Abdrift von Pflanzenschutzmitteln Pestizide in der Luft - ein Gesundheitsrisiko?

Eine Studie hat Ende September in Deutschland eine flächendeckende Belastung der Luft mit Pestiziden offenbart. Seit dem ist eine kontroverse Diskussion darüber entbrannt, welche Gesundheitsrisiken das mit sich bringt. Während der Chemiekonzern Bayer beschwichtigt, schlagen Biobauern und Wissenschaftler Alarm und verweisen auf die unbekannten Langzeiteffekte eingeatmeter Pestizidpartikel.

Ein Traktor mit einer Sprühanlage auf einem Maisfeld
Bergen Pflanzenschutzmittel in der Atemluft höhere Gesundheitsrisiken als in Nahrungsmitteln? Bildrechte: IMAGO

Susanne und Bernhard Wagner leben mit Sohn Aaron am grünen Stadtrand von Leipzig. Gute Landluft und Bio-Essen - das ist ihnen wichtig. Irgendwann hörte der Familienvater: Selbst bei Menschen, die Biokost essen, findet man Glyphosat im Körper. "Wenn man sich überwiegend durch Ökoprodukte ernährt, wo eigentlich solche Pflanzenschutzmittel nicht drin sein dürfen, wie kommen sie dennoch in unseren Körper?", fragte sich Bernhard Wagner daraufhin. Seine Vermutung war, die Stoffe könnten über die Atemluft in den Organismus gelangen.  

Glyphosat in der Atemluft

Weil sie es genau wissen wollte, hat sich die Familie Wagner, an einer Langzeitstudie beteiligt. Diese wurde vom "Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft", einem Zusammenschluss von Biolandwirten, Naturkost-Fachhändlern und zivilgesellschaftlichen Organisationen, initiiert und sollte herausfinden, ob und wie weit sich Pflanzenschutzmittel über die Luft verteilen. Dafür wurden an 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 Messungen durchgeführt. Der Staubfilter im Haus der Wagner war dabei einer der Messpunkte.

Pestizid-Gefahr
Acht potentiell giftige Substanzen wurden im Staubfilter der Familie Wagner gefunden. Alle stammen aus der Umgebungsluft. Auch Glyphosat war darunter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Oktober 2019 hat Bernhard Wagner, der selbst für einen Biohof arbeitet, seinen Staubfilter an ein Labor geschickt. Mittlerweile hat er die Ergebnisse bekommen. Was wurde im Filter gefunden? "Es sind acht Substanzen", sagt der Biobauer. "Produkte wie Pendimethalin oder Glyphosat. Und wenn das aus der einströmenden Luft ausgefiltert wird, dann ist es auch in der Umgebungsluft und natürlich atmen wir das als Familie ein und alle, die hier wohnen genauso."

Potentielle Schadstoffe außer Kontrolle

Die Luftmessungen der Studie haben gezeigt, dass Deutschland flächendeckend mit Pestiziden belastet ist. Darunter krebserregende und erbgutschädigende Substanzen. Wie gefährlich das für die Gesundheit der Bevölkerung ist, wird jetzt kontrovers diskutiert. Karl Bär ist Agrarreferent beim Umweltinstitut München und Mitherausgeber der Studie. Zur Einschätzung der Ergebnisse sagt er: "Die Tatsache, dass wir Glyphosat an 100 Prozent unserer Standorte hier in unseren Staubsammlern finden, ist ein Zeichen dafür, dass wir den Stoff nicht unter Kontrolle haben und die Stoffe, die wir wirklich überhaupt nicht unter Kontrolle haben, die müssen wir verbieten. Weil wir auch nicht absehen können, was diese Stoffe in der Luft machen. "

Pestizid-Gefahr
Karl Bär, Agrarreferent beim Umweltinstitut München: "Wir haben Glyphosat nicht unter Kontrolle." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fünf Substanzen, so fordert Bär, müssten die Zulassung verlieren. Drei davon vertreibt die Chemiefirma Bayer AG. Peter Müller, Geschäftsführer der Agrarsparte von Bayer, reagiert mit einem offenen Brief auf die Forderungen und äußert darin harsche Kritik: Bär mache "den Menschen Angst, spalte die Gesellschaft und diskreditiere Landwirte".

Bayer: Messmengen weit unter Grenzwerten

In einem Interview mit dem MDR zeigt sich Peter Müller auch nicht überrascht davon, dass in fast allen Luftproben Glyphosat nachgewiesen wurde. "In dem Sinne war es keine Überraschung, weil es auf die Mengen ankommt. Und das ist auch kein Anlass zur Besorgnis. Das ist wirklich meine Bitte, dass sich deswegen die Menschen keine Sorgen machen. Es kommt auf die Mengen an und die sind weit von dem entfernt, was in irgendeiner Weise gesundheitsbelastend wäre."

