Text soll ein Denkanstoß sein für dieses schwierige Thema. Deshalb würde ich mich sowohl über Zuspruch, Einspruch oder Widerspruch als auch über neue Gedanken dazu freuen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 06. Februar 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2019, 05:00 Uhr

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49 Kommentare

19.02.2019 03:48 Streich 49

Zitat von der Lippe: Oma im Fahnengeschäft "ich möchte eine blaue Deutschlandfahne", Verkäufer: "die gibt es nur in schwarz-rot-gold". Oma: gut dann nehme ich eine "rote". ^^

18.02.2019 16:48 DD 48

@47
vielen Dank für ihren bedenkenswerten Ansatz. Natürlich ist eine Verfassung ein Konstrukt in dem die Regeln des Zusammenlebens definiert sind. Sie setzt auch bewusst über den Regeln des alltäglichen Zusammenlebens an, um uns Gemeinschaft über das Kirchturmdenken hinaus zu ermöglichen. Deshalb ist eine Verfassung auch nicht als lineares Konstrukt zu verstehen. Sie ist eher eine Raum und Zeit übergreifende Hülle und deshalb schwere fassbar. Unfassbarer als eine lineare dynastische Beziehung zB. und dehalb muss sie aktiv geschützt und vertreten werden. Möglich auch, dass ein Sioux mit Verweis auf seine Herkunft für die Rechte seines Stammes eintritt, aber an andere Stelle schwört er auf die Verfassung der Vereinigten Staaten. Denn Aufgabe einer guten Verfassung ist es die Rechte des Einzelnen auch gegen die Gesellschaft zu Schützen. Deshalb ist Verfassungspatriotismus die richtige Antwort auf all die Egoismen unserer Zeit.

18.02.2019 15:38 aus Dresden 47

@44
Verfassungspatriotismus? Habe ich in der Schule gelernt und damals auch zuerst geglaubt.
Das aber passt weder auf den Begriff Verfassung noch auf den Begriff Patiotismus so richtig.
Das Grundgesetz ist sicher eine gute Verfassung und durch die Ewigkeitsklausel zumindest auf dem Papier gut über Generationen hinweg geschützt. Sie aber nur ein Konstrukt des sich mit verfassungsgebender Gewalt äußerenden Volkswillens und im Bestand von diesem abhängig.
Von der Goldenen Bulle an gab es zudem sicher noch andere gelungene Verfassungsentwürfe.
Die Verfassung ist daher nur ein horizontal wirkendes Band.
Die Begriffe Patriotismus und Nationalismus weisen dagegen auf die vertikalen Bande einer Gruppe hin, einmal vom Vorfahr auf den Abkömmling, einmal vom Abkömmling auf den Vorfahren.
Ein Sioux würde sicher nicht sagen, ich bin Sioux-Verfassungs-Patriot, weil wir eine Hammer-Verfassung für unsere Sioux-Nation haben.

18.02.2019 14:39 DD 46

@ Wo geht es hin? Ihre Empörung über mein Demokratieverständnis, kann eigentlich im Bezug auf meinen Kommentar 28 nur folgendes bedeuten:
Sie stehen nicht hinter Grundgesetz, Demokratie und Europa. Um ihre suggestive Frage "Wo geht es hin? aufzunehmen, die Antwort darauf sollte EUROPA lauten. Ein klares Bekenntnis zu Europa, welches sich, so würde ich es mir wünschen, auch in unserer Flagge wiederspiegeln könnte. Ein blauer Streifen, ein blauer Punkt, um dem Wille Ausdruck zu geben noch an Visionen zu glauben, um progressiv zu Denken und sich über Nationalismen hinwegzusetzen. Alles Andere lässt uns doch nur wie eine Flipperkugel ständig gegen Wände stoßen, um schlussendlich im unausweichlichen "game over" zu landen.

18.02.2019 14:13 DD 45

@ Freiheit, genau diese erlaubt es mir unsere Farben zu tragen! Die Freiheit mich hinter die richtigen Werte unsere Gesellschaft zu stellen, die Freiheit auszusprechen, dass weder linke Chaoten noch rechte Menschenverächter, das Recht haben Verfassung, Fahne und Heimat zu kompromittieren.

18.02.2019 14:01 DD 44

@konstanze, sie haben den Begriff des Patriotismus nicht verstanden bzw. ist er zu weitschweifig, wenn man ihn ohne Kontext verwendet bzw. diesen einfach Ausblendet. Der bessere, leider etwas zu sperrige Begriff hinter dem wir uns vereinigen sollten ist: Verfassungspatriotismus. Auf diesen bezieht sich auch unser Bundespräsident und dieser Kontext ist jener, welcher mit dem Patriotismusbegriff verbunden werden sollte.

18.02.2019 13:51 DD 43

@41, ich gebe ihnen da vollkommen Recht, was wir in einer Flagge sehen bzw. sehen wollen verändert sich und obliegt stark subjektiver Wahrnehmung. Lassen wir zB. zu, dass bestimmte politische Strömungen unsere Flagge "miss"brauchen verändern wir deren Konnotationen und Schwarz-Rot_Gold steht nicht mehr für ein demokratisches Deutschland, für nie wieder Faschismus, für ein Bekenntnis zu Europa und unser Grundgesetz. Ob wie dies wollen sollen?

18.02.2019 12:32 Atze 42

Eine steht fest, unsere Ururahnen haben sich Mühe gegeben mit den Hymnen, Fahnen und Bedeutungen. Nach ihrem Stand eben. Ich denke nur an unser Gelb in der Fahne, dass bis heute Gold heisst. Wer gibt sich heute mit unserer äußeren Identität Mühe? Ja, wir sollen anscheinend vergessen, dass wir Deutsche sind. Ein gesunder und unverkrampfter Patriotismus steht uns gut. Wenn ich an die Niederländer denke, die zum " Königstag" alle flaggen. Sie sind fast zu beneiden. Allen trotzdem hier viele Grüsse und irgendwie werden wir unter einen Hut kommen mit diesem patriotischen Problem.

18.02.2019 11:16 aus Dresden 41

@28
Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot sind aus dem Mittelalter stammende Farbkombinationen: der Adler mit roten Waffen auf goldenem oder auf weißem Grunde.
Diese Farben symbolisieren also nicht per se die Demokratie (denn im Mittelalter gab es die Monarchie, aber nicht die Demokratie). Beide Farben wurden in der Weimarer Republik (einer Demokratie) genutzt (und auch in Flaggenentwürfen von Prinz Albert von Preußen): in Kombination für die Handesflagge oder abwechselnd in Reinform, wie vom DFB - dies ist ja auch eine Frage des optischen Geschmacks. Die Trikots der Nationalmannschaft sind im preußischen Schwarz-Weiß gehalten oder vereinen wie die Weimarer Handelsflagge alle 4 Farben der beiden Flaggen.
Bei der Hymne sind die Präferenzen ja auch unterschiedlich - mir gefällt am besten die alte Kaiserhymne: "Heil Dir im Siegeskranz..." - wunderschön, da macht das Mitsingen richtig Spaß.

18.02.2019 09:47 konstanze 40

@30: BP Weizsäcker war da schon weiter, da er die Kollektivschuld ablehnte.
Die heutige Generation trägt keine Schuld, jedoch Verantwortung !