Umweltgifte Deutschland ist flächendeckend mit Pestiziden belastet

Eine neue Studie zur Verbreitung von Pestiziden zeigt, dass diese viel weiter verweht werden als bisher angenommen. Biobauern sehen ihre Existenzen in Gefahr und fordern nun Entschädigungszahlungen. Doch die Politik reagiert zaghaft.

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Wenn in der konventionellen Landwirtschaft Pestizide auf die Felder ausgetragen werden, werden diese auch auf Felder von Biobauern verweht - und weit darüber hinaus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Imker gelten gemeinhin als friedfertig. Doch im Januar trieb sie der Zorn vors Bundeslandwirtschaftsministerium. Bio-Imker Sebastian Seusing und seine Frau hatten vier Tonnen Honig verloren, ihre gesamte Jahresernte. "Die Bienen standen an einem Acker, wo Löwenzahn geblüht hat", erzählt Camille Hoonaert von der Imkerei Seusing. "Und es wurde in der Vollblüte bei gutem Wetter gespritzt, und zwar das Totalherbizid Glyphosat." Am Ende war ihr Honig bis zum 152 fachen des Grenzwerts belastet. Der Imkerei entstand ein Schaden von 60 000 Euro, der Betrieb musste aufgeben.

Schaden in Millionenhöhe

Boris Frank ist Großhändler für Bio-Lebensmittel und betreibt in Berlin einen Biosupermarkt. Den Fall der Seusings kennt er sehr gut, die Imker waren lange Zeit seine Lieferanten. "Das hat uns sehr getroffen", erzählt Frank. "Das ist ein kleiner regionaler Imkerbetrieb, den es komplett dahingerafft hat. Und solche Fälle treten sehr häufig auf, in ganz Deutschland, von Bayern bis Schleswig-Holstein. Manche Biobauern hatten einen Schaden von 250.000 Euro im Gemüsebereich, zum Beispiel Körnerfenchel. Wenn man das alles aufsummiert, kommt man in die Millionen."

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Bio-Imker Sebastian Seusing demonstriert im Januar 2020 vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium, nachdem seine gesamte Jahresernte durch Fremd-Pestizide verunreinigt wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bio-Landwirte müssen strengste Grenzwerte einhalten. Immer mehr Verbraucher wollen rückstandsfreie Bioware kaufen. Doch genauso wie der Wind die Staubfahne eines Traktors verweht, weht er auch die Pestizide, von einem Feld zum nächsten. Ein Problem, das von der Politik bislang ignoriert wurde. Denn laut Zulassung reichen wenige Meter Abstand zum Nachbarn fürs gefahrlose Ausbringen, wenn der Landwirt die Vorgaben zur Windstärke beachtet. Ein Ferntransport, z.B. von Glyphosat, sei ausgeschlossen. Doch diese Annahme ist falsch, zeigt eine neue Studie. Danach verbreiten sich Pestizide viel weiter als bislang angenommen.

Flächendeckend belastet

Die Studie stellt das bisher umfangreichste Messprogramm für luftgetragene Pestizide in Deutschland dar und fördert beunruhigende Daten zu Tage. Geleitet wurde sie von Dr. Maren Kruse-Plass, Biologin beim Ingenieurbüro TIEM-Integrierte Umweltüberwachung. Dafür wurden an 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 Messungen durchgeführt. "Das Hauptergebnis unserer Studie ist, dass man in Deutschland höchstwahrscheinlich keine Standorte mehr ohne Pestizide findet. Selbst im Bayerischen Wald - und der Standort war mitten im Nationalpark - haben wir fünf Pestizide gefunden", so die Wissenschaftlerin. Insgesamt wurden in allen Proben 152 Wirkstoffe nachgewiesen, 138 davon stammen aus landwirtschaftlichen Quellen. Davon wiederum sind rund 30 Prozent in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr zugelassen.

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Dr. Maren Kruse-Plass, Biologin beim Ingenieurbüro TIEM-Integrierte Umweltüberwachung, hat die deutschlandweite Messstudie zur Verbreitung von Pestiziden geleitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei verbreiten sich die Pestizide nicht nur über sichtbare Abdrift von Sprühtröpfchen beim Ausbringen auf die Felder, sondern auch auf unsichtbaren Wegen. Wenn die Spritzmittel trocknen, gelangen Teile davon als Gase in die Luft, können sehr leicht durch den Wind aufgenommen und so auch über weite Strecken transportiert werden. Andere Spritzmittel gasen weniger aus. Dafür verbinden sie sich fest mit den Bodenpartikeln. Bei Dürre, Starkwind oder beim Bearbeiten der Felder wirbeln auch sie weit nach oben. "Und sehr feine Bodenpartikel sind ähnlich wie Gase, können in die höheren Atmosphären kommen, weil sie sehr leicht sind und der Wind sie mitnehmen kann", konstatiert Kruse-Plass.

