Einzelhandel Kritik an 800-Quadratmeter-Regel

800 Quadratmeter: Das ist im Moment eine wichtige Grenze für viele Geschäfte in Mitteldeutschland. Ist die Verkaufsfläche größer, dürfen die Läden nicht oder nur eingeschränkt öffnen. Doch die Regeln unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Wir zeigen für welchen Unmut das sorgt und was für konkrete Auswirkungen es hat.

Am Brühl in Leipzig
Große Einkaufszentren in Sachsen dürfen aktuell noch nicht öffnen. Bildrechte: imago/Harald Lange

Die Leipziger "Höfe am Brühl" sind an diesem Freitag wie ausgestorben. Nur vereinzelt laufen Menschen durch das riesige Einkaufszentrum. Fast alle Läden sind geschlossen. Nur ein Bäcker hat geöffnet und ein Supermarkt. Das liegt an der sächsischen Corona-Schutz-Verordnung. Sie schreibt vor, dass fast alle Läden in Einkaufszentren vorerst geschlossen bleiben müssen.

IHK nennt 800-Quadratmeter-Regel "absurd"

Das gilt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für Läden, die größer als 800 Quadratmeter sind. "Diese 800-Quadratmeter-Regelung ist absolut absurd und falsch. Sie führt in erheblichem Maße zu Wettbewerbsverzerrungen", sagt Hans-Joachim Wunderlich von der Industrie und Handelskammer (IHK) Chemnitz.

Was ihn an der Regelung besonders stört, ist die Tatsache, dass Sachsen eine Verkleinerung der Verkaufsfläche nicht erlaubt – anders als zum Beispiel das Land Thüringen. Ulrich Fischer, Geschäftsführer der Modehaus-Kette Fischer, beschreibt die Auswirkungen für sein Unternehmen so: "In Zwickau haben wir eine Filiale mit 16.000 bis 17.000 Quadratmetern, in Gera auch. Die Filiale in Gera in Thüringen durfte heute öffnen - auf 800 Quadratmetern. In Zwickau ist das tatsächlich nicht so."

Sozialministerium verteidigt Maßnahmen

Zwei Läden mit gleicher Größe, etwa 40 Kilometer entfernt. Der eine darf öffnen, der andere nicht. Aber wie begründet das zuständige Ministerium in Sachsen, dass nur die Gesamtladenfläche gilt und nicht etwa die Fläche, die effektiv genutzt wird? Auf Anfrage von MDR AKTUELL antwortet das Sozialministerium so:

Es besteht die Befürchtung, dass gerade bekannte und beliebte, großflächige Geschäfte mit einem breiten Angebot per se viele Kunden anlocken, selbst wenn die Verkaufsfläche reduziert ist.

Sächsisches Sozialministerium

Tatsächlich ist Sachsen mit seiner Einschätzung unter den Bundesländern fast allein. Allerdings hatte Sachsen-Anhalt ebenfalls die Begrenzung der Ladenfläche beschlossen. Der Unternehmer Ulrich Fischer kann verstehen, dass Regelungen getroffen werden müssen. Dabei müssten natürlich Grenzen gezogen werden.

Lockerung der Regel nicht ausgeschlossen

Das sieht auch Hans-Joachim Wunderlich von der IHK so. Er wünscht sich dennoch eine andere Regelung. Eine, die die Zahl der Kunden begrenzt, die gleichzeitig im Laden sein dürfen. "Zum Beispiel ein Kunde pro 20 Quadratmeter. Das heißt, dass die Größe der Handelseinrichtung keine Rolle spielt."

Von den 17 Filialen der Modehaus-Kette Fischer in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind zur Zeit zehn geschlossen, weil sie entweder größer als 800 Quadratmeter sind oder, und das ist der Hauptgrund, in Einkaufszentren liegen. Letzteres treffe auf 60 bis 70 Prozent der Verkaufsfläche in Mitteldeutschland zu, schätzt Ulrich Fischer.

Er wünscht sich jetzt vor allem, dass "man pragmatische Lösungen schafft und über neue Lösungen nachdenkt. Denn diese Lösungen, die jetzt in Sachsen und Sachsen-Anhalt getroffen wurden, sind Alleingänge und natürlich fernab jeder Realität. Wir sind der Auffassung, dass wir in den Stores alles dafür getan haben, dass die Hygienekonzepte und die Verordnungen eingehalten werden."

Von Seiten des Sächsischen Sozialministeriums heißt es nun zumindest, dass eine Änderung bzw. Lockerung der bestehenden Regelungen beraten werde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. April 2020 | 06:09 Uhr

9 Kommentare

Holger vor 20 Wochen

Die Rücknahme von Einschränkungen gehen viel zu schnell! Warum wartet man nicht nach jeder Lockerung erstmal 14 Tage ehe man den nächsten Schritt tut? Der Trend in D geht immer mehr dahin, dass die inzwischen ca. 6000 Toten und weitere Tote in Zukunft hingenommen werden muss!!! Hauptsache die Wirtschaft und das Leben geht trotz Corona weiter. Ein trauriger Trend!!! Zumal es auch Stimmen gibt, die die gestorbenen Coronatoten über 65 nur als Kostenfaktor der RV sehen. Wer ernsthaft glaubt, dass man einfach den Schalter wieder umlegen kann und das Leben so weitergeht wie vorher, der irrt gewaltig. Man sollte im Fernsehen den Leuten hier in D jeden Tag die Bilder aus den Intensivbereichen der Kliniken vor Augen führen!!! Die Leute werden erst munter, wenn unter den Opfern plötzlich nähste Verwandte sind!!!

Holger vor 20 Wochen

Es wird hier von Tag zu Tag unerträglicher! Jeder gibt seinen Senf dazu und viele scheinen Hobbyvirologen, und Experten für Covid-19 zu sein. Da wird vor wenigen Tagen als Lockerungsmaßnahme die Öffnung von kleinen Läden erlaubt und keinen Tag später rufen hauptsächlich die Wirtschaftsexperten nach weiteren Öffnungen wie Läden über 800m², Gottesdienste, Demos und sogar Gaststätten und Cafes sollen die Tore öffnen. Und der Gipfel der Frechheit sind ernsthafte Gedankenspiele von möglichen Tourismus an Nord und Ostsee. Ja geht es denn noch? Alle hier die lauthals nach Rückkehr der Zeiten vor Corona rufen, sollten sich mal klar machen, dass es gegen diesen Virus weder Impfstoff noch Medikamente gibt!!! Politiker in den Bundesländern übertrumpfen sich mit Lockerungen und profilieren sich damit. In jeder Nachrichtensendung fragen die Moderatoren nach Stichtagen für die nächsten Maßnahmen von Lockerungen. Jeder Sender übertrifft den Anderen. Schaut so guter Journalismus aus?

Gerd Mueller vor 20 Wochen

QUATSCH + gesteuerte Panikmache. Weltweit gehts den meisten viel schlechter als uns. Schaut mal nach Indien wo 1,3 Milliarden Menschen betroffen sind.