Online-Terrornetzwerke Rechte Attentäter: Der Terror der "einsamen Wölfe"

Sie werden als "einsame Wölfe" bezeichnet – Attentäter wie Stephan B. aus Halle. Doch die Bezeichnung ist nur im Hinblick auf die analoge Welt korrekt. Online dagegen vernetzen sie sich über Ländergrenzen hinweg und radikalisieren sich zu Tausenden in Foren voller rechtsextremer Ideologie. Experten warnen vor einer neuen Art des Terrorismus aus dem Internet.

Szene aus - Der Terror der einsamen Wölfe - Wie Einzeltäter zu rechten Attentätern werden.
Dieses Foto wurde in einem rechtsextremen Internetforum geteilt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Vorbild für die "einsamen Wölfe" ist Anders Behring Brevik. Der norwegische Attentäter von 2011 radikalisierte sich online, rechtfertigte sein Handeln mit Videos auf Youtube und mit einem Manifest. Er tötete mehr als 70 Menschen. Nach diesem Attentat kündigte der damalige US-Präsident Barack Obama im US-Fernsehsender CNN einen Strategiewechsel an. Die größte Gefahr sei nicht mehr der islamistische Terrorismus. "Das größte Risiko, welches uns am meisten besorgt, ist der Terror, der von 'einsamen Wölfen' ausgeht. So wie den, welchen wir kürzlich in Norwegen gesehen haben. Es reicht eine geistig verwirrte Person oder jemand der von Hass getrieben ist, um immensen Schaden anzurichten. Und es ist viel schwerer, diese Täter aufzuspüren", so Obama.

Neuer Terror aus dem Netz

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2011 hat der norwegische Attentäter Anders Brevik 70 Menschen brutal ermordet. Von den "einsamen Wölfen" wird er als Vorbild gefeiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine richtige Einschätzung. Heute, neun Jahre später, töten jedoch die "einsamen Wölfe" mehr Menschen als jede andere Art des Terrors in der westlichen Welt. So wie digitale Medien die Welt verändern, veränderte sich auch der Terrorismus. Es sind Täter die sich fast ausschließlich im Internet mit rechter Propaganda radikalisieren. Auch in Deutschland ist dies wohl die größte terroristische Gefahr.

Und dieser Tätertyp wird immer noch nicht richtig verstanden. Was die Täter eint, ist das soziale Profil: männlich, vereinsamt, ohne Freundin. Ihre Ideologien: Antisemitismus, Fremden- und Frauenhass. Es kommt zu einer gefährlichen Mischung aus Frustration und politischer Radikalisierung. Diese Täter kommunizieren auf Englisch in internationalen Chaträumen, meist auf sogenannten Imageboards. Nationale Grenzen sind hier aufgehoben. Der Hass wird als Satire inszeniert und man versucht sich gegenseitig zu überbieten.

Imageboards - rechtsfreie Räume im Internet

Imageboards sind Internetforen auf denen in völliger Anonymität Bilder und Texte ausgetauscht werden können. Das Konzept dieser Foren stammt ursprünglich aus Japan, um Manga Bilder zu teilen. Mittlerweile ist vor allem das Forum "4chan" weltweit bekannt. Dort wurden die Inhalte über die Jahre immer extremer. Provokationen, Sexismus und politischer Extremismus sind auf "4chan" Normalität. Die Server stehen meist in den USA und dort wird kaum etwas gelöscht.

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Christoph Hebbecker ist einer der wenigen deutschen Cybercrime-Staatsanwälte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christoph Hebbecker ist einer der wenigen deutschen Cybercrime-Staatsanwälte und ermittelt auch auf den Imageboards. "Ich denke, es liegt auf der Hand, dass Personen die sich in einer Blase bewegen, in der Empathielosigkeit herrscht, in der zunehmend bestimmte Bevölkerungsgruppen als lebensunwert dargestellt werden, in der ganz bewusst gehetzt wird gegen Leute, die bestimmte Merkmale aufweisen, dass dabei eben auch die Hemmschwelle sinkt, in der analogen Welt, Straftaten zu begehen."

So wie die Tat von Halle. Am 9. Oktober 2019 versucht Stephan B. in die Synagoge von Halle einzudringen. Am jüdischen Feiertag Jom Kippur will er ein Massaker anrichten. Nur die Tür der Synagoge verhindert Schlimmeres. Anschließend erschießt er die 40-jährige Jana L. vor der Synagoge und den 20-jährigen Kevin S. in einem nahegelegenen Döner-Imbiss. Auf seiner Flucht verletzt er zwei weitere Personen durch Schüsse mit selbstgebauten Waffen.

Gewaltexzesse im Live-Stream

Die Tat überträgt er per Helmkamera live für die Community ins Netz. Und die Community reagiert und verteilt sein Video. Der Täter selbst lädt es wohl nur auf zwei Foren hoch. Ein deutscher Nutzer erkennt das Erregungspotential und verlinkt es sofort auf dem wichtigsten Imageboard: "4 chan". Als das Video dort auftaucht, steigen die Klickzahlen sofort. Es gelangt an die Öffentlichkeit und landet auf Smartphones weltweit. Selbst Angehörige und Opfer sehen das Video noch am Tattag.

