Abitur-Prüfungsaufgaben, Zettel, Kugelschreiber und Taschenrechner
In Mitteldeutschland werden nächste Woche die Abi-Zeugnisse ausgeteilt. Bildrechte: imago/suedraumfoto

Mitteldeutschland Abitur nur noch reine Glückssache?

Nächste Woche gibt es Abitur-Zeugnisse. Doch noch immer sind diese deutschlandweit nicht vergleichbar. Obwohl mittlerweile ein bundesweiter Pool an Prüfungsaufgaben existiert, aus dem sich alle Länder bedienen sollen. Warum das so ist und wie die mitteldeutschen Bildungsministerien darauf reagieren.

von Constanze Hertel, MDR AKTUELL

Abitur-Prüfungsaufgaben, Zettel, Kugelschreiber und Taschenrechner
In Mitteldeutschland werden nächste Woche die Abi-Zeugnisse ausgeteilt. Bildrechte: imago/suedraumfoto

Sachsen und Sachsen-Anhalt zählen zu den Ländern mit besonders anspruchsvollem Abitur. Das ist von Vorteil, denn so sind die Schüler gut auf das Studium vorbereitet.

Von Nachteil ist aber, dass ihnen die Plätze manchmal von weniger guten Schülern aus anderen Bundesländern weggeschnappt werden, erklärt Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger: "Über die Hälfte aller Studiengänge in Deutschland ist beschränkt, hat in der Regel einen Numerus clausus und dabei wird im Wesentlichen auf die Abiturdurchschnittsnote zurückgegriffen. Ein Zehntel Unterschied kann bedeuten, ich bekomme zum Beispiel die Zulassung zum Psychologiestudium oder nicht." Und so kriegt von zwei Bewerbern mit gleichem Können der den Platz, der das leichtere Abitur hatte.

Kritik an Aufgabenpool

Heinz-Peter Meidinger, Gymnasiallehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger Bildrechte: Heinz-Peter Meidinger

Das weiß auch die Politik. Seit 2017 gibt es deshalb nun für Kernfächer einen bundesweiten Aufgabenpool. Jedes Land kann sich daraus bedienen. Eine Grundlage für mehr Vergleichbarkeit sollte der bieten. Geholfen habe das aber wenig, kritisiert Meidinger. Diese Vergleichbarkeit sei eine Farce.

"Wir hatten Länder, die haben überhaupt keine Aufgabe aus dem Aufgaben-Pool genommen wie zum Beispiel Rheinland-Pfalz. Wir haben Länder, zum Teil auch die neuen Bundesländer und Hamburg, die haben fast alle Aufgaben aus dem Pool genommen." Und wer Aufgaben herausnimmt, darf sie kürzen, ergänzen oder den Schülern die Wahl lassen, welche Teilbereiche sie lösen.

Bis alle Länder die gleichen Aufgaben stellen können, brauche es aber auch einfach noch Zeit, meint der thüringische Bildungsminister Helmut Holter, der bis vor Kurzem Vorsitzender der Kultusministerkonferenz war. "Die Verabredung war, dass ab 2021 alle Länder aus dem Aufgabenpool ausschließlich diese Aufgaben nehmen. Und die Frage ist jetzt, ob alle Länder die Lehrpläne so entwickeln, dass die Aufgaben für alle Schüler zur Anwendung kommen können."

Bildungsminister reagieren

Marco Tullner
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner Bildrechte: dpa

Das Problem der Benachteiligung bei den Studienplätzen sehen die Bildungsminister in Mitteldeutschland aber durchaus und haben auch schon reagiert. So hat Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner unter anderem durchgesetzt, dass zusätzlich zum Leistungskursniveau wieder auf Grundkursniveau unterrichtet wird. Das bedeutet für einige Schüler also eine Erleichterung.

Deswegen haben wir bewusst diese Oberstufenreformen gemacht, um sachsen-anhaltische Sonderwege nicht mehr zu gehen", erklärt Tullner. "Aber dass wir jetzt bei 'Deutschland sucht das leichteste Abitur' mitmachen, das kann im Endeffekt auch keiner von uns verlangen." Die Sorge ist: Stimmen alle Länder ihr Abiturniveau aufeinander ab, könnte die Qualität leiden.