Pestizid-Gefahr
Peter Müller ist Geschäftsführer von Bayer Crop Science, der Agrarsparte des Chemiekonzerns. Er hält die gemessenen Pestizidmengen für zu gering, um gesundheitsbelastend zu sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bayer verweist im Offenen Brief auf sogenannte ADI-Grenzwerte. Diese zeigen die akzeptable Tagesdosis von Glyphosat an, die ein Mensch schadlos aufnehmen kann. Im Vergleich dazu seien die gefundenen Mengen in der Luft verschwindend gering, so der Chemiekonzern.     

Pestizid-Grenzwerte nur bedingt anwendbar     

Der renommierten Öko-Toxikologe Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. sieht das anders. Er berät als Sachverständiger für Pflanzenschutzmittel die Parlamentarier im Bundestag und findet, dass ein solcher Vergleich nicht haltbar ist: "Bayer vergleicht Äpfel mit Birnen. Die ADI-Werte sind dazu völlig ungeeignet. Sie beziehen sich nur auf die verträgliche Menge an Pestiziden in Nahrungsmitteln. Da kommt noch die Menge, die in der Luft stecken könnte, dazu."

Pestizid-Gefahr
Der Toxikologe Dr. Peter Clausing betont, dass man so gut wie nichts darüber wisse, wie eingeatmete Pestizide im Körper abgebaut werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und der Mensch atmet viel - 500 Liter Luft pro Stunde samt der enthaltenen Pestizid-Partikel. Die feinsten gelangen auch über die Lungenbläschen ins Blut, ohne - wie beim Essen - von der Leber entgiftet zu werden. "Diese  Abbauprozesse sind über die Leber unter Umständen völlig andere, als wenn das Pestizid über die Lunge in den Körper kommt und dieser Abbau nicht stattfindet", so Dr. Peter Clausing weiter. "Man weiß so gut wie nichts darüber, wie die Pestizide, wenn sie über die Lunge aufgenommen werden, abgebaut werden."

Risikobewertung von Pestiziden - eine Geschichte voller Irrtümer

Obwohl der Langfristeffekt bisher kaum getestet ist und es dementsprechend noch gar keine Grenzwerte für Pestizide in der Luft gibt, hält das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Gefahr für unwahrscheinlich. Das sieht auch Bayer so. Und bleibt bei dem Vergleich mit den ADI-Werten – trotz dessen, dass dieser offenbar hinkt.

Dabei ist die Geschichte der Pestizide in Sachen Risikobewertung voller Irrtümer. 30 Jahre wurde das krebserregende DDT über Plantagen und Felder gesprüht bis zu seinem Verbot 1977. Es folgten Dutzende weitere wie Lindan oder Chlorothalonil, die sich erst nach Jahren als Nervengift oder krebserregend entpuppten.

Pestizid-Gefahr
Ein Wissenschaftler stellt eine Station zur Messung von Pestiziden in der Luft auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dank neuer Filter und Messmethoden weist die Studie nun auf ein neues Problem hin - Pestizide in der Atemluft. 57 Prozent der Deutschen halten sie für gefährlich oder sehr gefährlich für die eigene Gesundheit. Schweden und Frankreich veranlassten bereits amtliche Luftmessungen. In der Schweiz startet im kommenden Jahr ein Volksentscheid über einen Ausstieg aus der Pestizidnutzung.

Sind Pestizide alternativlos?

Und Bayer? Peter Müller, Geschäftsführer von Bayer Crop Science, kontert mit der steigenden Weltbevölkerung: "Wir können global 10 Milliarden Menschen nicht nur mit Biolandwirtschaft ernähren. Ich glaube, dass wir die konventionelle Landwirtschaft brauchen, auch mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, um eben auch im Großen und Ganzen die Nahrungssicherheit herzustellen."

Bernhard Wagner aus Leipzig kann das Argument nicht nachvollziehen. "Diese Aussage kann Bayer gern für sich treffen", sagt er. "Aber ich als Verbraucher muss das überhaupt nicht akzeptieren. Für mich und meine Familie lehnen wir das absolut ab, weiter diese Substanzen einzuatmen. Vor allem, wenn wir wissen, dass diese Stoffe da sind und uns wahrscheinlich doch schädigen, auch wenn Bayer das verneint."

 

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 24. November 2020 | 21:45 Uhr