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Der Extremismusforscher Florian Hartleb hat ein weltweit beachtetes Standardwerk über den Terror der "einsamen Wölfe" verfasst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Solche Täter-Videos dienen auch als Beleg der Attentäter für die Community. Dieser Tätertyp will bei einem Attentat wie in einem Computerspiel einen Highscore für eine höchstmögliche Zahl von Opfern erzielen. Die Highscores werden als Anerkennung auf perfiden Online-Ruhmeshallen verwaltet. Besonders makaber: es gibt Zusatzpunkte für Kindstötungen.

Wie sehr die Einflüsse von Gewaltspielen den Terrorismus verändert haben, beschreibt der Extremismusforscher Florian Hartleb, in einem weltweit beachteten Standardwerk über diese neue Art von Attentätern. "Die Gamification des Terrors schreitet rasant voran, die Plattformen wechseln sich und die Neuentwicklung, die eingesetzt hat, ist eben auch der Livestream. Das heißt, die Täter richten sich direkt an ihre Fans und diese Entwicklung hat man auch ganz stark in Halle beobachten können", schreibt Hartleb.

Tatvideo wichtiger als die Tat selbst

Am 21. Juli 2020 hat in Magdeburg der Prozess gegen den Attentäter begonnen. Das Gerichtsverfahren soll nun die Hintergründe des Anschlags aufklären. Das Attentat auf die Synagoge sorgte weltweit für Entsetzen. Das öffentliche Interesse ist groß. Offenbar will  der Täter das Verfahren als Bühne nutzen. Von Läuterung keine Spur. Er wird vor Gericht erklären, dass er für das Überleben der weißen Bevölkerung gekämpft hat. Die Übertragung des Tatvideos ins Internet ist für ihn wichtiger als die Tat selbst. Er wollte damit Gleichgesinnte animieren und seine Botschaft verbreiten. Auch das Video wird vor Gericht gezeigt, der Attentäter lächelt dabei.

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Der Anwalt Onur Özata hat schon Opfer des NSU und des Münchner Attentäters Sonboly vertreten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ismet Tekin, der Besitzer des Kiez Döners aus Halle, der selbst fast zum Opfer geworden ist, ist auch im Gerichtssaal. Er kommt mit seinem Anwalt Onur Özata zum Gerichtsverfahren. Özata ist erfahren im Umgang mit rechtsextremen Taten. Er hat schon Opfer des NSU und des Münchner Attentäters David Sonboly vertreten. Für ihn ist klar: Dass der Täter ein Antisemit, Islamhasser und Rassist sei, lasse sich leicht entlarven, doch seine Radikalisierung im Internet habe die Bundesanwaltschaft nur wenig aufklären können.

"Mit wem hat er gechattet? Mit wem hat er sich ausgetauscht? Auf welchen Plattformen, was sind dort für Ideen ausgetauscht wurden? Was wurde besprochen? Was hat er diesen Leuten erzählt, was nicht? Was weiß er über diese Personen?" Nicht nur für den Anwalt Özata sind das die entscheidenden Fragen im Zusammenhang mit dem Prozess in Halle. Denn zurzeit werden vier weitere fast deckungsgleiche Taten weltweit vor Gericht verhandelt. Stets sitzen "einsame Wölfe" auf der Anklagebank, die sich als Überzeugungstäter ohne Reue inszenieren.

Globales Netzwerk rechtsextremer Terroristen

Zuerst kommt es 2019 in Christchurch, Neuseeland zu einem Anschlag. Dort stürmte im März der Attentäter Brenton Tarrant zwei Moscheen und tötete mehr als 50 Menschen. Er war der erste, der ein Video im Stil eines Ego-Shooters übertrug. Damit löste er eine tödliche Attentatswelle aus. Nach ihm folgen die Anschläge bei San Diego und in El Paso in den USA, im August dann bei Oslo in Norwegen und schließlich im Herbst das Attentat in Halle.

Szene aus - Der Terror der einsamen Wölfe - Wie Einzeltäter zu rechten Attentätern werden.
Die Täter eint ihr soziales Profil: männlich, vereinsamt, ohne Freundin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Abläufe der Attentate sind fast identisch. Die Täter radikalisierten sich auf denselben Imageboards. Sie waren auf "4chan" und auf dem noch radikaleren "8chan" oder seinen Nachfolgern unterwegs. In diesen Chaträumen kündigten sie ihre Morde an und veröffentlichen ihre sogenannten Manifeste. Auf diesen Boards werden die gewalttätigsten Attentäter wie Heilige verehrt.

Fast alle der Attentäter von 2019 nutzten auch Steam. Steam ist eine Internetplattform für Computerspiele. Laut dem Unternehmen hat die Plattform über eine Milliarde Nutzer. Dort spielen und kommunizieren Menschen aus der ganzen Welt miteinander, man schließt sich in Gruppen zusammen. Oft wird rechte Symbolik vor allem in Gewaltspielen genutzt. Auch der 18-jährige David Sonboly war auf Steam im rechtsextremen "Anti Refugee Club" aktiv.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Die Story im Ersten | 03. August 2020 | 22:45 Uhr