Eine Sorge, die Sachsens Kultusminister Christian Piwarz teilt. Schriftlich warnte er davor, dass nur, um Vergleichbarkeit zu erreichen, das Abitur nicht deutschlandweit auf ein Mittelmaß absinken dürfe. Ein Zentralabitur könnte bei den momentanen Unterschieden genau das bewirken. Er findet, wie auch seine Amtskollegen, dass sich die Länder schrittweise annähern, sei der bessere Weg. Wenn auch einer, der noch mindestens bis 2021 brauche.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Juni 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2019, 05:00 Uhr

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17 Kommentare

28.06.2019 10:25 Bernd L. 17

Die Bildungspolitik in Deutschland ist verkorkst, die Kleinstaaterei mit 16 verschiedenen Varianten ist mehr als lächerlich. Einheitliche Abituraufgaben und Standards sind überfällig.
Allerdings kann ich die Länder verstehen, die sich jetzt dagegen sträuben. Eine Vereinheitlichung würde jetzt dazu führen, dass diese etwa auf dem Niveau der Schwachländer Berlin, Bremen, NRW passiert- das wäre für unseren Bildungsstandort der worst case. Die rotgrüne Bildungspolitik hat in einigen Ländern schwer reparablen Schaden angerichtet- das Abitur in Berlin oder Bremen ist als Zeugnis für erworbene Bildung nahezu wertlos. Deutschland müsste sich zum großen Wurf durchringen- einheitliche Standards auf hohem Niveau. Der Trend geht leider in die andere Richtung (Niveauabfall, Schulschwänzer).

27.06.2019 20:04 karstde 16

Seitdem ich Bundesbürger bin, muss ich mir jedes Jahr diesen Mist anhören. Diese Gesellschaftsordnung bekommt es einfach nicht in den Griff. Es werden aber immer wieder dieselben gewählt, die dies seitdem zu Verantworten haben. Man kann sich aufregen wie man will, gehört ja heute zur freien Entwicklung der Persönlichkeit, nur ändern tut sich nix.

27.06.2019 18:04 Bernd1951 15

Die ganze Diskussion über die Qualität der Abiturnoten in den einzelnen Bundesländer dauert nun schon Jahrzehnte und ich hoffe nicht, dass es Jahrzehnte so weitergeht.
Vereinfacht und drastisch ausgedrückt: Solange es für die Abiturprüfungen keinen gemeinsamen Aufgabenpool gibt aus dem sich die Bundesländer bedienen müssen, ist der Numerus Clausus für Studienfächer mehr oder minder sinnlos. So könnte ein Bundesland um mehr Hochschulabsolventen zu bekommen, die Anforderungen an das Abitur absenken. Dann bekommen diese für die Studienfächer mit Numerus Clausus eher einen Studienplatz und stechen Bewerber aus anderen Bundesländern mit auf dem Papier schlechteren Noten aus.
Ich glaube aber eher im Gegensatz zu den Versprechungen des gemeinsamen Prüfungspools an eine unendliche Geschichte des Bemühens. Wenn in einem Arbeitszeugnis steht: "Er hat sich stets bemüht.", dann sagt das alles über die Qualität der Arbeit dieses Mitarbeiters.

27.06.2019 17:33 Daniel Müller 14

Ich will einfach nicht mehr von fehlender Vergleichbarkeit der Abiturnoten hören. Jeder Statistiker weiß, dass durch die Normierung der Abiturnoten auf ihre z-Werte eine faire Vergleichbarkeit entsteht, da diese Werte dann auch stark mit dem IQ korrelieren, der ja der Sortierungsfaktor für einen Studienplatz sein sollte.

27.06.2019 16:04 Johny 13

Rettung naht. Es wird nur etwa sechs bis sieben Jahre dauern, dann ist auch das sächsische Abitur dem Bremer Abitur ebenbürtig. Aber bis dahin behilft man sich eben: Ein Freund war mal Personalberater einer größeren Firma und die wußten dort - aus Erfahrung - genau nach Bildungsort zu differenzieren, wo eine in "A" gegebene harte Drei in Mathe mehr wert war, als die in "B" gegebene weiche Zwei.

