Notensystem Kopfnoten: Sachsen will Rechtssicherheit schaffen

Das sächsische Kultusministerium will Rechtssicherheit beim Thema Kopfnoten in Schulen. Diese Noten sollen im Schulgesetz verankert werden. Im vergangenen Jahr hatte ein Schüler gegen die Bewertung des Sozialverhaltens geklagt und bekam Recht. Doch das Kultusministerium hält an den Kopfnoten fest. Befürworter verteidigen sie als wichtigen Hinweis auf das Sozialverhalten. Kritiker sehen in den Zensuren einen Eingriff ins Persönlichkeitsrecht.

Kopfnoten
Kopfnoten bewerten das Arbeits- und Sozialverhalten von Schülern. Ob sie rechtens sind, ist bisher unklar. Nun will Sachsen einen entsprechenden Passus gesetzlich verankern. Bildrechte: imago/Panthermedia

Wie oft meldet sich ein Schüler oder eine Schülerin? Kommt er oder sie häufiger zu spät? Wie steht es um Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme? Solche Verhaltensweisen will das sächsische Kultusministerium weiterhin benoten. Doch dafür muss ein Gesetz her.

Sprecher Dirk Reelfs erklärt, was im Entwurf seines Hauses steht: "Also im Grunde genommen wird im Schulgesetz jetzt lediglich ein Passus hinzugefügt, dass wir auch Bewertung von Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung vornehmen können, das auch in Zeugnissen enthalten sein darf in Form von Noten und dass es dazu auch die Möglichkeit gibt, das mit verbalen Einschätzungen zu ergänzen."

Kopfnoten

Kopfnoten bewerten das Verhalten von Schülern. Benotet werden unter anderem Sozialverhalten, Verantwortungsbereitschaft oder Arbeitsbereitschaft. Die schlechteste zu vergebende Zensur  ist "unbefriedigend", die beste "sehr gut". Ihren Namen erhalten die Noten von ihrem Platz ganz oben im Zeugnis ("am Kopf" des Zeugnisses). Bis in die 1990er wurden die Kopfnoten in allen Bundesländern bis auf Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz abgeschafft. Inzwischen vergeben Bayern und Sachsen wieder Kopfnoten.

Unklar, ob Kopfnoten Persönlichkeitsrecht von Schülern verletzen

In Sachsen werden seit 1999 wieder Kopfnoten vergeben. Bislang geschah das aber nur auf Basis von Verordnungen. Im Gesetz stand dazu nichts. Das hatte das Verwaltungsgericht Dresden im Oktober 2019 moniert. Die Richter argumentierten, Kopfnoten griffen in die Persönlichkeitsrechte ein.

Der Sprecher des sächsischen Kulturministeriums, Dirk Reelfs, sagt: "Allerdings steht noch das Hauptsacheverfahren aus, nämlich inwieweit Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte überhaupt vorliegen." Dazu gebe es noch keine Entscheidung. Sie seien dem jetzt allerdings vorausgeeilt, denn die Benotung der sozialen Kompetenzen sei ihnen so wichtig, dass sie auch rechtssicher seien und das Schulgesetz ändern wollten.

Anlass für die Debatte war die Klage eines Neuntklässlers, der sich mit seinem Zeugnis für eine Ausbildung bewerben wollte. Er befürchtete, dass die Kopfnoten seine Chancen schmälern könnten. Dass nun eine Gesetzesänderung kommen soll, bewertet der Sächsische Lehrerverband positiv. Er hatte sich zuletzt in einer Petition dafür stark gemacht.

Der stellvertretende Landesvorsitzende Michael Jung erläutert die Gründe: "Es ist sicherlich eine Tradition." Die Schüler, die Eltern aber auch die Ausbildungsbetriebe könnten damit von vorneherein sehen, welche Persönlichkeit vor ihnen stünde, wer sich bewerbe. Beziehungsweise könne das natürlich auch für die Schüler, für die Eltern ein Motivationsschub sein, nochmal Reserven rauszukitzeln.

Schüler und Gewerkschafter sehen Kopfnoten kritisch

Die Schüler selbst sehen das ganz anders – oder zumindest deren Vertretung. Der Landesschülerrat hatte sich schon immer gegen die Kopfnoten ausgesprochen. Daran ändert auch die geplante Gesetzesnovelle nichts.

Joanna Kesicka, die Vorsitzende, sagt: "Wir sehen die Kopfnoten, so wie sie jetzt in der Form durchgeführt werden als eine Art und Weise, den Schüler subjektiv zu bewerten und es zeigt nur einen beschränkten Einblick in das soziale Verhalten des Schülers."

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist den Zensuren gegenüber kritisch. Vor allem bei jüngeren Kindern würde man damit eher die Unterstützung der Eltern bewerten als die Schüler selbst, meint Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse. Was hält sie nun davon, dass die Kopfnoten in ein Gesetz gegossen werden?

 "Das ist kein Ende der Debatte", so Kruse. Sie gehe davon aus, dass die Kopfnoten auch nicht die nächsten 20 Jahre in Sachsen überlebten. Dass das ein Kompromiss gewesen sei in den Koalitionsverhandlungen, habe ja jeder sehen können. Mindestens zwei der drei beteiligten Parteien seien da ja eher skeptisch gewesen.

Der Gesetzesentwurf des Kultusministeriums geht jetzt zur Anhörung an die Verbände und Gewerkschaften. Danach muss der Landtag noch zustimmen.

Protagonisten aus "Kinder des Ostens" 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Juni 2020 | 05:00 Uhr

11 Kommentare

winfried vor 4 Wochen

"Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung" … igitt, viel zu konkret.
Evtl. sogar messbar ?!
Da lob' ich mir die modern-diffuse "Sozialkompetenz". Damit sind ALLES und NICHTS gemeint. Letztendlich muss man NUR "seinen Namen tanzen" können.

nasowasaberauch vor 4 Wochen

Ehemalige Ostzone kenne ich nicht. Geläufig mir nur als herabwürdigende Bezeichnung der DDR. Diese Republik hatte jede Menge Webfehler, aber das zentralistisch geführte Bildungssystem war, wenn man die politische Indoktrination ausblendet, in den Naturwissenschaften Spitze. Ein Abitur war überall gleichwertig von Sonneberg bis Rügen. Stimmt, schauen wir nach Finnland, aber zuerst hat Finnland in die DDR geschaut und Elemente dieses Bildungssystems übernommen. Soviel zur Reihenfolge und warum Finnland heute dort steht wo wir gerne wären.

winfried vor 4 Wochen

Da fällt mir eine "Geschichte" aus dem Arbeitsleben ein.
Im Arbeitszeugnis darf der Arbeitgeber nichts Nachteiliges über den scheidenden Arbeitnehmer, auch wenn der ihn beklaute, schreiben.
Deshalb formulierte der Schlachtbetrieb als Arbeitgeber:
"Herr XYZ war ehrlich, bis auf die Knochen".