Politik soll wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen

Geophysiker, die mit Zeppelin und Satellit, mit Laserstrahl und Luftfiltern die Atmosphäre erkunden, machten ähnliche Entdeckungen. Selbst in menschenleeren Gebieten fanden sie Pestizide. So wurden etwa feine toxische Partikel im Gletschereis von Nordgrönland und in der Atmosphäre über dem Nordpol ausfindig gemacht.

Dieser Ferntransport ist das Forschungsfeld von Prof. Gerhard Lammel, Chemiker am Max-PIanck Institut für Chemie in Mainz und an der Masaryk-Universität im tschechischen Brno.  Er beklagt die mangelnde Bereitschaft der Politik, wissenschaftliche Erkenntnisse umzusetzen: "Wir sind hier in einem Bereich, in dem wir vorsorgeorientiert handeln wollen. Vollständiges Wissen haben wir nicht, also sollten wir vorsichtig sein. Und einige dieser zugelassenen landwirtschaftlichen Wirkstoffe, sind hormonähnlich wirksam und stehen im Verdacht krebserregend zu sein. Da müssen wir annehmen, dass auch die allergeringsten Konzentrationen noch biologisch Wirkungen entfalten." Unter diesen Bedingungen müsse bei der Zulassung von Pestiziden garantiert werden, dass diese Stoffe schnell abgebaut werden, um gar nicht erst auf eine weite Reise gehen zu können, so Lammel weiter. "Das ist im Moment nicht der Fall. Im Moment toleriert man Transportwege von vielen 100 bis 1.000 Kilometern und nennt das "leicht abbaubar" in der Atmosphäre. Das ist meines Erachtens viel zu großzügig."  

Das Thema geht alle an

Die Bio-Landwirte bringt die aktuelle Situation in eine rechtliche Klemme. Sie müssen für saubere Produkte garantieren. Doch herangewehte Fremd-Pestizide können sie jederzeit ruinieren, ohne eigene Schuld. Entschädigungsforderungen gegen konventionelle Landwirte laufen bisher ins Leere und dauern Jahre. Um das zu ändern, schlossen sich Bioanbaubetriebe und Biohändler zum Bündnis für eine Enkeltaugliche Landwirtschaft zusammen und gaben die jüngste Messstudie in Auftrag.

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Boris Frank, Biosupermarktbetreiber und Vorsitzender des Bündnisses für eine Enkeltaugliche Landwirtschaft fordert das sofortige Verbot der fünf in Deutschland am weitesten verbreiteten Pestizide. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Boris Frank, der auch Vorsitzender des Bündnisses ist, ist überzeugt: Das Thema geht alle an. "Unsere Forderung ist, dass die fünf Pestizide, die sich am weitesten in Deutschland über die Luft verbreiten, sofort verboten werden müssen. Es geht um uns alle, um die Bevölkerung in Deutschland. Wir alle atmen Pestizide in der Luft ein. Das ist ein unbekanntes Risiko für die Gesundheit und für die Natur, für unsere Umwelt."

Biobauern fordern Entschädigungen

Für pestizid-geschädigte Biobauern fordert das Bündnis einen Entschädigungsfonds, gespeist von den Pestizid-Herstellern mit zehn Prozent ihrer jährlichen Umsatzerlöse, rund 110 Millionen Euro. Davon hält Frank Gemmer wenig. Er ist Geschäftsführer des Industrieverbands Agrar, der 35 deutsche Pestizidhersteller vertritt. Er verweist auf Messungen der Industrie in Zulassungsverfahren. "Die Spuren, die wir gefunden haben, liegen weit unter den Grenzwerten", so Gemmer. "Wenn es hier wirklich Hinweise gibt, muss man das auf dieser Datenbasis auswerten und kann dann erst weitere Stellungnahmen dazu geben. Zur Zeit sehen wir absolut keinen Sinn darin, hier über einen Entschädigungsfonds zu diskutieren."

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Frank Gemmer, Geschäftsführer des Industrieverbands Agrar, sieht keine Grundlage für Entschädigungsforderungen der Biobauern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Politik hat mittlerweile auf die Proteste der Biobauern reagiert. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft kündigte ein eigenes Luftmessprogramm an, ein sogenanntes Monitoring.  Mit möglichen Konsequenzen für künftige Zulassungsverfahren von Pestiziden. Das kann jedoch Jahre dauern. Für viele Biobauern käme das zu spät.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 29. September 2020 | 21:45 Uhr