27.06.2019 15:55 Peter 12

@4: "Warum haben die Verantwortlichen nicht versucht, eine zeitnahe Lösung zu finden?"
Die Kultusminister haben doch Lösungen gefunden. Sie haben sich auf einen deutschlandweit gültigen Aufgabenpool verständigt.
Nun werden Sie fragen: Warum gilt dieser erst ab 2021? Ich denke, es gibt darauf eine einleuchtende Antwort: Die Lehrpläne in den 16 Bundesländern müssen auf diesen zentralen Aufgabenpool ausgerichtet sein. Man stelle sich vor, die Abiturprüfung beinhaltet eine Aufgabe aus diesem Pool, die in einem Bundesland nie zum Lehrplaninhalt gehörte. Die Reaktion der Schüler und der Eltern kann man sich vorstellen.
Damit keine Missverständniss aufkommen: Ich bin sehr wohl für ein möglichst einheitliches Bildungssystem in diesem Land. Es gibt allerdings auch viele Gegner. Unter anderem lehnte die AfD mit dem Hinweis, den Föderalismus im deutschen Bildungswesen beibehalten zu wollen, im Bundestag den Digitalpakt ab.

27.06.2019 14:17 Dh 11

Das sind die Zeichen des allgemeinen Verfalls in DE. Wo funktioniert überhaupt noch etwas richtig? Regierung unfähig, Bildungswesen am Boden, Infrastruktur marode, Gesundheitswesen am Limit, Pflege überlastet, Justiz und Polizei überfordert, Militär desolat, ausufernde Kriminalität, verfehlte Migrationspolitik, Wohnungsnot, Armut, Analphabeten, die Aufzählung kann beliebig fortgesetzt werden. Besonders schlimm ist aber die bundesdeutsche Überheblichkeit. Immer den Splitter in den Augen des Anderen sehen. Das eigene Unvermögen verleugnen und kaschieren. Was habe ich in den letzten 30 Jahren, nicht alles Schlechte über das Bildungswesen in der DDR hören und lesen müssen. Komisch aber, dass alle meine Klassenkamaraden, mit denen ich 1975 Abitur in der DDR gemacht hatte, problemlos, entsprechend ihrer Wünschen, studieren konnten. So wie auch ich. Warum ist die bundesdeutsche Politik nicht ehrlich und räumt ihr völliges Totalversagen endlich ein.

27.06.2019 13:18 Morchelchen 10

Wenn man den Lehrstoff an Schüler anpasste und nicht die Schüler so forderte und förderte, dass die genügend Lerndisziplin aufbrachten, kam es dazu, dass in gewissen Bundesländern der Schwierigkeitsgrad verringert wurde. Um wohl mit der Anzahl an Abiturienten nicht all zu stark abzufallen gegenüber anderen Gegenden. Mittlerweile hat sich als offenes Geheimnis überall herum gesprochen, dass jedoch das sogenannte "Hamburger Abitur" nicht die beste Grundlage bildet für ein anschließendes Studium. Somit dürfte die Schulbildung in den neuen Bundesländern wohl etwas sein, wo die unbestritten mit vorn liegen...

27.06.2019 12:47 nasowasaberauch 9

Das kleine Deutschland ist nicht in der Lage eine Vergleichbarkeit der Prüfungsaufgaben/Ergebnisse herzustellen. Das liegt wieder einmal am falsch verstanden oder interpretierten Föderalismus. Dieses Ressort Bildung gehört da nicht hin, sondern muss zentral gesteuert werden. 16 Provinzfürsten mit der gleichen Anzahl Bildungsministern. Was soll man da schon erwarten? Die mittelmäßige Bildungspolitik in Deutschland kann nur ein neues Hambacher Fest retten.

27.06.2019 12:34 annerose will 8

Ich habe den Sinn des föderalen Bildungsgedankens noch nie verstanden. Jedes Kind in Deutschland sollte doch das gleiche Bildungsangebot bekommen dürfen. Das ist zuerst eine Frage der Gleichbehandlung und zweitens auch praktische Lebensnotwendigkeit z.B. bei Umzug von Bundesland zu Bundesland. Die Bildung sollte bundeseinheitlich zentralisiert werden. Hiergegen kann es keine vernünftigen Argumente geben ! Das würde natürlich eine Menge Verwaltung in der Schulpolitik sparen. Man kann sich durchaus vorstellen, wer am Föderalismus Interesse hat und warum.