Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde steht auf dem jüdischen Friedhof von Herrlisheim in der Nähe von Straßburg.
Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Problem, auch an unseren Schulen. Dagegen soll jetzt vorgegangen werden. Bildrechte: dpa

Bundesweite Meldepflicht gefordert Wie sächsische Schulen mit Antisemitismus umgehen

Antisemitismus ist ein Problem in unserer Gesellschaft – auch an unseren Schulen. Erst kürzlich hat in Hessen eine Schule drei Schüler der Polizei gemeldet. Sie sollen nach einem Besuch im ehemaligen NS-Konzentrationslager Buchenwald im Reisebus antisemitische Musik abgespielt haben. Nun hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, für Schulen eine bundesweite Meldepflicht bei antisemitischen Vorfällen gefordert. Wie gehen sächsische Schulen mit solchen Fällen um?

von Carolin Fröhlich, MDR AKTUELL

Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde steht auf dem jüdischen Friedhof von Herrlisheim in der Nähe von Straßburg.
Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Problem, auch an unseren Schulen. Dagegen soll jetzt vorgegangen werden. Bildrechte: dpa

Ob wegen der sexuellen Orientierung, ethnischer Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit - Diskriminierung gehört in vielen Schulen zum Alltag. Diese Rückmeldung bekommt Juri Haas immer wieder von Lehrenden, Eltern, Schülerinnen und Schülern. Haas leitet für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW das Referat "Antidiskriminierung und Migration".

Diskriminierung gehe dabei sehr niederschwellig los, sagt er. Wenn zum Beispiel neu zugewanderte Kinder zu hören bekämen, dass sie "erst mal richtig Deutsch sprechen" sollten und so ausgegrenzt würden.

Wir haben auch eine Verrohung der Sprache, dass "Jude" oder "Opfer" in der Alltagssprache der Jugendlichen eine Rolle spielt.

Juri Haas, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW

Schlussendlich gebe es auch noch tätliche Auseinandersetzungen, bei denen Zugehörigkeiten zu Gruppen eine Rolle spielten, erklärt Haas.

Ob Diskriminierungen in sächsischen Schulen vorrangig vor allem antisemitisch sind, kann Haas nicht beurteilen. Treten sogenannte "besondere Fälle" an sächsischen Schulen auf – wie etwa die Verwendung von Nazi-Symbolen oder Volksverhetzung – müssen sie allerdings gemeldet werden. Nach Angaben des sächsischen Innenministeriums gab es im vergangenen Jahr sieben solcher Fälle an Schulen, in diesem Jahr gab es bis jetzt sechs Fälle.

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Wie gehen Schulen in Sachsen aktuell mit solchen Fällen um?

MDR AKTUELL Do 07.11.2019 07:51Uhr 03:04 min

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Wichtig ist die Schwere des Falls

Ob und was gemeldet wird, liegt am Ende vor allem in der Verantwortung des Lehrers, der davon erfährt. Laut Michael Jung vom Sächsischen Lehrerverband ist dabei die Schwere des Falls entscheidend. Stumpfe Beleidigungen könnten gut intern an der Schule geklärt werden. Wenn es um menschenverachtende Äußerungen oder Gewaltandrohungen gehe, sollten Kollegen aber einschreiten.

Wichtig sei dabei, immer abzuwägen. Alles könne man gar nicht melden, findet Jung. Jedes Wort zu melden sei für ihn lediglich Aktionismus, den er vermeiden wolle. Die Schulbehörden seien ohnehin schon unterbesetzt und er wisse nicht, "wer so was bearbeiten soll". Jung fordert, dass klar festgelegt wird, was eine Straftat ist, und was vielleicht auch schulintern geklärt werden könnte.

Schulen sensibilisieren

Das Kultusministerium hat dafür im Frühjahr eine Handreichung für Lehrer veröffentlicht. Dort werden an fünf Fallbeispielen Handlungsempfehlungen gegeben - zu Themen wie der Nutzung von SS-Symbolen oder rassistischer Beleidigung in sozialen Netzwerken. Antisemitische Beleidigungen gehören nicht dazu.
Weitere Beispiele erarbeite man gerade, sagt Susann Meerheim, Sprecherin des Kultusministeriums.

Man kann nicht jedes Detail gesetzlich regeln, aber man sollte die Schulen sensibilisieren.

Susann Meerheim, Sprecherin des Kultusministeriums

Hakenkreuze auf dem T-Shirt zu tragen sei "kein Dumme-Jungen-Streich", sondern eine schwerwiegende Tat, meint Susann Meerheim.

Juri Haas von der GEW hofft darauf, dass mit den neuen Fallbeispielen Lehrern auch ein Umgang mit antisemitischen Beleidigungen an die Hand gegeben wird. Denn bis jetzt ist nicht eindeutig geklärt, welche Fälle als schwerwiegend gelten. Was laut Haas dazu führen könnte, dass die Schulen diese Beleidigungen aus Unsicherheit eher nicht meldeten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. November 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 05:00 Uhr

21 Kommentare

der_Silvio vor 5 Tagen

Antisemitismus und Antijudaismus ist ein WELTWEITES Problem!
Deutschland ist da LEIDER KEINE Ausnahme!
Nur wird bei diesem Thema hierzulande reflexartig mit dem Finger nach Rechts gezeigt, wohlwissend, daß der Hass gegen Juden und Israel, von rechts UND links UND vom Islam ausgeht!
Daher darf man auf KEINEM Auge blind sein und dem Antisemitismus nach ALLEN Seiten hin entgegenwirken.

MDR-Team vor 5 Tagen

Lieber Pjotr,
das ändert alles nichts daran, dass Antisemitismus nichts "Importiertes" ist. Sie finden auch unter der autochthonen Bevölkerung einen nicht geringen Anteil an Menschen mit antisemitischer Einstellung. Auch ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung sieht daher ein größeres Problem im hierzulande verwurzelten Antisemitismus als in der religiös geprägten Variante, wie sie zum Teil unter Muslimen verbreitet ist. https://www.mdr.de/nachrichten/politik/gesellschaft/zentralrat-radikalisierung-afd-100.html
Viele Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion

Pjotr vor 5 Tagen

Hallo MDR Redaktion,

der alljährlich stattfindende al-Quds-Tag in Berlin ist Ihnen bekannt? Die Prügelattacke des schutzsuchenden, jugendlichen, unbegleiteten Flüchtlings in Berlin auf einen jüdischen Bürger auch? Auch die Angriffe von offensichtlich Andersgläubigen auf Kippaträger in Berlin? Nein?
Ich denke allerdings schon.

Man sollte einen Selbstversuch starten und mit der Kippa durch deutschlandweit berüchtigte Stadtteile, besonders in Großstädten, laufen. Ich hätte nicht den Mut dazu. Und Sie?