Thomas Nitschke rekonstruiert 2010 eine zerrissene Stasi-Akte.
Stasi-Akten, die vernichtet werden sollten, werden in mühsamer Kleinarbeit wieder zusammengeklebt. Bildrechte: dpa

Stasi-Akten Landesbeauftragte: Besorgt wegen geplanter Akten-Auslagerung

Was wird aus den Stasi-Unterlagen: Dazu hat der Bundesbeauftrage Roland Jahn jetzt ein Konzept vorgestellt. Demnach wird die Stasi-Unterlagen-Behörde aufgelöst. Die Akten gehören in Zukunft zum Bundesarchiv. In den ostdeutschen Ländern gibt es dann nur noch jeweils einen Standort, an dem die Akten gelagert werden. Weitere Außenstellen bleiben, aber ohne Akten. Ist das eine gute Lösung?

von Stephan Zimmermann, MDR AKTUELL

Thomas Nitschke rekonstruiert 2010 eine zerrissene Stasi-Akte.
Stasi-Akten, die vernichtet werden sollten, werden in mühsamer Kleinarbeit wieder zusammengeklebt. Bildrechte: dpa

Was wird aus den Außenstellen der Stasi-Unterlagenbehörde in den Ländern, wenn dort keine Akten mehr liegen, weil es nur noch einen Archiv-Standort gibt? Für Birgit Neumann-Becker ist das eine ganz zentrale Frage.

Kein Konzept für Gebäude

Die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeit der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, spricht während eines Interviews im Foyer der Universität Halle.
Birgit Neumann-Becker Bildrechte: dpa

Neumann-Becker ist Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie befürchtet, dass historische Erinnerungsorte verloren gehen. "Die Orte verschwinden, die Spezialheime, Gefängnisse Parteigebäude, alles verschwindet. In diese Richtung fällt für mich die Entscheidung, diese Gebäude aufzugeben, ohne ein Konzept dafür zu haben", sagt Neumann Becker.

In Halle und in Magdeburg sind die Außenstellen der Unterlagenbehörde in ehemaligen Stasi-Gebäuden untergebracht. Dort gibt es Ausstellungen, Führungen und so weiter. Was wird nun aus diesen historischen Gebäuden – ohne Akten?

Der Bundesbeauftrage Roland Jahn hat bei der Vorstellung seines Konzepts nur so viel dazu gesagt:

Das wichtige ist doch, dass in den Außenstellen die Arbeit weiter geht, wir die Akten zur Verfügung stellen und auch Beratung und Information stattfindet.

Roland Jahn Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen

Birgit Neumann-Becker reicht diese Auskunft nicht. Ihr fehlt ein Konzept für die Nutzung der Außenstellen. Und dass Bürger die Stasi-Akten einsehen können, ist für sie dabei nur ein Aspekt.

Akten sind Zeitzeugen

Es geht um mehr. "Was machen Sie in diesen großen Gebäuden", fragt Neumann-Becker. "Gebäude füllen sich immer durch Nutzung. Und bisher sind die ehemaligen Bezirksverwaltungen der Stasi durch die Unterlagenbehörde genutzt. Und zwar  vor allem, um die Akten vor Ort zugänglich zu machen."

Für Hildigund Neubert geht es aber nicht nur um die Nutzung der Gebäude. Sie war in der DDR in der Bürgerbewegung aktiv und später Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Thüringen. Sie meint: auch die Akten selbst sind Zeitzeugen. "Da muss man genau schauen, wie erhält man diesen Denkmalcharakter der Unterlagen, die ja bei Archiv-Führungen immer wieder ihre Wirkung erzielen." Der Rückzug aus der Fläche sei in diesem Fall immer das Falsche. Wenn man eine flächendeckende Bildung haben wolle, müsse man in die Fläche gehen.

Kein zentrales Archiv

Das heißt: Die Akten dürfen eben nicht in einem zentralen Archiv verschwinden. Das betont auch Lutz Rathenow, der sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er kritisiert aber auch noch einen weiteren Punkt.

Lutz Rathenow
Lutz Rathenow Bildrechte: MDR SACHSEN

"In Sachsen", so Rathenow, "wird die Nutzbarkeit der Akten auseinander gerissen. Es gibt in Dresden und in Chemnitz alle wesentlichen Partei-Akten, die man jetzt fast gleichzeitig mit den Stasiakte nutzen kann. Dann werden die Akten an einen Ort weggelagert."

Wahrscheinlich nach Leipzig, und das erschwert die wissenschaftliche Aufarbeitung der Akten in der Region. Rathenow erklärt, außerdem gebe es die Möglichkeit, bei der Sicherung der Akten eng mit dem Staatarchiv zusammenzuarbeiten. In Chemnitz gebe es dazu schon Verabredungen. Ein zentraler Archiv-Neubau sei im Vergleich dazu keine gute Lösung für die Akten. Dies sei zwar "sehr repräsentativ für Festveranstaltungen und anderes. Das ist aber was anderes, als sie für die Aufarbeitung sinnvoll nutzbar zu machen."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. März 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 05:00 Uhr